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Donnerstag, 26. November 2020

Wortschatzerweiterung

"Ich mache nur schnell Corona!"

So die Raumpflegerin am frühen Morgen, nachdem am Vortag geputzt worden ist und seither niemand mehr im Klassenzimmer war. Pflichtbewusst und mit einem professionell unterdrückten Seufzen desinfiziert sie Tür- und Schrankgriffe, Wasserhähnen und Spülbecken.

Vor einem Jahr wäre das Comedy gewesen.


Montag, 23. November 2020

Kommunikationsvernebelung

Wie immer am Sonntag ist das Tram hinten im Tal noch fast leer. Früher kam man hier ins Gespräch, seit Corona sind die meisten verstummt.

Schräg vor mir sitzen zwei ältere Menschen, ein Mann und eine Frau, die eine rechts vom Mittelgang, der andere links. Er erzählt ihr durch seine Maske von weiss ich nicht was, ausführliche Geschichte, alte gemeinsame Bekannte und so. Nach einiger Zeit unterbricht sie ihn. "Du, ich verstehe dich fast nicht!" Er redet einfach weiter. Sie schaut in seine Richtung, nickt hie und da, aber ganz offensichtlich bleibt es ihr ein Rätsel, wovon er spricht. 

Drei Stationen weiter macht er sich bereit zum Aussteigen. "Sagst deiner Frau einen Gruss!" bittet sie ihn. "Wie bitte?" – "Sag der Pia einen Gruss!" – "Ich versteh dich nicht!" – Sie wiederholt es noch zweimal, jedes Mal etwas lauter. Mit einem "Ist gut!" verlässt er das Tram und damit das Gespräch, welches wohl keines war. 

Mannomann

Samstag, 21. November 2020

Pandemiekoller

Es geht an die Substanz.

Der Verhaltenskodex für Schulangestellte, der alle zwei Wochen ergänzt wird, umfasst unterdessen 19 Seiten und wirkt immer mehr, als entstamme er dem Drehbuch für einen Horrorfilm. Die Maske darf im Unterricht in der 1:1 Situation höchstens 15 Minuten am Tag ausgezogen werden, wenn der Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten wird und die Notwendigkeit schriftlich begründet werden kann. Ansonsten gilt nun für die Lehrpersonen strenge Maskenpflicht im Unterricht, unabhängig vom Abstand zu den Kindern.

Mein kleiner Raupenbändiger, welcher in der Logopädie hinter einer Plexiglasscheibe sprechen übt, hört mir genau zu. Er will verstehen. Er ist so stolz, dass er jetzt lesen und schreiben kann, aber sein Wortschatz ist noch sehr gering. "LAUS", sollte er schreiben. "LAUF" steht da neben dem Bildchen. Er schaut mir genau auf die Maske, seine Augen blicken verzweifelt. Ich schicke ihn einen Meter zurück, denn hinter mit ist die Wand, nehme die Maske vom Gesicht, (sollte mir davor die Hände desinfizieren), stelle die Stoppuhr, sage deutlich nochmal "Laus", er eilt strahlend an seinen Platz zurück, ich lese die Stoppuhr ab, notiere mir "Raupenbändiger, 30 Sekunden", desinfiziere die Hände, ziehe die Maske wieder an. Vor mir steht das türkisch sprechende Sternschnuppenzählerkind und zeigt mir "MAUWER".

Das mit der schriftlichen Begründung kam erst gestern neu dazu. Ich habe diesen Punkt noch nicht abgeglichen mit meinem gesunden Menschenverstand, wie wir das intern jeweils nennen. Ich lese bloss in meinen Träumen, wie abbauend und heftig diese Zeit wirkt.

(Wir hatten übrigens noch keinen einzigen positiven Fall an unserer Schule! Ausserdem ist es mir erlaubt, die Maske auszuziehen, wenn ich alleine im Schulzimmer bin!)

Und Weihnachten dürften wir auch nicht zusammen feiern, denn es dürfen nur zwei Haushalte zusammenkommen. Da drei der Kinder in WGs wohnen, sind wir also vier Haushalte plus der vom Vater, also 5. Zudem müsste der Älteste zuvor zwei Wochen in Quarantäne, da er von Paris kommt. Fragt sich nur wo. Sollen die eben mutterseelenallein über die Weihnachtstage in ihren 16 Quadratmeterzimmern im Studentenwohnblock sitzen.

Ad absurdum.

Donnerstag, 12. November 2020

11.11.

Räbeliechtli, wo gohsch hi?

I di dunkli Nacht ohni Stärneschii, do muess mis Liechtli sy!



Mittwoch, 4. November 2020

November

In der Erziehung meiner Kinder muss etwas gründlich schief gegangen sein. Ich glaube, vor lauter Verständnis für alle Situationen, Forderungen und Überforderungen der Kinder habe ich völlig vergessen, meine eigenen Grenzen mit ins Spiel zu bringen. Ich habe akzeptiert, dass diese ständig überschritten werden, ohne dass ich stop rufe.

Und ich habe kaum gefordert, ausser von mir selber. 

Das habe ich nun davon: Dass zum Beispiel alle einfach warten, bis ich abends nach Hause komme und das Essen vorbereite, egal, ob das um 18, 19, 20 Uhr oder noch später ist.

Ich würde mich sosehr danach sehnen, auch einmal einfach an den gedeckten Tisch mich setzen zu dürfen nach einem langen, herausfordernden Tag. Statt dessen höre ich mir an, was alles wieder anstregend war in den Tagen der Jungen und spüre, dass niemand hören möchte, dass vielleicht auch ich erschöpft bin. Und nein, ich wage auch jetzt nichts zu sagen. Ich sehe ja, dass sie alle unter diesem Dauerprüfungsstress stehen.

Ich würde so vieles anders machen, könnte ich noch einmal 25 Jahre zurück – denke ich, und weiss ganz genau, dass heute und jetzt genügend Möglichkeiten geboten wären, das Steuer umzlegen. (Konjumktiv)

An Weihnachten kochen sie jeweils, das hätte ich beinahe vergessen. (Und im Lockdown haben sie es manchmal auch getan, die, welche jetzt nicht mehr zu hause wohnen.)