Weder als Mutter noch als Oma oder Tante würde ich meinem Kind die Lehrerin wünschen, die ich heute Nachmittag war.
Boden tu dich auf!
Und weil er es nicht tut, versuche ich zu stehen, dazu zu stehen.
Weder als Mutter noch als Oma oder Tante würde ich meinem Kind die Lehrerin wünschen, die ich heute Nachmittag war.
Boden tu dich auf!
Und weil er es nicht tut, versuche ich zu stehen, dazu zu stehen.
Die Verkäuferin im Kinderbuchladen ist eben dabei, die Kalender 2021 auszupacken, als ich meinen kleinen Einkauf bezahlen möchte. Der Kalender, welcher vor ihr liegt, sieht spannend aus und ich bitte sie, für mich ein Exemplar aus der Schutzhülle zu schälen. Fasziniert blättere ich durch die bunten Wochenblätter und gebe hie und da einen Kommentar ab.
Dann beginnt sie zu erzählen, von ihrem dreijährigen Enkel und den Märchen, welche sie ihm erzählt, von seiner Liebe zu den Details und wie er sie zu seiner Geschichtenerzählerin auserkoren hat, vom Wunsch, eine gute Oma zu sein...
Als ich den Kalender bezahle, fragt sie, ob ich Kindergärtnerin sei. "Lehrerin", antworte ich. Da seufzt sie ein Bisschen und meint: "Genauso eine Lehrerin würde ich meinem Enkel einst wünschen!" Ich lache durch meine Maske und gebe zu bedenken, dass sie mich doch gar nicht kenne.
"Oh doch", meint sie "Genauso müsste sie sein!"
Lachend verlasse ich den Laden, aber gut getan hat es trotzdem irgendwie und Mut gemacht, dass es ja nicht nur die Anzahl Seiten im Arbeitsbuch gibt und die Menge der behandelten Laute (Wenn es darum geht, falle ich schon jetzt total ab gegenüber den Stufenkolleginnen), sondern auch etwas weniger messbares, das sich vielleicht hinter eine Maske wunschdenken lässt, aber vielleicht auch tatsächlich auf einer anderen Ebene spürbar ist und wirkt und Lernprozesse färbt und trägt.
Diese Hoffnung gebe ich nicht auf.
Ein Kind war ich nicht mehr, erwachsen noch nicht. Das Leben fühlte sich prickelnd und aufregend an und ich blickte ihm neugierig und gespannt entgegen. In einem jener Sommer machten wir in einem Ferienlager einen Ausflug ins Freilichtmuseum Ballenberg. Fasziniert und überwältigt von der Fülle an Sinnerseindrücken reiste ich durch die Vergangenheit. Nie werde ich vergessen, wie wir durch die niedrige Türe des Taglöhnerhauses eintraten in einen einzigen Raum. Es fiel kaum Tageslicht herein, eine einfache Feuerstelle, ein paar Holzkisten als Bettgestelle, darin mit Stroh gefüllte Stoffsäcke. Es roch nach altem Rauch und nach dem Schweiss der unzähligen Besucher.
Den stärksten Eindruck aber hinterliess dieses unglaublich starke, überraschende Gefühl, nach Hause zu kommen. Alles schien so vertraut, und ich war mir in dem Moment sicher, dass ich so einmal leben wollte: Auf kleinem Raum, gemeinsam mit allen, die zur Familie gehören, zufrieden mit dem Notwendigsten. Dieser Gedanke machte mich glücklich und wirkte nachhaltig inspirierend.
Und ein Hauch davon ist dann ja auch tatsächlich durch mein bisheriges Leben gezogen. Lange Zeit war unser Haus ein grosser Gemeinschaftsort, den wir belebten, teilten und erfüllten.
Fast unbemerkt begannen sich dann die Kinder ihre eigenen Räume einzurichten, steckten Schlüssel in die Türschlösser, was ihnen ein Rückzugsgefühl gab, auch wenn sie sie kaum benutzten. Längst haben so alle ihre Reiche, die ich nur im Notfall und nach Bitte um Erlaubnis betrete. Nur ich selber bin im Taglöhnerhausmodus geblieben, und es scheint niemanden zu stören.
Mein Schlafraum ist seit sieben Jahren der Wintergarten, der tagsüber ein allgemeiner Raum ist und nachts weder geräusch- noch blickdicht ist. Mein Arbeitsraum ist gleichzeitig begehbarer Wäscheschrank, Zwischenlager für Umzugskisten, hier stehen der viel benutzte Drucker, das Bügeleisen, die Bibliothek, die Bettwäsche, alle Spiele, ein unbenutztes Cembalo und ein Gästebett, und hier geht jede und jeder mit grösster Selbstverständlichkeit ein und aus. War immer so. War gut so.
Egentlich habe ich hier mein Tagelöhnerhaus, wie ich es mir erträumt hatte, damals zwischen Kind- und Erwachsensein.
Doch immer mehr und immer öfter meldet sich das Bedürfnis nach einem eigenen Raum, nach einer Türe, die geschlossen ist, wenn ich sie schliesse, nach einem Ort, an den ich mich zurückziehen kann zum ausruhen, schlafen, weinen, meditieren, ohne immer damit rechnen zu müssen, dass jemand rein kommt.
Der einzige Ort, wo das möglich ist, ist das Schulzimmer. Und daher verbringe ich mehr Zeit, als ich zum Arbeiten brauche, in diesen vier Wänden.
Zwar muss ich an den Wochenenden das Schreien der Fussballtrainer und ehrgeizigen Fussballväter vor dem Fenster in Kauf nehmen, aber ich komme zur Ruhe. Einigermassen. Doch ich bekomme keinen Abstand zum Arbeitsalltag und zu all den Fragen, die mich in diesem Zusammenhang beschäftigen. Ich vermische so Beruf und Privat pausenlos, und das fühlt sich auf die Dauer auch nicht gesund an.
Lösungen müssen her, sonst werde ich mit Cortison und Antibiotika den Schrei nach Grenzen zum Schweigen bringen. Und das ist eigentlich das Letzte, was ich will, aber das erste, was ich tue.
Gut, das mal so schwarz auf weiss zu setzen.
Ja.
Wir haben gestartet.
Ja.
Es sitzen nun 11 Erstklasskinder in meiner Klasse (oder sie hüpfen oder kriechen oder spielen).
Ja.
Es ist eine wunderschöne Aufgabe.
Ja.
Da kommt jetzt ein "aber", welches sich laut Weiterbildung immer durch "und" ersetzen lässt.
Ich bin müde, unglaublich müde.
Es ist heiss, viel zu heiss. Das Zimmer im vierten Stock unter dem Dach mit Fensterfront zur Nachmittagssonne ist aufgeheizt wie eine Sauna, und seitdem es auch nachts nicht mehr abkühlt, ist Spass haben sehr relativ und aufmerksam sein sehr schwierig und Kreativität sehr lahm.
Schlafen ist ein Kunststück und der Boden ist hart wie Stein. Es ist zum Weinen und Verrücktwerden: Jedes Gewitter, jede Niederschlagszelle, und ist sie noch so gewitterlastig eingefärbt auf dem bewegten Radar, verzieht sich vor unserem Tal oder löst sich einfach auf. Im ganzesn Land ist es ständig wieder richtig nass, Bäche treten über die Ufer, unterspülte Hänge rutschen. Aber bei uns ist es nur heiss. Und trocken.
Jemand hat mir erzählt, wie er auf dem Weg durch den Wald drei tote Eichhörnchen gesehen hat, verdurstet vielleicht, oder einfach an Hitze gestorben.
Beirut, Weissrussland, Mauritius, Brasilien, Honkong, ......
Ich kriege all diese Lasten und Ängste und Sorgen kaum aus meinem Gemüt. Eine Welt, die sosehr dürstet nach Gerechtigkeit, nach Heilung, Sorgfalt, Menschenrecht – und Wasser, – wie lässt sie sich mittragen? Und dass die meisten Kinderaugen kaum mehr leuchten, dass viele Kinder mich fühlen lassen, wie sich ein Bildschirm fühlen würde, wenn er es denn könnte, das ist quasi der Welt auf Zellebene begegnen.
Als würde einer auf meiner Schulter sitzen und mitlesen, ändert die prognostizierte Zelle ihre Zugbahn und soll in 10 Minuten über uns ziehen.
Mal schauen.
(Die 10 Minuten sind um, es ist noch immer trocken. Vermutlich ist die Abstrahlung des Bodens hier so wüstenhaft, dass Wolken von unten her ausgetrocknet werden.)
Bei den Vorbereitungen des erste Schultages wird nicht mehr von den Erstklasskindern und ihren Eltern aus gedacht, wie das sonst üblich ist. Jetzt steht alles unter dieser Schirmherrschaft des Virus.
Wird es wohl irgendwann wieder eine Zeit geben ohne Pandemie, ohne dieses Distanzgebot, mit genügend Wasser für die Menschen und ohne Feuer im Regenwald?
Einen kleinen Glücksmoment aus der Ferienziet stelle ich an die Schwelle zum Neuanfang.
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