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Montag, 30. September 2019

Herbst

Vor einer Woche, zur Tag- und Nachtgleiche, sind wir hinausgegangen, wie wir es jeden Monat einmal tun, haben Feld, Strauch, Rebe, Birke und Wald beobachtet, wie sie sich verändern.
Gestern habe ich endlich die Bilder gesichtet, die dabei entstanden sind. Nichts liess morgens um neun drauf schliessen, dass es ein beinahe sommerlicher, sonniger Tag werden würde.

Details, die man eigentlich nicht sieht... Ich habe das Bild auf der Kamera unmittelbar, nachdem ich es aufgenommen hatte, einigen Schülern gezeigt, die in meiner Nähe standen. Sie konnten nicht entdecken, wohin ich geschaut hatte. Doch dann standen sie fasziniert auf der Strasse und guckten durch die Hütte hindurch, an der wir seit zwei Jahren regelmässig vorbei gehen, und sahen zum ersten Mal.
"Am Hagebuttenstrauch hat es so grosse rote Dinger, es sind vielleicht Früchte", schrieb ein Kind. Ich schwöre, wir haben von der Knospe über die Blüte und die Frauchtansätze bis hin zur Reife kein Stadium verpasst. Man kann eben nie wissen, ob Worte ankommen, sich mit Bildern verbinden und sich so im Bewusstsein einschreiben.
Die Birke zeigte bereits erste Verfärbungen.
Der Wald aber, der zeigte sich gar nicht. 

Samstag, 28. September 2019

PS

War wohl ein Warnschuss.
Ich konnte mich bewegen aber nicht bücken, und so habe ich mich viel bewegt und nicht gebückt. Jetzt bin ich noch vorsichtig, aber zuversichtlich. Gute Nacht!

Theorie und Praxis

Ein Hexenschuss ist ein Alarmsignal: Er zeigt an, dass die Rückenmuskulatur nicht stark genug ist. Das sollten Sie ändern. Wenn die akuten Beschwerden abgeklungen sind, hilft ein gezieltes Rückentraining (z.B. Wirbelsäulengymnastik) langfristig, neue Rückenprobleme zu vermeiden. Zusätzlich sollten Sie kleine Bewegungseinheiten in Ihren Alltag einbauen – steigen Sie von Auto, Bus und Bahn so häufig wie möglich aufs Fahrrad um oder gehen Sie zu Fuss. Achten Sie ausserdem auf ein gesundes Gewicht und vermeiden Sie Fehlhaltungen beim Sitzen, Tragen oder Stehen...
Danke, Hexe, für diesen fulminanten Start in die Herbstferien! Und bitte, ich habe in den kommenden Wochen einen Garten und Holzvorrat für den übernächsten Winter aufzuräumen. Schiess deine Pfeile künftig woanders hin. 

Freitag, 27. September 2019

Vierkommafünf

Ferien. Der erste Ferienabend ist der schönste, sagte ich immer. Aber heute sitze ich da, erschlagen, kränkelnd, allein und enttäuscht von diesem Schultag, von mir an diesem Tag. Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich einen benoteten Test den Kindern zurückgeben. Das ist so schrecklich, so unmenschlich. Ein Kind in diesem Alter kann nicht unterscheiden zwischen: Das ist eine Beurteilung eines momentanen klitzekleinen Ausschnittes meines Lernstandes, und: das ist eine Beurteilung meiner selbst.
Das motivierteste, aufmerksamste, lustigste Kind, welches zwar immer etwas länger braucht als die meisten, dafür Fragen stellt und tüftelt, bis es versteht, dieses Kind begann zuerst zu zittern und bald darauf zu schluchzen. Ich hätte am liebsten mitgeweint, hätte diesen doofen Test am liebsten in den Müll geschmissen. Statt dessen musste ich zuschauen, wie ein gesund lernendes Kind zum ersten Mal geknickt wird von einem irrwitzigen System, an welches alle glauben, weil es seit Generationen irgendwie funktioniert.
Wenn ich keine Familie miternähren müsste, ich würde mutiger sein im Denken über den Tellerrand hinaus. 
Damit ich den eigenen Kindern den Weg in ihr Erwachsensein ermöglichen kann, muss ich andere brechen. Das geht nicht auf, und daran könnte ich zerbrechen, wenn ich nicht lerne mich zu schützen. Aber wovor? Und wie?

Das gehört halt zum Leben. Das macht sie auch stark. Die spüren ja bei dir, dass diese Noten nicht alles sind. Für viele ist das auch ein guter Ansporn...
Es gibt viele Argumente, welche den Istzustand verteidigen. Dass aber ein Drittel der Menschheit zwischen sechs und zwölf Jahren da durchfällt, weil es halt eben so ist, das will mir nicht in den Kopf. Und ins Herz schon gar nicht.
Daher brauche ich jetzt Ferien, auch wenn das für Nicht-LehrerInnen wie ein Hohn klingen mag. Ich muss die Quelle freischaufeln, aus der meine Motivation für meinen Beruf sprudelt.
Bewertungen sind Zement.
Blasenentzündung passt.

Sonntag, 22. September 2019

Zwischenbericht

Nur kurz, bevor ich wieder loseile, doch dies muss sein:

Aus dem Silberstreifen, der vor 10 Tagen am Horizont erahnbar wurde, scheint tatsächlich ein neuer Tag mit hellem Licht zu werden. Das Leben der Tochter bekommt wieder Farben, Bewegung und Zukunftsblicke. Die fünfmonatige Nacht zieht ihre Schatten zurück, mit jedem Tag wachsen Hoffnung und Zuversicht.
In mir macht sich eine riesige Erschöpfung breit – vor lauter Dankbarkeit und Entspannung.

Donnerstag, 12. September 2019

Grenzerfahrung

Was siehst du?

Genau. Ein Blech voller Muffins, liebevoll zubereitet von der Mama eines Schülers für dessen Geburtstagsfeier in der Schule.

Was du nicht sehen kannst, ist die Situation vor der Pause, als der Junge seine süssen Fussballfeldchen verteilen darf: Er, der sich sosehr auf diesen Moment gefreut hat, kommt in Bedrängnis und Stress, weil ein riesiges Wunschkonzert losgeht. Das grösste wird gewünscht, unbedingt eines mit einem blauen Papier oder eben mit dem grünen, das eine, bei dem man fast keine Schokolade sehen kann, weil es dann offensichtlich mehr Streusel hat, und zuerst will man dran kommen oder zumindest vor dem Kind, welches eben beschenkt worden ist. Natülich hat da kein "Danke" mehr Platz.

In solchen Momenten ist meine Grenze von Verständnis, Geduld und Humor erreicht. Überschritten.

Freitag, 6. September 2019

Entzauberung

Mir sind Menschen unheimlich, welche immer schon einen Kommentar und eine Antwort formulieren, bevor überhaupt eine Frage im Raum steht. Da mag Genialität und eine tiefe Intuition führen, ich kann mich darauf nicht einlassen, fühle mich überrollt und platt.
Das Gegenüber, welches ich heute nach langer Zeit wieder getroffen habe, hatte viele Jahre lang, als Bewundern noch eine meiner ausgeprägtesten Fähigkeiten war, meine höchste Achtung. Ich merkte es heute daran, wie ich sofort zusammen schrumpfte, als wir uns begrüssten. 
Ich habe wahrscheinlich kalt gewirkt, distanziert und nicht sonderlich interessiert. Innerlich war ich bewegt, erstaunt und froh, dass die alte Macht, einem solch brillianten Menschen huldigen zu müssen, nicht mehr über mich verfügen kann. Der Weg zur liebevollen Grösse ist noch ein weiter, aber die ersten Schritte sind geschafft.

Donnerstag, 5. September 2019

Donnerstag

Ja, manchmal wünschte ich mir, es wäre jemand hier, der mich nach einem solchen Tag einfach mal in den Arm nehmen würde, dem ich erzählen und bei dem ich vielleicht auch weinen dürfte. 
Heute ist so ein Tag. Der Sohn ist extra früh aufgestanden, um sich richtig verabschieden zu können, denn es war der letzte Morgen, an dem er noch richtig hier lebte. Es war ihm ganz wichtig, das so klar zu definieren. Nach seiner dreiwöchigen Reise, die er unterdessen gestartet hat, wird er zwar noch einmal hier übernachten, aber danach wird er weg sein und ganz sicher nie wieder hierher zum Wohnen zurück kommen. Vermutlich kommt er an Weihnachten, aber vorher bestimmt nicht. Da ist kein Groll, kein Streit, aber ein eindeutiger, unumkehrbarer Aufbruch in sein eigenes Leben. Heute also hat er sich verabschiedet mit einer langen Umarmung. Flügge. Erwachsen. 
Und während er nochmal zurück ins Bett ging, reiste ich meiner Tochter entgegen und fuhr mit ihr in ihre Uni-Stadt zur Studienberatung. Es ist ein grosses Glück, dass an ihrer Fakultät unglaublich verständnisvolle, hilfsbereite Menschen arbeiten. Gleichzeitig ist es erschütternd zu realisieren, dass sich ihr Bachelorabschluss wohl um ganze zwei Jahre verzögern wird.
Das alles und so manches mehr trägt man als Mutter halt so mit sich, spürt, versteht, begleitet, und manchmal braucht es ein paar Tränen, um wieder zur Ruhe zu kommen. Und eine Umamrmung würde auch gut tun.
Aber geht schon, geht immer irgendwie.