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Sonntag, 31. Mai 2020

M🅰️🌱

Der Mai ist so gut wie vorbei und ich habe nie mehr geschrieben. Sehr oft fühle ich mich leer oder allenfalls angefüllt mit Zweifeln. 
Es lässt sich ja höchstens spekulieren, was ohne Corona jetzt wäre. 
Es hätte diesen streifenfreien Frühlingshimmel nicht gegeben, ich hätte nie mehr das Dauergefühl einer Grossfamilienmutter gehabt, ich hätte zwei Monate lang jede Nacht eine Stunde weniger geschlafen, ich hätte viele Funktionen und Möglichkeiten des Computers nicht kennen gelernt.

Trotzdem. Unterdessen halte ich mir die Ohren zu, wenn die Lautsprecher im Tram zu dröhnen beginnen, zweimal auf jeder Fahrt, und höre doch jedes Wort: "Auf Anweisung der eidgenössischen Zollverwaltung kann die Station .... bis auf weiteres nicht bedient werden. Mir dangge för ehr Verständnis und wönsche ehne e gsundi und ...eti..." Der Schluss ist seit zwei Monaten derselbe und nicht verständlich, und jedes Mal würde ich am liebsten schreien: "Ich habe kein Verständnis!" Meine Nerven liegen so oft blank. Ich erschrecke ab kleinsten Geräuschen, bin völlig intolerant geworden hustenden Menschen gegenüber, kriege Herzrasen und andere Symptome, wenn im Mailpostfach Nachrichten im Zusammenhang mit dem Scheidungsverfahren aufleuchten, versuche mit vereinten Kräften die Schülerinnen und Schüler loszulassen, mir nicht anmerken zu lassen, wie schwer es mir fällt, wirke dadurch wohl mehr als nur coronadistanziert und fühle mich so unwohl dabei. Pfingsten gibt mir nun die Chance, in Ruhe Zeugnisse und Lernberichte zu schreiben, die Begrüssungsbroschüre für die neuen Eltern und den Stundenplan zu gestalten, die Materialbestellung zu ergänzen und mir ein paar Gedanken zum Unterricht der nächsten Woche zu machen. 
Darüber nachzudenken, was Pfingsten sein könnte, schaffe ich nicht. Jeder Gedanke daran bindet mich mit Drahtseilen zurück an die Kindheit, und jene Baustellen mag ich nun nicht auch noch sichern oder gar bearbeiten. 

Schreiben geht auch nicht oder höchstens an Regentagen. 
In einem Online-Weiterbildungskurs zum Thema Resilienz versuchen wir, positive Erfahrungen und Momente körperwirksam werden zu lassen. Da spüre ich dann, wie sehr ich von all diesen Sorgen und Überforderungen geprägt bin, realisiere, wie die Herausforderung, daran noch etwas zu ändern, mit jedem Tag, um den sich mein Leben verkürzt, grösser wird. 
Für heute in fünf Wochen ist meine Reise in die Bergheimat geplant. Wieviel Vergangenheit bis dahin noch geschaffen werden soll, ist im Zukunftsmodus kaum erträglich. Bleibt die Gegenwart: Pfingsten am Computer.

Freitag, 22. Mai 2020

M🅰️🌱

Ich lese ein Buch.
Das Buch hat mich gefunden.
Es hat mich auf ungewohntem Weg gefunden.
Lange lag es da.
Ich hatte Respekt vor ihm.
Ich wusste bisher nicht warum.
Vielleicht lag es an diesem speziellen Weg.
Letzte Woche habe ich jemandem davon erzählt.
Am Dienstag kam die Nachricht.
Sie hat das Buch in einem Zug gelesen.
Sie berichtet von Erschütterung und Offenbarung.
Nun lese ich es auch.
Ich beginne meinen Respekt zu verstehen.
Es geht hier nicht um lesen.
Es geht darum mich einzulassen.
Dies jedoch könnte grundlegende Veränderung bedeuten.
Will ich das?
Lauter lose Lebensfäden zeigen sich von allen Seiten.
Sie bieten an anzuknüpfen.

Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde das Hilflose, das von uns Hilfe will.
Rilke, im Buch zitiert

Donnerstag, 14. Mai 2020

M🅰️🌱

Für die DaumendrückerInnen hier: Mich überrollte eine unglaubliche Welle von Erleichterung und Freude, als heute die Nachricht kam: Er hat einen der begehrten Studienplätze an seiner Wunschhochschule erhalten und wird ab September Filmstudent sein. Ich kann schwer beschreiben, wie glücklich mich das für ihn macht. Er hat sich so intensiv auf diese Prüfungen vorbereitet, hat alles gegeben, alles gewagt, weil er wusste: Da will ich hin. 
Nun hofft er, dass er noch einmal nach Berlin reisen kann, um vielleicht noch ein paar Tage in seiner Wohnung zu leben, welche er eine Woche vor dem Lockdown bezogen, seither bezahlt aber nicht bewohnt hat, um dann zu packen und die Geburtsstadt seines Vaters wieder zu verlassen.
Beobachtet hat er immer schon gern und genau, am liebsten aus ungewohnten Perspektiven. Nachmittagelang sass er oben im Lindenbaum und "träumte".

Samstag, 9. Mai 2020

M🅰️🌱

Veranschaulichung.
Ob es für ein paar Minuten, für die erste Stunde, für den Montag oder für die Einstiegstage versinnbildlicht, was gefordert ist? Oder ob wir im Begriff stehen, Nähe und Berührung aus dem Leben zu verbannen?
Es geht schneller, als ich mir das je hätte vorstellen können Die letzten Wochen hatte ich im Tram mindestens 6 Sitzreihen für mich allein. Nun beginnen sich die Fahrzeuge wieder halbwegs zu füllen, aber ich kann mich nicht mehr vor oder hinter jemanden setzen. Und als gestern die Frau zwei Meter vor mir nicht aufhörte zu husten, habe ich das Tram verlassen und aufs nächste gewartet.

Donnerstag, 7. Mai 2020

M🅰️🌱

Statt in Zürich hier im Haus: Heute, morgen und die beiden ersten Tage nach dem Wochenende findet hier eine Aufnahmeprüfung statt. Alle haben ihre Pläne so gemacht, dass es zu den Prüfungszeiten still sein kann. (Kaffee machen ist erlaubt.) Im Kühlschrank stehen süsse und salzige Energiebomben. Die Stimmung riecht nach angehaltenem Atem und sehr wohlwollender Spannung. (Da hätte mein Drittklasslehrer jetzt einen dicken, roten Fehler markiert!) Alle wünschen dem Bruder (und Sohn) sosehr, dass sein allergrösster Studienwunsch in Erfüllung gehen darf. Und wenn in diesem Coronakosmos noch ein paar andere Daumen frei sind, dürfen sie von Herzen gerne gedrückt werden.

Dienstag, 5. Mai 2020

M🅰️🌱

Endlich ist es offiziell: Seit heute wissen auch alle Eltern, was wir intern seit zwei Monaten wissen: Meine 3. Klasse zieht ab Sommer ohne mich weiter in die 4. 
Dafür stehe ich als Klassenlehrperon auf dem Einteilungsbrief einer neuen, kleinen ersten Klasse. Es weint und lacht in mir. Ich bin kein Abschiedstyp, brauche viel Zeit, um mich zu lösen. Aber ich freue mich auf die eigene Klasse, auf das eigene Klassenzimmer, welches ich neu einrichten darf, und natürlich auch auf die 5 Mädchen und 5 Jungs, die mir ihre ganze Vorfreude auf die Schule und ihren natürliche Lerneifer in die Hände legen. Sie haben keine Wahl, ich auch nicht, und doch liegt da ein neues Buch offen und wartet darauf, geschrieben zu werden. 
Hoffentlich gibt es bis dann wieder so etwas wie Normalität in den Schulen.

Das, was am Montag startet, ist davon meilenweit entfernt.

Sonntag, 3. Mai 2020

M🅰️🌱

Wenn man keine Nachrichten liest, ist es einfach nur ein unglaublich wunderschöner Sonntagmorgen!
Einen Sonntag lang keine Lesebrille mit diesen dunkel getönten Gläsern, die aus bewegten Bildern eingefrorene Massnahmenkorsette machen, aufsetzen – warum eigentlich nicht?

Freitag, 1. Mai 2020

M🅰️🌱

Da war ein Mensch in der Kanzlei, eine Frau, eine Anwältin und Mediatorin. Das ist gut so. Da hat mehr Platz, als ich erwartet hatte. "Machen Sie sich keine Illusionen! Das alles hier wird etwas mit Ihnen machen, und das dürfen Sie nicht unterschätzen. Schauen Sie gut zu sich in dieser Zeit." Nun gibt es also auch einen Countdown. Und dann?