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Freitag, 29. März 2019

im Rückspiegel

Am Tag, an dem das heutige Geburtstagskind und sein Zwillingsbruder zur Welt gekommen sind – heute vor acht Jahren – habe ich geschrieben:
Wir haben jetzt einen Sauerteig aus Berlin im Kühlschrank und neue Gläser in der Tochterbrille, einen angeschlagenen Sohnrücken und die Tochter mit dem Seidentuch vom Flohmarkt, wir haben Knabenbeine, die sich in Herrenkleidergrössen stecken wollen und ein Drama um schwarze Jeans, die noch nicht gewaschen sind (kann auch Komödie genannt werden), wir haben drei Wackelzähne und fast kein Himbeerjoghurt mehr, wir haben frisch geschnittene Bäume und ein Vogelkonzert draussen – und drinnen,

ganz drinnen

Glatteis.
Daran kann ich mich nicht mehr im Detail erinnern, aber ich erinnere mich daran, dass es ein Leben gab, in dem solche Details Alltag hiessen. Die schwarzen Jeans haben noch heute Dramatendenzen. Manchmal. Selten.

Vergessen und vermissen

Haben Sie schon einmal versucht, einen Menschen zu vergessen?
Haben Sie es schon mal geschafft?
Entweder ist es ihnen gelungen, dann erinnern Sie sich nicht mehr an ihn, oder sie erinnern sich und sehen daran, dass es erfolglos war. 
Ich bin richtig gut im Namen vergessen. Aber Menschen? Menschen, die nicht nur durch Rolltreppenbegenungen mit dir verwoben waren – das kann ich (noch) nicht.

"An diesem Lied ist etwas falsch", sagte ein Junge heute, nachdem wir für das Geburtstagskind gesungen hatten. Es wurde ganz still. "Wir singen: Wie schön, dass du geboren bist, wir hätten dich sonst sehr vermisst. Aber wenn er nicht geboren worden wäre, hätten wir ihn ja gar nicht gekannt. Wir können ja nicht etwas vermissen, was es gar nicht gibt."

Ich liebe meinen Beruf!

Dienstag, 26. März 2019

Glück

Eine kurze Zeit lang spürte ich es gestern wieder einmal, dieses unbeschreibliche, warme, helle, leichte, lachende Glücksgefühl. Mitten in einem Elternabend erfüllte es mich, wie ein Frühlingsregen den Boden netzt. Wir waren eingeladen, die Arbeit im Jugendtheater etwas näher kennen zu lernen. Jede Mitarbeiterin stellte ihren Arbeitsbereich vor und liess uns Eltern je nach Möglichkeit mittun. Und da standen wir mit den jungen Menschen im Kreis und tanzten, wirbelten, schritten, reichten uns weiter, lachten. Und die Begeisterung und Kraft der jungen Menschen war so ansteckend, übertrug sich bei jedem Weiterreichen, Anlachen, Händedruck ein Funken mehr.
Sogar jetzt, eine kurze Nacht später, kommen mir wieder die Tränen, wenn ich mich zurückfühle...

Ich möchte mich bei allen, welche diesen Text heute versucht haben zu lesen, entschuldigen. Es war ein spontanes, schnelles Hinwerfen heute früh, hätte eigentlich bloss ein Entwurf sein sollen und stand dann doch unkorrigiert und voller Tippunfällen veröffentlicht da. Soll nicht wieder vorkommen.

Montag, 25. März 2019

Montagsupdate

Schon wieder Wochenanfang, schon wieder diese paar Minuten zwischen dem Aufbruch der Jungen und meinem.
Ich werde es schaffen, ich bin ausreichend vorbereitet, ich schlafe zuwenig, die Kinder gibt es nicht, es sind 20 Individuen, mit dem Kollegium habe ich einen intensiven Weiterbildungstag am Samstag verbracht. Ich fühle mich wohl und bin dankbar dafür. Und ja, der Schreibtisch ist noch leer, aber auch nur, weil ich alles, was anfiel, diese Woche in einem Wäschekorb gesammelt habe (und der ist voll!).
Ausserdem hat letzte Woche ein neuer Familienreigen begonnen. Es gibt immer noch erste Male. Dieses heisst "erster Bachelor". 
Doch nun muss ich los. Ich mag es bloss nicht, wenn es hier nach Stagnation ausschaut, obwohl es eigentlich wirbelt und wurbelt.

Donnerstag, 21. März 2019

Montag, 18. März 2019

Auf ein Neues

Immer diese Schwere zum Schulanfang. Ob ich das schaffe? Ob ich richtig vorbereitet habe? Ob ich genügend schlafen kann? Ob es den Kindern gut gehen wird? Ob ich im Kollegium achtsam genug sein kann – in diesen Pausenminuten, wo ich eigentlich nur abschalten will...? Ob es gelingt, den Schreitisch aufgeräumt zu halten? :)

Samstag, 16. März 2019

...

Wir waren dreimal fast zeitgleich schwanger, entsprechend lange Zeit täglich im resp. vor dem Kindergarten, später sah man sich im Dorf, wenn beide nicht in Eile waren, blieben wir stehen, unverbindlich, und doch irgendwie verbunden und im Gefühl, man nehme sich gegenseitig wahr. 
Wie sehr habe ich mich getäuscht.
Eben im Dorf stand ich vor dem Gemeindeschaukasten vor der ersten Todesanzeige seit Monaten und las ihren Namen, ihren Jahrgang – Mitte der 70er-Jahre – und konnte es und wollte es nicht glauben. Vor einem Monat Unwohlsein, Arztbesuch, Metastasen im ganzen Körper, alles ging ganz schnell... Das erzählte man mir dann im Dorfladen. Da weiss man zum Glück noch von den Dingen, die eine Dorfgemeinschaft erschüttern. 

Die Kirschblüten werden bald blühen.

Donnerstag, 14. März 2019

Code

Meine Gedanken sind beim Ausräumen der Einkäufe, beim Verteilen an die verschiedenen Aufbewahrungs- und Verarbeitungsorte. Einen Artikel um den anderen hole ich aus der Tasche, blicke ihn wohl kurz an, versorge ihn. Das ist tausendfach getan, Alltagstun, Alltagszeit. 
Dann diese Milisekunde, vier Zahlen, zwei Punkte – ich realisiere erst, als ich mitten im Film drin stecke: Mittwoch, Verlegung auf die Intensivstation, Arzt im weissen Kittel, Diagnose, Angst, Panik, Schuldgefühle, Telefonat im kalten Windfang neben dem Hinterausgang, Milchpumpe, alles ist da auf einen Schlag. Haltbar wohl bis ans Lebensende.

Mittwoch, 13. März 2019

Biogeographie

Mir ist eine sympathische Idee begegnet. "Sammle die Namen aller Strassen, an denen du gewohnt hast." Lebenswege mal etwas anders... Es wachsen beim Suchen nach den Namen in schwindelerregendem Tempo Geschichten an den Wegrändern, Erinnerungen, Gefühle, Gerüche... Spannend, wie der Klang dieser Namen eine ganze Biographie trägt. In Klammern stehen die runden Geburtstage, die ich dort erlebt habe.
Weyermühlestrasse
Gartenhof (10)
Im Haberacher (20)
Wuhrmattstrasse
Speiserstrasse
Holbeinstrasse
Sommergasse
Am oberen Dorfplatz (30)
Dammstrasse
Mariasteinstrasse (40,50)
An der Speiserstrasse in Basel wohnte ich nur gerade 3 Monate lang zu Beginn des Studiums. In der dritten Woche ereignete sich die Brandkatastrophe beim nahe gelegenen Chemiekonzern. Durch die angstvollen Stunden in jener Nacht hat sich das Einzimmerstudio sehr tief eingeprägt.

Die Übung, in Gedanken an die verschiedenen Orte "heimzukommen", mir den Weg durch die Wohnstrasse vorzustellen und die Gefühle zu fühlen, die sich dabei einstellen, ist fast schon erschütternd. Damit werde ich jetzt eine Weile unterwegs sein, bevor ich entscheide, ob ich dazu was schreibe.

Dienstag, 12. März 2019

Nachlese

Da liegt auch dieser grüne Umschlag auf dem Stapel, der bald keiner mehr ist. Seit letztem Sommer lege ich ihn immer und immer wieder ungeöffnet zurück. Dabei erinnere ich mich so gut an den Moment, als ich ihn aus dem Briefkasten holte. Mein Herz machte einen kleinen Freudensprung, als ich ihn zwischen all den Rechnungen und Katalogen entdeckte: Ein handgeschriebener Brief mit einer schönen Briefmarke, das kommt nur noch sehr, sehr selten vor. Die Schrift kam mir vertraut vor, doch als ich ein paar Schritte später realisierte, war ich enttäuscht, beschämt und auch ein wenig belustigt.
Wenige Tage zuvor war mir der Impuls begegnet, dem wichtigsten Menschen in meinem Leben einen Brief zu schreiben. Ich sollte mir vorstellen, was ich ihm schon lange einmal sagen wollte, es aber immer unterlassen hatte, aus welchen Gründen auch immer. Ich sollte mir überlegen, wofür ich ihm dankbar bin und was ihn für mich so besonders und einmalig macht. Ich wurde so geführt in diese Vorstellung, dass ich warm und offen wurde und die Worte sich startklar schmückten. 
Und dann war da der letzte Satz: "Stell dir nun vor, dass dieser wichtigste Mensch du selber bist und schreibe dir diesen Brief."

Es war eine schwierige Übung. Irgendwo zwischen dem verdrückten Mädchen, welches oft genug gehört hatte: "Nimm dich doch nicht so wichtig!" und der halbwegs erwachsenen Frau, welche mit grosser Sicherheit die eigenen Fehlerregister rezitieren kann, versuchte ich einen Freiraum zu schaffen für diesen Versöhnugsakt.
Den steckte ich dann in einen grünen Umschlag, klebte eine besondere Marke darauf und schickte ihn auf die Reise.
Erkannt habe ich den Brief nach einigen Sekunden, gelesen erst fast neun Monate später. Heute. Was ich lese ist leider bloss ein Versuch. Ich stehe zu der Schreiberin in einer derart ambivalenten Beziehung, dass ich ihr die scheinbar liebevollen, ermutigenden Worte nicht abnehmen kann.
Wir beide haben noch viel zu lernen.

Montag, 11. März 2019

Juhee

Es schneit!!! Was habe ich diesen Flockentanz vermisst während der langen letzten Monate! In einer Stunde scheint bestimmt wieder die Sonne. Dann beginn nämlich der Cortège der Basler Fasnacht, und heute früh stand in der Zeitung, Petrus sei ein Bebbi (Basler). Ich als Nichtbebbi geniesse nun einfach die Zauberminuten und halte sie hier fest, schneeflockenleicht!

eine Stunde später

sprachlos

Ich weiss nicht, ob dies ein Fastnachtsbeitrag ist oder ein vorgezogener Aprilscherz. Wenn es ernst gemeint ist, dann – ich fass es einfach nicht.

Samstag, 9. März 2019

Begegnung

Ich bin am Räumen, die ganze Woche schon, immer wieder ein Stück weiter. Auf einem Stapel, der langsam über Wochen gewachsen ist, liegen Briefe, Geschenke, Bücher, Versicherungspolicen, Fotos und anderes mehr, was ich beantworten, zurückschicken, ausfüllen, kopieren oder sonst irgendwie "bearbeiten" möchte und muss. 
Eines davon habe ich in den Tagen nach Weihnachten bekommen von einer weit über achzigjährigen Frau, die mit ihrer Post danken wollte für eine Zufallsbegegnung am Tag zuvor. Allein dies machte mich sprachlos. Sie hat mir Kopien von Bildern und Texten geschenkt, welche im Laufe ihres langen Lebens entstanden sind und mich zutiefst berühren. Doch ganz unmittelbar fehlten mir die Worte, um angemessen zu reagieren, und dann begann wieder die Schule, und bald war das Mäppchen Stapelbestandteil. 
Heute nun war dieser Stapel Tagesaufgabe an mich. Zuerst jedoch reiste ich vier Dörfer weiter zur nächsten Apotheke. Und während ich wartete, trat neben mich an die Ladentheke die nächste Kundin: Diese Frau, deren Geschenk zu Hause auf meinem Schreibtisch liegt. Statt zu schreiben wartete ich nun mit ihr auf ihr Tram, und statt nach Worten zu suchen, durfte ich den ihren lauschen. Es ist mir so lange schon niemand mehr begegnet, der ohne Umschweif sofort die tiefsten Fragen und Wahrheiten im Fokus hat. Sie erzählt mir vom grünen Sofa ihrer Kindheit, wo ihre Eltern miteinander und mit Freunden die Gespräche führten, die sie geheim oder daneben sitzend als Mädchen staunend trank, von denen sie geprägt und genährt wurde für ihr ganzes Leben. Sie schildert die Stimmung, wenn Friedrich Dürrenmatt mit ihrem Vater nächtelang philosophierte, zitierte, Bücher entwarf. Sie erzählt von ihrer Mutter, welche mit den Pflanzen sprach und sich alles in ihrem Garten von ihnen zeigen liess. Es ist, als sässe ich mit im Raum, als über den russischen Photographen, dessen Namen ich mir nicht merken konnte, und seine neue Technik, mit der er Unsichtbares sichtbar machen konnte, gesprochen wird. Statt dessen aber stehen wir an der Haltestelle, das kleine Mädchen mit den funkelnden Augen ist über 86 Jahre alt und meint dann, sie würde sich trotzdem über einen Brief von mir freuen.
Aber das traue ich mich nun nicht mehr. Mein Staunen möge Dank genug sein.

Freitag, 8. März 2019

Zeit

Auch das können Ferienperspektiven sein! 
Und während ich warte und umherschaue – die Sessel vor den Umkleidekabinen sind von anderen Eltern besetzt – bestaune ich die Balken über meinem Kopf. 
Es muss ein uraltes Gebäude sein, in dem wir stehen, und es schert sich gewiss einen Deut um die Mode, die hier im Halbjahresrhythmus wechselt.

Donnerstag, 7. März 2019

räumen – Raum

Fast zwei Jahre lang hat es mir der Zustand meiner Haut verunmöglicht, im Garten zu arbeiten. Gestern habe ich mir einen Flecken vorgenommen und begonnen, ihn von dürren und alten Verwachsungen zu befreien, einen Teil des Laubes zu entfernen, welches sich darin verfangen hatte und die Erde zu lockern. Es tat uns gut.
Vor allem aber staune ich über den unerwarteten Blütenreichtum, welcher da zur Geltung kommt. Wie selbstbewusst sich diese Blumen auf einmal dem Licht entgegen recken jetzt, da sie nicht mehr versteckt sind unter all den Altlasten.
Eine Nachbarin hatte mir zum ersten Himmelsgeburtstag einen Stock Christrosen geschenkt. Das Grab war damals so übervoll von Blumen, dass ich der Pflanze im Garten einen Platz gab. Unterdessen hat sie sich auf bestimmt einen Quadratmeter ausgebreitet. 
Dieses Jahr trägt sie zum ersten Mal auch weisse Blüten. 
Ich hoffe, noch andere Winkel rund ums Haus frühlingsfrei zu räumen in den kommenden Tagen. Heute ist der Schreibtisch dran (für dessen Zustand ich keine echte Ausrede habe).

Dienstag, 5. März 2019

Fermate

Der vierte unterrichtsfreie Tag ist Geschichte. Die Geschichte handelt von Schlafen, Spazieren, Nichtstun, Tochtergesprächen und ein paar Dingen rund ums Kochen und Waschen. Ich wusste nicht, dass in mir soviel Müdigkeit steckt.
Manchmal denke ich nach über das, was in den letzten Tagen durch Lesen und Schreiben in Bewegung geraten ist. Vielleicht, denke ich, vielleicht ist das ja die Narbe, von der im Anschluss an den Trauerprozess manchmal gesprochen wird, dieser immer leicht wunde, gezeichnete Ort in mir, der diese Kontinentenferne erschafft. Zumindest fühlt sich dieser Gedanke entlastend an.

Montag, 4. März 2019

Kontrapunkt

Die Welt ist Energie. Das Leben ist es auch, Energien, die sich manifestieren, manipulieren, beeinflussen, bedingen. Und es liegt in der Natur dieses komplexen Geschehens, dass die Oberfläche immer bewegt ist, dass Unruhe das Kontinuum ist, dass in Wellen gesendet und empfangen wird. Irgendwo spielt mitten drin der freie Wille des Individuums mit, sagt man, erlebe ich zeitweise, frage ich mich oft. 
Wenn dem so wäre, so liesse sich Schwere durch innere Gedankenschöpferkraft überwinden.

Eindringlich und hell beschreibt das heute eine Frau, die viel jünger ist als ich und doch an einem Punkt zu stehen scheint, den ich in ganz besonderen Momenten erfahren habe, der in meinem Leben jedoch Gipfelglück und nicht Alltagsweg bedeutet.
Es kommt mir vor, als hätte sie den Text hier gestern gelesen und sich herausgefordert gefühlt, die Negativität dieser Sichtweise umzukehren. Natürlich ist dem nicht so. Sie ist eine professionelle Bloggerin, ich eine versteckte Notizenschreiberin, und doch glaube ich, dass auch hier ein Energiegesetz wirkt. Man findet, was man sendet und sieht, was man sucht und bekommt, was man tragen kann...
Ich bewundere Menschen wie sie. Es entsteht in diesem Kraftfeld in mir jedoch nicht Mut. Ich bleibe in der staunenden, weit entfernten Betrachterrolle, als würde ich das Geschehen auf einem anderen Kontinent beobachten. Vielleicht würde sie meine Welt miesepetrig nennen. Doch das ist sie nicht. Sie ist bloss sehr verletzlich, hellhörig, zerbrechlich.

Es stürmt draussen. Der, welcher als Kirschbaum in diesem Geschehen steht, strahlt Kraft und beinahe Ruhe aus. Andere Pflanzen neigen sich bis fast auf den Boden. Ich gehöre wohl eher zu denen. 

Du redest dich heraus, weil du die Arbeit scheust! raunt es von hinten rechts. Ich gehe jetzt hinaus und lasse mich durchwehen. Dann schauen wir weiter.

unterwegs: Flatterfahne in Licht und Sturm!

Sonntag, 3. März 2019

Zwischenspiel

Sie sitzt am Sonntagstisch und scannt sich durch die Gedankengefühle. Denken ohne Fühlen fällt ihr schwer. Fühlen ohne zu denken scheitert an ihrer Kontrollsucht. Ständig insisitiert diese Stimme aus dem rechten Hinterhalt, teilt in gute und schlechte Gefühle ein, in solche, welche unangebracht und daher wegzudenken sind und setzt statt dessen Gedanken in den Führersitz, welche zu den richtigen Gefühlen führen sollten. Da ist kein Fliessen, denn dieses Hin und Her wirkt wie bremsende Schleusen, in denen man zwischen engen, starken, öden, nassen Wänden wartet, bis Ausgeglichenheit wiederhergestellt ist und sich das schwere Tor langsam öffnet. Da ist keine Leichtigkeit, denn diese gehört der Flatterhaftigkeit der Vögel, der zu entsagen ihr beigebracht worden ist. Da ist keine Intuition, denn diese wählt zielsicher immer genau jene Richtung, welche der Verstand mit seinem Gedankenbollwerk blockiert.
Vor ihr liegt ein Gummiband, ein weisses, langes. Sie spannt es zwischen die Daumen und dehnt und entspannt es im Rhythmus des Atems. Irgendwann wird es zu Ende sein. Irgendein Atemzug wird der Letzte sein. Todsicher. Sie fürchtet sich nicht davor. Aber sie fürchtet sich vor der Möglichkeit, dann der Frage gegenüberzustehen: Warum hast du dein Leben nicht mutig in den Fluss gesetzt und der Strömung vertraut? Die Stimme aus dem Hinterhalt wird schweigen. Und sie wird die nicht gegangenen Wege vor sich sehen, die nicht ausgesprochenen Worte hören, den nicht gefühlten Schmerz fühlen. Die nicht geöffneten Geschenke werden sich auflösen wie Träume im Moment des Erwachens. Und dann?