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Donnerstag, 30. Mai 2019

Fundstück

Die Lichtung

Im Wald der Gedanken
gibt es eine kleine Lichtung.
Sie ist schwer zu finden,
wenige suchen sie.
An einem sonnigen Tag
spielt unvergleichliches Licht
in den Gräsern, die dort wachsen.
Gedanken des Erfolgs und Vergleichens
verirren sich nicht dorthin.
Die Lichtung erfordert keine Anstrengung
Da bin ich auch vor mir selbst sicher.
Wenn ich dort im Licht stehe,
werde ich still und will nichts mehr.
Sogar die Sehnsucht gibt mich minutenlang frei.
Das Leben geschieht an mir.
Ich lasse und werde gelassen.
Vielleicht kannst du mich dann nicht sehen,
weil ich ein Grashalm in den Gräsern bin.

Bild und Text von Ulrich Schaffer

Mittwoch, 29. Mai 2019

Lebenszeichen

Suchen. 

wonach?

nach Ruhe?
nach Glück?
nach Erfüllung?
nach Beziehung?
nach Bestätigung?
nach dem richtigen Mass?
nach Schutz?
nach Verständnis?
nach Geduld?
nach dem Sinn?
nach Worten? 

nach mir?
 
Dieser Regenbogen hat gestern unsere Klassenaufführung abgerundet. Mit dem Applaus setzte Starkregen ein, und bald darauf leuchtete die Abendsonne von Westen herein.

Die erschöpfende, gefährliche, heimtückische, ungesunde, verunsichernde Begleiterscheinung meines Berufes ist es, ständig mit Beurteilungskriterien auf alles und alle zu schauen. Wir werden darin geschult und merken nicht, wie wir uns damit kindliche Neugierde, achtsame Zuwendung, offenes Zuhören und verletzliche Offenheit amputieren.
Nicht nur im Unterricht, auch im Elternkontakt, auch untereinander, auch im Umgang mit uns selber. Das ist so fein und unbewusst, gatarnt durch freundschaftliche Eloquenz. Selbst wenn ich das schreibe, fürchte ich mich, einen Fehler zu machen. 
Manchmal wünsche ich mir, schweigen zu lernen, nicht das verschlossene, trotzige Schweigen, sondern eines, welches mir den Weg zeigt aus der zielorientierten Aktivschlaufe. Eines, welches entspannen lässt. Doch bevor ich mich richtig einlasse auf diesen Wunsch, eile ich dem nächsten Ziel nach, welches im Postfach liegt.
Es erschreckt mich, wieviel ich rede, wie ausgelaugt ich bin, wieviele Menschen aus dem Kollegium krank werden, zerbrechen. Ich verlerne, mich zu spüren, weil Schlag auf Schlag die Forderungen hereinprasseln. Ich vermisse Inseln, echte, erfüllte, lebendige, heilsame Inseln.

Und doch weiss ich, dass die Verantwortung für alldies – nicht für die Umstände, sondern für die Zulassungen, die ich ihnen erteile – bei mir liegt, nur bei mir. Ich sollte sie bloss ergreifen, die Freiheit der Verantwortung.
Bloss macht es diese Einsicht nicht einfacher...

Sonntag, 19. Mai 2019

...

Heute, das ist der erste Tag, an dem die Tochter für einige Stunden nach Hause kommen durfte. Es tat allen gut, sie mit Vertrautheit und "Normalität" umgeben zu dürfen. Mehr kann ich nicht sagen, auch wenn ich voll wäre oder leer – das weiss ich nicht so genau – vom Fühlen, Hören, Begleiten, Geduld Schenken und Vertrauen.

Donnerstag, 16. Mai 2019

Es hat geklingelt.

Eigentlich bin ich ja heute früher nach Hause gekommen, um die Tochter bei ihrer Abschlussarbeit zu unterstützen. Doch dann klingelte es schon während des Abräumens des Mittagsgeschirrs an der Haustüre. 
Freudig strahlend stand da eine liebe Bekannte aus dem Leben vor meiner Erwerbstätigkeit, aus der Zeit, als die Kinder – ihre und meine – klein waren und wir uns im Dorf trafen. 
Und so kam es, dass wir kurz darauf im Wintergarten sassen, Kaffee tranken und uns erzählten von den vergangenen sechs Jahren, in denen wir uns nicht mehr gesehen hatten. Tat das gut! Da war jemand, der anknüpfte an eine Zeit, an ein Leben, das mal meines war, welches ja auch zu mir gehört, jemand, der Recourcen zum Klingen brachte, welche jetzt in meinem neuen Umfeld gar niemand mehr kennt oder mit mir verbindet, weil ich sie nicht mehr lebe, keinen Raum mehr dafür habe.
Da war eine Offenheit und Vertrautheit, die ich lange nicht mehr erlebt habe, so verbindend, so berührend.
Ich wusste es nicht mehr, dass sich Freundschaft so anfühlt. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich meine beiden Rollen, Mutter von halberwachsenen Kindern und Lehrerin von Achtjährigen und daher im Fokus derer Eltern, so vollendet ausfülle, dass dieser nährende, spielerische Austausch still aus meinem Leben verschwunden war.
Danke für dieses Geschenk, für diese Spontaneität, für diese Lebendigkeit, für die Verletzlichkeit, die Platz hatte. Danke für diese Aus-Zeit. Ich lege sie in meine Schatzthruhe und werde nicht mehr vergessen, dass es sie gibt.

Das Bild gehört in das neue Leben, jenes von heute Morgen...

Mittwoch, 15. Mai 2019

gemischt

Habe ich schon einmal erzählt, wie sehr ich das Spiel mit Farben liebe? Und wenn es dann eine ganze Klassengemeinschaft ist, die mitspielt, kann es schon sein, dass ich den Begriff Sternstunde für mich definiere.
Zuerst lag vor allen ein weisses Papier und ein weisser Teller. In der Mitte standen die drei Grundfarben. Experimentell hatten alle schon oft gemischt und sich über die Zufallsfarbtöne gewundert. Heute wollte ich mit ihnen im Kreis erleben.
Je ein Kind bekam eine der Grundfarben in den Teller, alle anderen zwei davon, je nach der Nähe zu diesen drei "Stammplätzen" in verschiedenen Verhältnissen. Viel Gelb, winzig wenig Blau – viel Gelb, weniger Blau – gleichviel Gelb wie Blau – Viel Blau, weniger Gelb – viel Blau, winzig wenig Gelb usw.
Schon dies zu sehen war eindrücklich. Vor allen Kinder standen nun Teller mit einer oder zwei der Grundfarben. Alles war Rot-Gelb-Blau. Sie versuchten die Verläufe dieser Mengenverhältnisse zu beschreiben.
Nun erhielten sie etwas Wasser beigemischt und Pinsel in die Hand und durften ihre Farben zusammen rühren zu einer neuen. Das war so unglaublich. Man hätte das filmen sollen, diese Verwandlung, diese Vielfalt! Und dann durfte jede und jeder das Blatt mit der neuen Farbe einfärben. Alle waren total mit sich selber beschäftigt. 

Nach einiger Zeit ermunterte ich sie, doch einmal aufzublicken und zu schauen, was da im Kreis entsteht.
Dieses Staunen, diese Freude, da passt wohl auch Entzücken, das war so wunderwunderschön.

(Beim Waschen der Teller und Pinsel wurde mir die Begeisterung dann fast zuviel...)

Doch als ich danach, als alle Blätter fertig im Kreis lagen, fragte, ob es etwas gäbe, was sie erstaunt, da meldeten sich ganz viele Kinder und begannen ihre Beobachtung mit: "Ich staune total...., mich erstaunt es...., ich kann fast nicht glauben...., ich finde es wunderschön...., ich hätte nicht gedacht...." Wie gerne würde ich die SchülerInnen jeden Tag so genährt nach Hause entlassen.

Getrocknet wie hier haben sie ihren Kreis noch nicht gesehen. Ich freue mich aufs Experimentieren nach dieser Erfahrung. (Vier Kinder fehlten, drei Mischtöne habe ich daher am Nachmittag noch ergänzt.)

Samstag, 11. Mai 2019

auf dem Weg

Zum ersten Mal gab es heute für die Tochter einen ganzen Nachmittag Urlaub. Wir sind mit der Bahn bis zuhinterst in ein Tal gefahren und dann zu Fuss durch Wälder und über Felder gewandert und dabei durch zwei Vegetationswochen hochgestiegen. Zuoberst standen noch blühende Apfelbäume in gelbleuchtenden Löwenzahnwiesen.

Zehn Minuten, bevor dieses Bild entstanden ist, hat es noch aus fast schwarzem Himmel gehagelt.

Es ist intensiv, tief, verletzlich und reich, mit ihr auf diesem Weg zu sein. Meine Achtung vor dem, was sie an Mut und Stärke aufbringt, ist riesig.
Und meine Müdigkeit jetzt auch.

Mittwoch, 8. Mai 2019

...

Liebes leeres Bildschirmblatt,
Ich weiss, dass du alles akzeptierst, was ich auf dich setze. Du bleibst auch geduldig leer, wenn ich dir nichts als Sprachlosigkeit zumute. Du fragst nicht nach, wenn ich erschrocken ganze Abschnitte lösche. Du wunderst dich nicht, wenn Satzfetzen über Stunden hereintröpfeln. Du versuchst keine Traurigkeit wegzuwischen und erwartest Weisheit sowenig wie Humor oder Verzweiflung.
Und wenn ich dich für einen Weiterbildungsnachmittag schliesse und dann am Abend einen Elternbrief über dich schiebe, dann nimmst du das mit derselben Gelassenheit hin. 
Nur der orange Button da oben, der lechzt so leuchtend nach Betätigung. Er macht dein geduldiges Geschehenlassen mit einem einzigen Klick zum Schaufenster. Darüber denke ich oft nach, wenn ich durch dein Weiss hindurch den Impulsen lausche, aus denen Worte wachsen.
Ich habe heute einen Lindenbaum gesehen, der von der Abendsonne, welche zwischen Horizont und Wolkenschwere für einige Momente lang einen hellen Streifen Blau gefunden hatte, in ein goldenes Leucht- und Glitzerwunder verwandelt worden ist, weil der ganze Regen des Tages in ihm hing. Liebes weisses Blatt, damit will ich dich noch schmücken, bevor ich dich hinaus klicke. Guten Flug in die unbekannte Nacht!

Donnerstag, 2. Mai 2019

Netz

Nein, das ist nicht aussergewöhnlich, was mein Leben mir anbietet. Das ist einfach Leben, und dazu gehören die schweren Stunden, die, in denen man an seine Grenzen geführt wird und aus allen Komfortzonen geschleudert wird. Ich weiss bestimmt nicht von allen Kollegiumsmitgliedern, was sie tragen, aber was ich weiss, unterscheidet sich bloss in der Färbung, in der Geschichte. Wir alle tragen, leben, überleben, weinen, verzweifeln und lachen dann doch, singen mit den Kindern, feiern Geburtstage und helfen Streit zu schlichten auf dem Fussballplatz. Dass da hinter den Berufskulissen erschreckende Diagnosen, Fehlgeburten, Todesfälle von Lebenspartnern, Erschöpfungsdepressionen, arbeitslose eigene Kinder, zerrüttete Familien, unerfüllter Kinderwunsch und so manch anderes Schicksal getragen wird, das macht uns menschlich, achtsam und geduldig miteinander. Dieses Schönwetterschulterklopfen "Sei doch einfach mal glücklich, lass einfach los, was dir nicht gut tut, nimm das Leben nicht so schwer....", lese ich eigentlich nur im Netz. 
Das wirkliche, tragende Netz aber ist jenes, in dem Menschen die Fäden spannen und halten, welche hinschauen, zuhören, aushalten, sich zeigen. Zum Glück ist dieses Netz da, auch ohne Wlan. Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.