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Freitag, 31. Dezember 2021

365/365 Erfüllung

Es ist wohl der erste Neujahrsvorsatz meines Lebens, dem ich treu geblieben bin. Zwei Faktoren haben mir dabei gehofen, nicht aufzugeben: Die Zahlen und die Menschen, die vorbei gekommen sind, um diesen Hauch eines jeden Tages flüsterleise wehen zu lassen. Eigentlich sind auch die allermeisten dieser Menschen Zahlen, aber das ist ok. 

Ich danke beiden, denn für mich hat diese selbstgewählte Verpflichtung einen Halt gegeben, der mich selber erstaunt hat. Jedem Tag eine klitzekleine Essenz abzuringen, welche keine Persönlichkeitesrechte verletzt, war Herausforderung und gesunde Distanzhalterin zugleich, Distanz zu den Alltagsverwicklungen, die oft in den Details von blonden Locken, Parfüms, Turnhallenstundenplänen und allem, was ich mir selber öffentlich zu diskutieren in diesem Pandemiejahr verbot, verwickelt waren.

Eine neue Herausforderung steht bereits vor der Türe. Ich weiss aber noch nicht, ob ich sie herein lassen werde. Mit der Entscheidung warte ich bis nächstes Jahr und wünsche allen, welche es noch vor Mitternacht hierher schaffen, einen versöhnlichen Jahresabschluss – und wie gesagt: Danke!

Donnerstag, 30. Dezember 2021

364/365 Planen

Es tat gut, heute einen Teil des Kollegiums zu tteffen, wenn auch nur virtuell. Es tat gut, die Fragen zu stellen und zu hören, dass andere ähnliche Fragen haben, dass einige sogar weinen, weil immer mehr von dem, was uns den Beruf lieb macht, verboten wird, versteckt wird, als Gefahr eingestuft wird. Heute bekamen wir eine Liste, an welchem Wochentag wir in der Pause noch ins Lehrerinnenzimmer gehen dürfen: Jede Person einmal pro Woche, immer in denselben Kleingruppen. Sport mit Maske, auch die Erstklasskinder, und so, dass der Abstand gewahrt werden kann. Fernunterricht (ab drei kranken Kindern in einer Klasse) so organisieren, dass alle Kinder etwa gleich lange zu tun haben. Das bedeutet für das privilegierteste Kind etwa 20 mal soviel Material wie für das Benachteiligste, weil dort niemand ist, der Kraft und Sinn hat, einen Rahmen zu schaffen, in dem gearbeitet werden kann. 

"Irgendwann werden wir das Virus laufen lassen müssen", wurde heute eine Expertin zitiert. Ich freue mich auf irgendwann, auch wenn man das ja nicht laut sagen darf. Ich habe bloss geflüstert, Ehrenwort!

Mittwoch, 29. Dezember 2021

363/365 Reise in die Vergangenheit

In der Mediathek des Schweizer Fernsehens bin ich auf die Sissi-Filme gestossen. Ich hatte die zuvor nie gesehen und mich nicht mit Monarchien auseinandergesetzt, ausser als wir es damals im Geschichtunterricht tun mussten.

Gestern nun zappte ich druch den zweiten und dritten Film und begann danach, die Biographien der Protagonisten und Protagonistinnen zu studieren, las von Exil, psychischen Krankheiten, Verbannung, Intrigen, Macht, Elend. Heute führten mich die verschlungenen Pfade ins englische Königshaus mit den Geschehnissen im 16. Jahrhundert, als der König die Macht hatte, seinem ganzen Volk die Religion aufzuzwingen, weil es seine Geliebte nur heiraten konnte, wenn er Rom nicht unterstand und als Oberhaupt der eigenen Kirche seine erste Ehe für ungültig erklären konnte.

Als ihm diese Frau nach drei Jahren noch immer keinen Thronfolger "schenkte", sondern bloss ein Mädchen und danach zwei Todgeburten hatte, inszenierte er einen Intrigenprozess, der zur Enthauptung seiner Gemahlin führte. 

Entsetzt, verwirrt und schaudernd denke ich an das Leben damals, das Leben als Frau oder als Untertan allgemin, an die narzistische Willkür der Monarchen, der alle ausgeliefert waren. Und ich denke an Länder und Kulturen, in denen jetzt in dieser Stunde Frauen ähnlich leiden, fürchten um ihr Leben, kein Recht aben, keine Freiheit, sondern der Willkür und dem Fanatismus von Anführern ausgeliefert sind. 

Und ich denke an die Freiheit, in der ich hier leben darf, deren Einschränkung ich beklage, obwohl ich alle Chancen habe, jedem Augenblick mit meinem Leben zu antworten.


Dienstag, 28. Dezember 2021

362/365 Nacht

Dieser Tag startete verplant, mündete dann jedoch bald in ein Plätschern von Nichtstun. Offenbar brauche ich das einfach auch. Draussen stürmte und regnete es. Geplätscher also auch in der Dachrinne.

Montag, 27. Dezember 2021

361/365 ...

Und wieder ist es spät geworden. Ich war heute bei meiner Mutter, zusammen mit einer Schwester und deren Familie. Dadurch waren fünf Stunden meines Tages mit Reisen gefüllt. Die Züge und Buse sind fast leer. Auf eine Reisende entfallen etwa 4 Abteile à je 4 Plätze. Es ist zwar eine angenehme, aber auch eine gespenstische Stille in den Fahrzeugen. Man schaut sich nicht an. Aus dünnen Schlitzen zwischen Masken und Mützen starren die Augen auf die Handys. Was geschieht da mit uns Menschen? Wohin treibt uns dieses Misstrauen, die Angst vor Nähe?

Nur am Bahnhof, da gehen zwei aufeinander los, brüllen sich an, dass der ganze Platz erstarrt in ihrem Geschrei. Wie wilde Tiere wirken sie, voll bebender Wut und Verzweiflung.

Ich denke oft an die Mütter dieser Welt, welche jetzt und je ihre Familien in Not und ihre Söhne im Krieg wissen. Ich weiss nicht genau warum. Vielleicht weil mir der Gedanke hilft, dankbar zu sein, vielleicht weil ich in diesen zeiten ahne, wie das Leben sich anfühlen kann in dieser ständig lauernden Bedrohung durch Hass und Unmenschlichkeit. 

Ich wähle die Dankbarkeit für den Weg in den Schlaf.

Sonntag, 26. Dezember 2021

360/365 frohes Fest

Nun sind sie bis auf eine alle wieder weg. Im Abstand von etwa drei Stunden ist einer nach der andern gegangen: Zum Freund, nach Hause, Zum Kollegen, zu einem Abendessen und schliesslich der letzte in die Berge. Da ist soviel Staunen, Dankbarkeit, Glück, Müdigkeit und Wehmut nebeneinander in mir.

Samstag, 25. Dezember 2021

Freitag, 24. Dezember 2021

358/365 full house

Ich fühle mich wie zuhause❣️🕯🍾

Donnerstag, 23. Dezember 2021

357/365 Alternative

Normalerweise würde ich in diesen Tagen meinen Weihnachtsjahresbrief schreiben, gestalten, kopieren, Umschläge adressieren, wo es reicht von Hand noch ein paar persönliche Worte dazu schreiben, Briefmarken suchen, auswählen und aufkleben und dann, meist im letzten Augenblick, mit dem ganzen Stapel zur Post oder zumindest zu einem gelben Briefkasten gehen.

Dieses Jahr ist es anders, wie so vieles. Statt Weihnachtbriefen gestalte ich ein Arbeitsheft für den Fernunterricht nach den Ferien, putze, wasche.

Doch dann liegen im Briefkasten diese selbstgestalteten, handbeschriebenen Karten, vertraute Schriften, die jedes Jahr zu Weihnachten grüssen, Blicke in Jahre voller Schicksale. Sehnsuchtswecker sind das. Begegnungssehnsucht, Schreibsehnsucht. Beides. Vielleicht führt sie mich ja nach Weihnachten doch noch an den Schreibtisch, vielleicht weckt sie neben der Sehnsucht auch die Worte, die mir dieses Jahr fehlen. Es ist so dürr. 

Nur die Briefmarken, die hätte ich schon.

Mittwoch, 22. Dezember 2021

356/365 Freuden, die die Welt nicht braucht

Zum ersten Mal in diesem Blogjahr kommt jede Ziffer im Titel doppelt vor. Wie kann man sich bloss über solche Treffen derart freuen!? 

Gefreut habe ich mich auch heute Mittag: Ich habe exakt jene drei Minuten erwischt, in denen die Sonne über den Wald steigt und beleuchtet, was die Kälte der Nacht viele Stunden zuvor gemalt hat. Doch wie es der Sonne entspricht: Sie leuchtet zwar, doch gleichzeitig wischt sie auch aus – oder verwandelt. Jedenfalls war der kleine Baum beim nächsten Blick aus dem Fenster wieder braun und kahl wie all die Wochen zuvor.


Post war zu dem Zeitpunkt noch keine im Briefkasten. Dafür hatte an ihm auch hier die Nacht ihre Spuren hinterlassen.



Dienstag, 21. Dezember 2021

355/365 oder minus zehn

Schon verrückt, wieviele Themenkreise tabu geworden sind. Bald bleiben noch das Wetter, die Katzen und vielleicht die Unordnung auf meinem Schreibtisch und die Suche nach der Kundenkarte an der Kasse, die vier jungen Strassenmusikanten, die wohltuende gedämpfte Stimmung im Bücherladen, das minikurze Gespräch mit einer Frau im Lift. Ach ja, und natürlich die Sonnenwende! Für zehn Tage könnte es reichen! :)

Montag, 20. Dezember 2021

354/365 Ablenkung

Es ist wirklich eine wohltuende Alternative zum Weihnachtsschnupfen: Den Tag im Schulzimmer zu verbringen, mit dem Aquarellkasten zu experimentieren, Rechnungsmandalas zu kreieren, eine Turnstunde vorzubereiten, welche die Kinder dann in der Wohnung abhalten sollen, Aufgaben so zu formulieren, dass Eltern sie einigermassen verstehen können, an der neuen Sitzordnung zu basteln, farbiges Papier zuzuschneiden für Scherenschnittexperimente... und zu Hause dann eine Semesterarbeit zu korrigieren. Jetzt, in der Nähe des Bettes, hüstle ich wieder eine Irritation im Hals weg. Erfolgreich.

Sonntag, 19. Dezember 2021

353/365 Angst

Ich lerne viel über die Angst, wie sie wirkt und wie sie es schafft, Macht zu übernehmen, indem sie lähmt, wer ihr gehorcht. Immer wieder gelingt es mir, diesen Spielen zu entrinnen, doch die letzten Monate mit diesem andauernden Ringen sind nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Vor drei Jahren, als die Tochter als Velokurierin zu arbeiten begonnen hat, war ich stolz, jetzt, da sie die Arbeit nach langer Pause wieder aufnimmt, mache ich mir Sorgen. Als die jungen Menschen anfingen, auch in ihrer persönlichen Freizeit in die Berge zu gehen, freute ich mich. Nun steht auf einem Wunschzettel: "Lawinensuchgerät". Mir wird ganz flau. Früher vertraute ich meinem Körper, pflegte ihn mit Wärme, Bewegung, Teetrinken und Schlaf. Heute bringt mich ein unbekanntes Ziehen im Bauch oder ein Stechen im Hals kurz vor den Wahnsinn. 
Niemals möchte ich ihr das Zepter überlassen in meinem Königreich. Doch sie hat an sovielen Stellen meine natürlichen Grenzen von Vertrauen und Zuversicht untergraben, schlüpft irgendwo herein und zieht sich erst zurück, wenn ich ihr den roten Teppich zum Hauptausgang ausrolle.

Samstag, 18. Dezember 2021

352/365 Korrektur

Das Ding mit der Pubertät ist wohl doch noch nicht ganz ausgestanden. Oder es liegt an meiner eigenen. Wie sonst wäre es erklärbar, dass die Tochter richtig allergisch auf mich reagiert und es aktiv vermeidet, im gleichen Raum wie ich zu sein? Vielleicht atme ich zu laut oder habe eine Art, die Schublade zu öffnen oder mit verschränkten Beinen in einer Zeitschrift zu blättern oder sonst einen Tick, an dem sie verzweifelt. Jedenfalls scheint mein Sosein eine ausgesprochen negative Wirkung zu verbreiten. Doofes Gefühl und am besten zu ertragen, wenn es im besagten Kontext eingeordnet wird.

Freitag, 17. Dezember 2021

351/365 "Ferien"

Der letzte Schultag dieses Jahres ist Geschichte. Es waren verrückte Tage. Alle Kolleginnen versuchten unter Aufwand aller Energie und Phantasie, den Umständen und Einschränkungen zum Trotz weihnachtliche Stimmung und Nomalität für ihre Klassen zu zaubern. Die Feiertagspläne, von denen die Kinder erzählten, klangen wie verzweifelte Fluchtpläne. Ganz zuletzt erklärten zwei kleinlaut und fast beschämt: "Wir bleiben nur zu Hause." Selber werde ich Anfang Weihnachtferien normalerweise krank, nie schwer, einfach Erschöpfungskopfschmerzen, Schnupfen, Husten, das normale Programm halt. Diesmal kann ich mir das nicht leisten, weil es das normale krank nicht mehr gibt. Ich werde entsprechend im wachsamen Verantwortungsmodus bleiben und den Fernunterricht von Anfang Jahr gründlich vorbereiten. Ob sich dabei die Lust auf Weihnachtsbriefschreiben trotzdem einstellen wird?

Donnerstag, 16. Dezember 2021

350/365 Perlenkette

Wenn die Tage Schnüre sind, so sind die Begegnungen, auf die wir uns einlassen, die Perlen, die wir auffädeln.

Mittwoch, 15. Dezember 2021

349/365 Frage

"Wann", fragt sie mich nach einer stillen Weile, "haben Sie sich zum letzten Mal in den Armen eines vertrauten Menschen geborgen gefühlt und entspannen können?"
Ich schaffe es, nicht zu weinen.
Aber verstecken kann ich mich nicht.

Dienstag, 14. Dezember 2021

348/365 nach einer Mail

... bis sie dann auf einmal wieder überschwappt, die Sorge, die Orientierungslosigkeit, die C-Welle. Du schluckst Wasser, hustest, ruderst ziellos mit den Armen und merkst erst Runden später, dass du die wichtigste Kraft verloren hast: Das Vertrauen. Komm setz dich ans Ufer, lausche dem Rauschen, lass deine Haare im Wind trocknen und spüre das Leben, wie es in dir pulsiert.

Montag, 13. Dezember 2021

347/365 Details

Es scheint so, dass ich besser schlafen kann, wenn ich die letzten dreissig Minuten vor dem zu Bett gehen nicht mehr online bin. Es ist ruhiger in meinem Kopf, ich lasse durch ein schönes Buch eigene Bilder entstehen und nehme sie hinüber in den Schlaf. Ein weiteres Experimentierfeld im Alltag, aber auch etwas mehr Zeitdruck auf meinem 365-Projektchen. Zu veröffentlichen gibt es heute nichts. Die Begegnungen während des Tages sind freundschaftlich, heiter und wertschätzend. Die Herusforderungen liegen in den Überraschungen, welche jeder Augenblick bereit hält, Episödchen, welche nicht das Zeug zur Literatur aber doch die Kraft haben, Lächeln zu zaubern. Und nun mache ich mich auf den halbstündigen Weg ins Bett. Hier lasse ich ein paar Grüsse liegen. Bedien dich, wenn du vorbei kommst.

Sonntag, 12. Dezember 2021

346/365 üben

Wir lernen ein Leben lang. Es mag ein Kalenderspruch sein – ich mag es, darüber nachzudenken. Ich habe Kolleginnen, die lernen Fremdsprachen, machen Weiterbildungen zu Therapeutinnen, lernen Gebärdensprache oder Stepptanz. Da bin ich eher träge unterwegs. Mich reizt der Alltag mit seinen unendlich vielen eingespielten und oft unbewussten Mustern.
Zur Zeit übe ich, die Füsse zu entspannen, wenn ich in der Küche stehe. Ja, lach nur, doch was so simpel tönt, ist für mich eine echte Herausforderung und eine Nachwirkung der Physeotherapie, die ich vor einem Jahr gemacht habe, um einer Operation am Knie zu entgehen. Ich hoffe, irgendwann wird es mir gelingen, auch dann entspannt auf dem Boden zu stehen, wenn ich mich nicht darauf konzentrieren kann.

Samstag, 11. Dezember 2021

345/365 Selbstverständlich

Das ist ein Notizzettel, der hier neben und auf und unter hundert anderen Alltagszeugen und Arbeitshelfern liegt. Ein Test für die Herstellung des Geschenkpapiers am Montag. Es fällt mir in diesem Klassenzug nicht leicht, mich zu motivieren für aufwändige Geschenke und liebevolle Kleinigkeiten. Noch nie, gar nie kam irgendeine Reaktion von Eltern auf eine Arbeit, ein Geschenk, eine Aktivität oder irgendetwas, was die Kinder nach hause bringen durften. Ich habe keine Ahnung, ob dies ein Ausdruck von Enttäuschung, Nichtgenügen oder Selbstverständlichkeit ist.
Ich werde es weiterhin versuchen, den Kindern zuliebe. Und ich hoffe, dass wenigstens sie Rückmeldungen bekommen.

Freitag, 10. Dezember 2021

344/365 Ungeduld

Kurz vor Schulbeginn heute früh hatte es begonnen zu schneien, und als der Tag aus der Dämmerung erwachte, war die ganze Welt vor den Fenstern verzuckert. Manche Kinder konnten an nichts anderes mehr denken als an die bervorstehende Schneeballschlacht in der Pause.
Leider ging der Schnee noch vor dem Läuten in Regen über und verpflotschte den zarten weissen Hauch.
"Bitte, macht euch nicht absichtlich nass", bat ich die Kinder. Ich vergass, dass Kinder in diesem Alter auf die Signalwörter hören und "nicht" keines davon ist. Wahrscheinlich aber waren sie innerlich einfach sosehr auf dieses Pausenereignis eingeschworen, dass sie sich nicht rechtzeitig den neuen Gegebenheiten anpassen konnten.
25 Minuten brauchten wir nach der Pause, bis alle nassen Kleider aufgehängt, die Turnsachen angezogen, trockene Socken zusammengesucht und die tropfenden Haare und erhitzten Köpfe wieder kühlgetrocknet waren.
Fand ich nicht lustig.

Donnerstag, 9. Dezember 2021

343/365 Wichtellicht

Die Weihachtszeit und ich sind nicht wirklich gute Freundinnen. Mir fehlt da ein Gen. Doch dieses Jahr erlebe ich an unserer Schule etwas ganz Feines, Liebevolles, was mich zu verzaubern beginnt. Da sind unerkannte Wichteline unterwegs, welche immer wieder für Überraschungen und kleine Zeichen sorgen.
Vor der Pause heute kam eine Nachricht: "Ins Lehrerzimmer kommen!" Von dort wurden wir weiter geschickt in ein anderes Gebäude, wo ein Ensemble von KollegInnen im offenen Treppenhaus sang und spielte. Wir standen auf drei Stockwerke verteilt und lauschten, dem Alltag für ein paar Minuten entrückt.
Und als ich zurück in mein Zimmer kam, brannte auf meinem Pult die Kerze, welche ich zuvor ausgepustet hatte und daneben stand ein kleiner Weihnachtsstern auf einem roten Blatt Papier: Ein Gruss vom Weihnachtswichtel. "Freue dich einen Tag lang an dieser Blüte und verschenke sie dann unbemerkt weiter." 
Ansteckung kann etwas Wunderschönes sein. Das möchte ich nicht verlernen.

Mittwoch, 8. Dezember 2021

342/365 Wandel

Als vor etwa 22 Monaten als eine der erste Veranstaltung in der Schweiz die Basler Fasnacht abgesagt wurde, ging ein Erdbeben durch die Region, das Land, die Menschen. Es war kaum zu begreifen, dass sowas möglich ist, dass sich Prioritäten so krass verschieben können, dass sich eine Regierung über die Tradition hinweg setzt und Menschen und Betrieben den Höhepunkt des Jahres streicht. Unterdessen zuckt man kaum mehr mit den Schultern, wenn wieder etwas gestrichen wird, ins Wasser fällt. 2000 verkaufte Tickets, was solls. Ein Jahr Proben, dann eben. Fussballspiele, besser so. Projektwochen, ok. Wir nehmen zur Kenntnis und lösen daneben unser Sudoku.
Die Knabenkantorei Basel hat vielleicht geweint, das war der Mail nicht zu entnehmen. Ihr Grossprojekt zusammen mit dem Symphonieorchester ist eine Woche vor den ausverkauften Aufführungen aufgelöst worden. Dafür haben sie sich kurzerhand einen Raum gemeitet und heute eine Dann-eben-so-Probe gestreamt, manchmal lief eine Santichlaus mit seinem Schmutzli durchs Bild. Mir wurde in der Küche mit dem Handy in der Hand nie recht klar, ob das jetzt eine Komödie oder ein Weihnachtsoratorium oder eine Trauerfeier sein soll. Ein Versuch ist es auf jeden Fall, ein Versuch, hell und laut und mutig "trotzdem!" zu singen.


 

Dienstag, 7. Dezember 2021

341/365 mit ohne

Neben dem Kürbissuppenkochen habe ich im Wochenblatt geblättert und eine schön formulierte Interpretation meiner Sternenkostellation gefunden. Ich müsste da mal nachfragen, ob man dort oben auch einen Wellnessplatz ohne Herzblatt buchen kann. Denn was es nicht gibt, kann man ja auch nicht einquartieren.


Montag, 6. Dezember 2021

340/365 Nikolaus

Hast dus gewusst? Oder bin ich der letzte Mensch des Universums, welcher in dieses wunderbare Geheimnis eingeweiht wird? Gelüftet wurde es heute in der Geschichte, die ich in der Klasse vergelesen habe. Versteckt ist es in einer hellen Schale, ummantelt von einer rotbraunen Haut und zwischen zwei miteinander verbundenen Kernenhälften.




Sonntag, 5. Dezember 2021

339/365 Muttersein

Den heutigen Tag habe ich voll und ganz in der Mutterrolle erleben dürfen, auswärts, an der Bachelorfeier der Tochter. Ich liebe meinen Beruf als Lehrerin, aber in solchen Momenten wird mir auch klar, wie unersetzbar tief und erfüllend dieser Teil meines Lebens ist. Es lässt sich gar nicht festmachen an konkreten Gegebenheiten, auch nicht an Gesprächen oder Erlebnissen. Es ist eine Dankbarkeit, die mit den Zellen, mit dem ganzen Sein verwachsen, verbunden ist. Auch wenn nach einigen Stunden fast alle (von denen, die dabeisein konnten) wieder in andere Richtungen aufbrechen, auch wenn ich nur ahnen kann, was ihr Leben als erwachsene Menschen erfüllt und ausmacht, es ist gut wie es ist. Es ist echt. Die ewigen Zweifel, die mich als Lehrerin antreiben, immer noch mehr und noch besser, noch individueller und noch differenzierter zu werden, den spürte ich als Mutter nicht. Ich war oft müde, an der Grenze meiner Kraft, unsicher bestimmt auch, ungeduldig, unperfekt. Aber ich war immer mit meinem ganzen Herzen und mit einem unzerstörbaren Ja Mutter.

Vielleicht veridealisiere ich. Doch heute bin ich dankbar und still glücklich, wie ich das als Lehrerin nie bin, nicht sein kann.

Samstag, 4. Dezember 2021

338/365 vom Weihnachtsmann

Der Oetinger-Verlag öffnet jeden Tag ein Türchen, hinter welchem sich eine Geschichte oder ein Autorenportrait verbirgt. Heute las die Autorin Kirsten Boie ein Stüclk aus ihrem Buch "Für immer Sommerby". Ich sass wie ein Kind vor dem Bildschirm und lauschte, wie ihre Worte Bild um Bild und Stimmung um Stimmung malten, fühlte mit und lachte erleichtert, als das mit dem Geschnkpapier....

Aber hört doch selbst. Die Vorlesesequenz beginnt bei 15:30 und dauert etwa 15 Minuten.

Freitag, 3. Dezember 2021

337/365 Ka...........

Es gibt ein Wort, dessen Rechtschreibung ich jedes Mal, aber wirklich ausnahmslos jedes Mal nachschlagen muss, wenn ich es verwende. Ich wollte es eben in die Betreffzeile schreiben und wusste wieder nicht, wieviele s und l und r dazu gehören.
Das stimmt so nicht ganz: Es gibt einige Wörter, die sich in meinem Kopf so orientierungslos verhalten, das K-Wort ist nur eines davon. Es dreht sich im Kreis – nicht nur in meinem Kopf.

Donnerstag, 2. Dezember 2021

336/365 Glücksmomente

20211202
Amerikanische Schreibweise, erklärt die Tochter. Mit diesem Zahlenspielvirus habe ich alle ein Stück weit angesteckt, auch wenn die einen bloss ironische Sprüche darüber machen. Auffallen tut es allen, wenn Zahlen nicht nur praktisch und Informationen vermittelnd nebeneinander stehen, sondern Schönheit, Klarheit, Verbindung tragen.
Und dann philosophierten wir zu dritt darüber, was es bedeutet, jemanden zu kennen. 
Ich glaube, die Pubertät ist eben daran, sich aus unserem Haus zu schleichen, heimlich, unbemerkt, um dann von weitem zu grinsen, wenn wir plötzlich dastehen und merken: Das war einmal und ist nicht mehr.

Mittwoch, 1. Dezember 2021

335/365 neue Zeiten

Früher, als die Kinder noch Kinder waren, wurden die frischen Weihnachtsguzli immer in einer Dose weggestellt bis Weihnachten. Vor dem Heiligabend gab es kein einziges Stückchen davon. Das war einfach so, da fragte keine, da setzte sich keiner darüber hinweg. Advent war eine Zeit des Wartens, des wachsenden Lichtes, der Vorfreude. Ich gab das vor, die Familie bewegte sich in diesem Rahmen. (Das fühlt sich aus der Distanz seltsam an.)
Heute überkam es den Sohn. Er zauberte zwei Sorten Sterne, Monde und Pilze und präsentierte sie stolz nach dem Backen. "Nimm einfach", sagte er und schaute mir zu, wie ich in den lauwarmen Halbmond biss. Mal sehen, wieviele es in die Dose schaffen...