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Samstag, 31. Juli 2021

212/365 Lieber Juli

Heute kam ich im Fernsehen. Das heisst: eigentlich nur auf der Website des Fernsehen. Also eigentlich nur auf der Wetterseite. Und nicht namentlich.

Da steht nämlich: "Nicht alle mögen heisse Tage. Diese Personen dürften sich in den Juli 2021 verliebt haben."

Klar finde ich es tragisch, was die Regenmassen angerichtet haben, und die Hochwassertage habe ich besorgt beobachtet. Das geht mit jetzt mit der Hitzesituation und den Waldbränden in den südlichen Nachbarländern und Griechenland nicht anders. Doch von den Temperaturen her war dieser Juli für mich der erholsamste seit Jahren. Habe ich in den letzten Jahren täglich den Wecker auf halb sechs gestellt, um das Haus wenigstens minimalst mit frischer Luft zu füllen und bin um sieben in der Schule gewesen, um dort dasselbe zu tun, so schlafe ich jetzt, bis ich wach werde. Das Mitleiden mit den durstenden Bäumen hat mich soviel Kraft gekostet. Nun kann ich die Entspannung des Waldes einatmen und empfinde Dankbarkeit und Glück. Wenn der Wind in den Wald hineinfährt, beginnt dieser zu rauschen. Die letzten Sommer war es  ein unheimliches Rascheln ohne Elastizität.

Gerne gönne ich den wärmehungrigen Mitmenschen noch ein paar Tage oder Wochen mit Rheinschwimmen, Draussensitzen, Sommerkleidern und so. Für mich waren die Julitemperaturen perfekt, und das wollte ich ihm doch noch sagen, weil ringsum alle auf ihn schimpfen.

Freitag, 30. Juli 2021

Donnerstag, 29. Juli 2021

210/365 Abschied

Heute einfach Stille


Mittwoch, 28. Juli 2021

209/365 Spiegelerkenntnisse

Naja, vielleicht ist in diesem Titel nur ein Teil der "Wahrheit" enthalten. Doch dieser Teil hat mich gestern ziemlich beeindruckt oder erschreckt.

Ich habe den Tag bei meiner Mutter verbracht. Wir sassen im Garten beim Kaffee, als es an der Haustüre klingelte. In einem Anflug von Beschützerinstinkt begleitete ich meine Mutter zur Türe. Ein alter Mann stand davor und stellte ein paar Fragen zu den Stühlen und den Schlüsseln und den Zeiten der morgigen Abschiedsfeier meines Vaters. Ich kombinierte, dass es wohl der Siegrist (oder der pensionierte Aushilfsiegrist) sein musste. Wahrscheinlich war er etwas enttäuscht, dass er meine Mutter nicht alleine angetroffen hatte, dacht ich.

Nachdem die Fragen geklärt waren, meinte meine Mutter: "Kennt ihr einander eigentlich nicht mehr?" Fragezeichenblicke in beide Richtungen. Ich ging in Gedanken die Männer des Dorfes durch, die ich in meinen Kindertagen gekannt hatte und die mir, wenn sie älter als etwa 30 waren, alle alt vorgekommen waren. Ich nannte meinen Namen und meine Mutter den seinen. 

Und da war er, der Erkenntnismoment: Der M war eine Klasse über mir zur Schule gegangen! 

So alt sind wir also, und ich habs nicht gemerkt.

Dienstag, 27. Juli 2021

208/365 öV

Manchmal gibt es im öffentlichen Verkehr akkustische Situationen, die für mich kaum auszuhalten sind. Da sitze ich dann, versuche zu entspannen, atmen, mich ganz auf all die Eindrücke zu konzentrieren, die am Fenster vorbeiziehen. Irgendwann blicke ich zurück, um visuell abzugleichen, was fürs Hören so grenzwertig ist. Nichts nützt. Ich muss mir die Ohren zudrücken, denn Kopfhörer benutze ich seit bald zwei Jahren keine mehr. Dieses Geräusch, dieses fiese, knacksende, .... ich weiss nicht mal, wie ich es beschreiben könnte, das entsteht, wenn jemand in eine leere Pet-Flasche dückt, wieder loslässt, wieder drückt, wieder loslässt...
15 Minuten können so unendlich lang sein. (Wenn ich es selber erzeuge, stört es mich übrigens nicht!)

Montag, 26. Juli 2021

207/365 Tag zwei

Zum Giessen und Lüften war ich heute früh kurz (das war zumindest der Plan) in der Schule. Und wer denkt, mitten in den Ferien sei es da still und leer, der täuscht sich gewaltig. Ein fröhliches Hallo war das hier und dort, die einen schon zurück aus ihrem Urlaub, die anderen bald fertig mit Vorbereiten und auf dem Sprung zu ein paar Tagen im Süden.
Ich umriss den Grund für meinen Kurzbesuch, erzählte von meinen Schweissausbrüchen angesichts all der vier- und fünfstelligen Zahlen. Da meinte der Kollege mit korsikaentspannter Leichtigkeit: "Mach dir doch keinen Kopf. Das sind alles auch nur Menschen, die deine Steuererklärung prüfen werden. Die machen ihren Job und wollen dir nichts Bösen. Im Gegenteil, wenn die etwas finden, was du vergessen hast, werden sie mit dir Kontakt aufnehmen – zu deinen Gunsten."
Das tönte so menschlich, vertrauensvoll und unaufgeregt, dass ich den Nachmittag doch tatsächlich ganz in Ruhe vor dem Computer, am Telefon, in all den verschiedenen Ordnern und im Online-Banking verbracht habe und jetzt fast fertig bin.
Schon verrückt, was den Unterschied macht.

Sonntag, 25. Juli 2021

206/365 zum ...

... Verschenken, wollte ich schreiben, aber sowas verschenkt man nicht. Zum Streichen aus der Ferienkarte passt besser, und den Montag streiche ich gleich mit, denn der Sonntag hat nicht gereicht, um dem Herrn Staat und seinen Forderungen gerecht zu werden. Jede Zahl, die ich irgendwo einfülle, generiert umgehend eine Prognose, eine neue Zahl, die in ein paar Monaten auf  der Rechnung stehen könnte, und das macht schwindelig, denn diese Zahl bewegt sich in einer Höhe, die mich fast panisch nach Schlupflöchern suchen lässt. Die muss es geben, die waren sonst auch da, aber das neue Programm führt so anders. Jetzt tinke ich noch einen Tee.

Samstag, 24. Juli 2021

205/365 ver-rückt ...



... und gelandet im Altvertrauten.

Das nächste Projekt gehört dem Staat, gehört auf der Skala meiner Lieblingsbeschäftigungen an den äussersten 0-Punkte-Rand und – den Rest erspare ich dem Hier und Jetzt. 

Das Bild ist noch von "oben": Ich sass in der Küche auf der Sitzbank und sah, wie sich im Spiegel des Backofens der blaue Himmel im Holzboden spiegelt.

Freitag, 23. Juli 2021

204/364 Sommermuster

Auch das Gästebuch des Hauses hat heute sein Muster bekommen. Hinten am Bach sass ich und malte mit klarem Bachwasser. 
Es sind die kleinen Dinge, die Weite schenken. 


Donnerstag, 22. Juli 2021

203/365 Sommermuster


Auch das! Eine echte Überraschung im alltäglichen Eierkarton aus dem Supermarkt war das. Mir war sofort klar: Sowas macht keine Maschine. Dazu braucht es Freude am Tun. Die Menschen dahinter interessierten mich. Eierstempel sei Dank fand ich die Website und die Kontaktdaten. Ich schrieb abends um 21 Uhr eine SMS, dankte für diese kleine grosse SommerFerienMusterÜberraschung und bekam 10 Minuten später eine herzliche, ebenfalls dankbare Antwort. „… Ja, wir haben grosse Freude an unserem Job…“ Unterschrieben mit zwei Vornamen. 

Mittwoch, 21. Juli 2021

202/365 Sommerritual



Zum 12. Mal erneuert…

Zeitgleich konnte in Basel endlich die grosse Reise beginnen. Die Tochter, welche morgen in den Senegal fliegt, war dabei. Und die 17jährig war zu der Zeit alleine mit dem Fahrrad unterwegs, irgendwo auf ihrer 100km langen Strecke quer durch die halbe Schweiz. 


So dankbar ich bin für die Kreativität und den Eigenwillen der „Kinder“, so herausfordernd ist es zuweilen, sie ziehen zu lassen, besonders wenn gleichzeitig die Sehnsucht nach einer erholsamen Inselwoche auf der Bank hinter dem Haus sitzt. 
Die Jüngste hat sich übrigens unterdessen gemeldet: zwei Wörter in einem: „binako“. 

Dienstag, 20. Juli 2021

201/365 Sommermuster





aus Lukas Bärfuss, Stil und Moral

(Und an dieser Stelle ein schweizerisch schamhaftes Sorry für die derzeitige Bildqualität. Handykamera oder das, was davon noch zur Verfügung steht – wie gesagt.)

Montag, 19. Juli 2021

200/365 Sommermuster

Zweihundert Tage schon. Für mich ist es der erste im Jahr, den ich ganz alleine verbringe. Nicht einsam, oh nein, umgeben von Licht, Wind, Duft nach frischem Heu, Grillengezirpe, klarstem Blau und sattem Grün. Langsam, ganz schüchtern und langsam beginne ich zu entspannen

Sonntag, 18. Juli 2021

199/365 Sommermuster

Es gibt wieder Schatten. Hier spielt er auf Stein. 


Samstag, 17. Juli 2021

198/365 Sommermuster

Der Regen hatte auch seine bunten Seiten:

Stundenlang sassen wir zu zweit und zu dritt über den kleinen Ausschnitten, die einst mit Pinsel und Farbe erschaffen worden sind. 
Ob unsere Faszination etwas gemein hat mit jener des Künstlers?

Freitag, 16. Juli 2021

197/365 Sommermuster



So ganz allmählich reicht es auch mir. 

PS: Wir hatten uns vorgenommen, die Tage so gut es geht nachrichtenabstinent zu leben. Und nun habe ich nach dem Veröffentlichen doch mal geschaut und diese Bilder aus Westdeutschland gesehen. Mein Gott! Meine Gedanken sind mit den Menschen, denen alles wegbricht. Unvorstellbar…

Donnerstag, 15. Juli 2021

196/365 Sommermuster




Es ist unheimlich, dieses stetige, immer wieder lauter werdende Brausen und Toben des Wassers zu hören und zu wissen, dass dort unten, wo es sich sammelt, Tausende von Menschen in Alarmbereitschaft wachen, um rechtzeitig zu warnen und zu reagieren, falls die Flussbetten und Seenbecken überlaufen. 
Es ist eine grosse Herausforderung, der Zuversicht der Schiffreisenden zu vertrauen, welche noch immer im überfluteten Hafen warten, bis der Rhein wieder frei gegeben wird. Ein Grossteil des Wassers, welches zur Zeit von den Himmeln stürzt, fliesst über kurz oder etwas länger dort vorbei. 
„Mama mia,…“, singen die beiden Jüngsten, während sie Puzzleteile suchen. 

Mittwoch, 14. Juli 2021

195/365 Sommermuster



Tausend Kunstwerke laden dazu ein, sie zu einem Ganzen zu verbinden. Es ist faszinierend, so dem Pinsel-Farbenspiel des Künstlers zu begegnen. Die Hälfte der Teile ist blau. Blau in allen denkbaren Schattierungen und Verläufen. Ob die Geduld reichen wird?

Dienstag, 13. Juli 2021

194/365 Sommermuster

Was während Jahren unvorstellbar war im Sommer: Übersättigte Böden, schäumende Bäche und Flüsse, randvolle Seen, gefüllte Grundwasserspiegel. Bei „uns“. 


Montag, 12. Juli 2021

193/365 Sommermuster


Wer zählt, rechnet. Heute sind es 100 Tage seit dem Karsamstag, dem Tag, an dem mein Vater nach dem täglichen Spaziergang über Kopfschmerzen klagte und sich hinlegte, um nie wieder aufzustehen. 100 Tage zwischen dem letzten Lebensring und dem, was uns von Aussen in unserem Sein berührt. 

Sonntag, 11. Juli 2021

Samstag, 10. Juli 2021

191/365 Gewitter

Plötzlich diese Dunkelheit aus Westen, diese blaugraue Wand, der Wind, erste Tropfen auf den heissen Boden. Ich brauche mich bloss zu drehen und sehe blauen Himmel, ein paar Wolken, Heiterkeit.

Aus dem Tropfen wird ein Prasseln, ein Peitschen, ein Strömen. In kürzester Zeit läuft braune Flut über den Randstein. Blitze, auf welche unmittelbar der Donner folgt, krachend, erschütternd.

Ich stehe unter dem Dach, erstaunt, fasziniert, aber auch etwas ängstlich. Ausgeliefert sein, Kontrolle verlieren, machtlos sein, hoffen, dass alle Kinder irgendwo Schutz gefunden haben. Mutter sein. Tochter sein. Akzeptieren, was ist.

Es sind keine Wolken mehr erkennbar, auch kein Regen. Ringsum ist alles dicht, grau, undurchsichtig, es rauscht, es gurgelt. Das Gewitter ist nicht über uns, wir stehen mitten drin, wir: Das Haus, die Katzen, der Lindenbaum, die Strasse und ich.

Freitag, 9. Juli 2021

190/365 Schreibfluss hinter der Hecke

Beim Hecke-Schneiden schreibe ich seitenweise Texte. Es flutet – im Kopf. Ich traue mich plötzlich, Dinge auszusprechen, Klarheit als solche zu sehen. Die Hecke ist fertig geschnitten. Ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

Donnerstag, 8. Juli 2021

189/365 Trauer

Wie oft hatte ich mit Bangen an diese Zeit gedacht, daran, wie es sein würde, wenn mein Vater einmal sterben würde. Ich habe viele Menschen erlebt, die ihre Eltern verloren haben, habe ihren Schmerz gesehen, ihre Trauer, ihr Verlassenheitsgefühl und die Lücke, die sie beweinten. Mein Bangen bezog sich jedoch nicht auf den Schmerz, sondern darauf, dass ich ihn nicht fühlen würde, nicht tief genug, nicht angemessen genug. 
Und manchmal bezog es sich auf die Vorstellung, ich könnte bereuen, dass es so gewesen war wie es war, ich könnte mir Vorwürfe machen, dass ich nicht alles unternommen hatte, um das zu ändern. 
Nun lebe ich diese Zeit und das Bangen ist verflogen. Die drei Monate, in denen wir uns meist wortlos begegnet sind, haben etwas aufweichen können, haben das Richtigmachen und Rechthaben unwichtiger werden lassen. Es gab Momente, in denen ich einfach im Stillen erklärte, was ich nie hatte ausprechen können. Aus der eloquenten Persönlichkeit war ein nach Worte ringender, hilfsbedürftiger, schwacher Mensch geworden, und plötzlich umwehte ihn etwas Feines, Zartes, das den Widerstandsgeist in mir zur Ruhe kommen liess.
Dafür bin ich dankbar, und diesen Menschen auf seinem allerlestzten Weg werde ich in meinem Herzen bewahren.
Es gibt wohl einfach nicht die Trauer und ich muss und darf sehr üben, dass der oder die oder das, was mir sagen möchte, wie es sein sollte, in mir drin sitzt und dass ich die Freiheit habe, darauf zu hören oder nicht. 
Es ist wie es ist.

Mittwoch, 7. Juli 2021

188/365 erwachsen

Hab nach etwas gesucht und dafür alle Julis von Windworte und Aufeinanderzu durchgeblättert. Nun bin ich etwas erschlagen. Gefunden habe ich das Gesuchte nicht, ich habe jedoch erstaunt festgestellt, dass ich jetzt drüben wieder öffnen könnte. (könnte!)

Dienstag, 6. Juli 2021

187/365 im Fluss

Hier würden sie langfahren, irgendwann in den nächsten 90 Minuten.  

"Um 12 sind wir in der Schleuse", erfahre ich dann irgendwann.

Das wird also noch dauern. Es beginnt zu regnen und ich spaziere im Schutz der betörend duftenden Linden am rechten Rheinufer flussaufwärts. Wenige Schritte von hier wohnt nun der Vater meiner Kinder. Das ist eine seltsame Vorstellung, die mich das Warten beinahe vergessen lässt. Doch dann fährt ein riesiger Lastkahn vorbei. Der muss gleichzeitig in der Schleuse gewesen sein! Ich eile auf die Mitte der Mittleren Brücke und plötzlich sind sie da, winzig klein, blau-weiss, weit hinten. Die Kamera holt sie näher.

Schnell fahren sie dahin. Der Fluss, welcher letzten Sommer ein blauer, glatter Spieglel war, hat eine starke Strömung.

Unten strömt das Wasser, oben reisst der Regenwind am Schirm und warm und salzig läuft es mir übers Gesicht.

Es ist so unglaublich. Ein Jahr lang habe ich Matilda jetzt im Trockenen kennen gelernt als ewige Baustelle, und nun fährt sie da als richtiges, strahlendes Schiff auf den Brückenbogen unter mir zu,

auf ihr genauso strahlend und stolz der Besitzer und die Besitzerin, die zwar heute noch nicht definitiv aufbrechen zu ihrem Abenteuer, aber doch schon mal in den Hafen fahren, in dem sie sich in den nächsten Tagen startklar machen werden.

"Bis nachher!" rufen sie, bevor sie unter der Brücke verschwinden, und damit ist meine Entscheidung gefällt. Steuererklärung muss warten. Ich folge ihnen auf dem Uferweg.

Eine Zeitlang schaue ich ihnen noch hinterher.

Dann mache ich mich zu Fuss auf den Weg zum Hafen, wo sie, als ich ankomme, bereits angelegt und gekocht haben.

Es ist wie im Traum: Leise schaukelnd liegt da ein gemütliches kleines Zuhause auf dem Wasser, der Regen trommelt aufs Dach, es riecht nach Pasta, am Fenster steht Basilikum und wir sitzen beisammen, essen, trinken, sie erzählen von ihren Plänen und wir versuchen zu realisieren, dass das nebeneinander Platz hat: Wie wir vor zwei Tagen im Bestattungsinstitut am Bett von Grossvati gestanden sind, gesungen und geweint haben und wie wir jetzt da die Lebendigkeit des Lebens fühlen.

Montag, 5. Juli 2021

186/365 Begegnung

Wieder erlebe ich, was ich seit Mirjam mehrfach erlebt habe: Der Tod eines Menschen führt die hier gebliebenen Menschen zusammen, auf verschiedene Weise, unausweichlich. Plötzlich finde ich mich in uralten Mustern wieder. Ich habe in einem meiner Kinderzimmer geschlafen. Wie vor 40 Jahres weckte mich das Hochdrehen der Storen, immer noch findet die Mutter, meine Schwester und ich reden zuviel beim Abwaschen und brauchen dadurch zuviel Zeit dafür. Wie damals zaubert sie mühelos mit wenigen Zutaten ein Essen, das besser schmeckt als alles, was ich selber zustande bringe in der Küche. Wie früher putzt sie mir hinter dem Duschen her, weil ich nicht sofort alle Spuren weggewischt habe, sondern mich zuerst anziehen wollte. Zum ersten Mal seit vielleicht 20 Jahren stehe ich im Keller, rieche dieselbe feuchte Luft wie damals. An den alten Schränken im Dämmerlich hängen noch immer die Kinderbilder, welche ich einst aus einem Kalender ausgeschnitten und aufgehängt hatte. Ich schrumpfe zusammen, als gäbe es die Jahrzehnte dazwischen nicht. Ich fühle dieses junge Mädchen in mir, welches in Dauerspannung versucht, alles richtig zu machen, um niemandem zur Last zu fallen. Es ist kein glückliches Kind, welches ich wahrnehme, obwohl ich in meine jungen Lebensläufen immer von einer sehr glücklichen Kindheit geschrieben hatte. Ich erschrecke immer wieder. Obwohl ich die Zweitälteste bin, kommen mir alle Geschwister viel erwachsener vor als ich. Ich bin das kleine Mädchen im Keller geblieben und ich weiss nicht, wie sie es machen, dass es sprudelt beim Sprechen und die Arbeiten flugs von der Hand gehen. Ich möchte es in den Arm nehmen und ihm sagen, dass alles gut ist und dass ich es beschütze. Sein Körper zittert kaum spürbar. Es möchte weinen. Aber es geht nicht.

Sonntag, 4. Juli 2021

185/365 ....

In der Minute, in der ich gestern aus der Tram meine kurze Zeile schrieb, ist mein Vater gestorben. Ich erfuhr es wenige Augenblicke nach dem Senden. Ich war unterwegs zu ihm, wollte zusammen mit meiner Mutter und einer Schwester bei ihm Nachtwache halten, denn wir wussten, dass er der Schwelle nahe ist. Nun komme ich zurück von einem Ort, den ich nicht kannte, intensiv, erfüllt und still.
Er hatte am Karsamstag eine Hirnblutung und ist dadurch zusammen mit seiner ganzen Familie auf einen langen und sehr oft erschütternden Weg des Abschiednehmens geschickt worden, welcher gestern in diesen Übergang gemündet hat.
Wie oft hätte ich gerne davon geschrieben, doch dazu hätte ich die Familie um ihre Zustimmung bitten müssen, und dies wiederum wäre nicht möglich gewesen, ohne von diesem Windort zu erzählen. 

Ob die beiden sich nun wieder begegnet sind? 


Samstag, 3. Juli 2021

184/365 Stille

Ich bin unterwegs an einen unbekannten Ort. 

Freitag, 2. Juli 2021

183/365 Halbzeit

Heute Mittag war punktgenau das halbe Jahr um. Nun könnte ich rückwärts zählen und würde an Silvester wieder bei 1 stehen.

Ein paar Stunden später begannen die Schulferien. Sie sind schlecht planbar dieses Jahr und die liegen gebliebenen Arbeiten im und ums Haus türmen sich beachtlich. Die Stimmung im Schulhaus war emotional. Die Kinder glichen Flöhen, im Kollegium war viel Erleichterung und Erschöpfung, aber auch Freude und Herzlichkeit zu spüren. Ich glaube, ich selber hätte für keinen einzigen weiteren Tag mehr die Energie gehabt.

Daher folge ich nun dem Ruf meines Bettes und freue mich auf weckerfreies Erwachen.


Donnerstag, 1. Juli 2021

182/365

Heute feiern wir die bestandene Maturaprüfung des dritten Sohnes. Ich werde wohl kaum vor Mitternacht nach hause kommen und setze diesem Tag ein Danke in den Wind für seine Frische und seinen Duft nach Lindenblüten.