Der Weiterbildungstag begann damit, dass die Technik nicht funktionierte. Mit meiner perfekt ausgestatteten Tagungsmappe sass ich in der Aula, blätterte die Teilnehmerliste durch, schaute mir zu, wie ich versuchte mir klar zu machen, dass dies eine ganz nornale Situation sei: Ich sitze auf einem Stuhl, 150 andere Lehrpersonen, Schulleiterinnen und Schulleiter vor, neben und hinter mir, ich kenne keinen, die Fenster sind gross und sitzen in schwarzen Vierecken, draussen nieselt der Herbst vor sich hin, ich rede mit keinem, was kein Grund ist, mich schlecht zu fühlen, weil nicht reden genauso richtig ist wie reden.
Vorne berieten sich die headsetausgestatteten Moderatoren und Redner und fanden irgendwann sichtbar erleichtert eine Lösung. Der Riesenbildschirm wurde hell. Strahlend betrat die Gastgeberin die Bühne.
Es folgten dem Programm gemäss Bergrüssung und Einführung ins Thema. "Unerwartetes im Schulalltag erwarten!"
Wenn soviele Lehrer zusammen sind, ist es selten ganz still. Die Köpfe dieses Volkes stecken so oft voll von Richtigkeiten und Wichtigkeiten, die mitzuteilen zweifelsohne höhere Priorität hat als zuzuhören, was da vorne gesprochen wird. Ab Montag stehen sie dann wieder selber vorne und erwarten von den Kindern störungsfreie Aufmerksamkeit. Ich spürte Ungeduld und Gereiztheit. Es fiel mir schwer, das Gewisper auf allen Seiten wegzufiltern und mich zu konzentrieren auf die Begeisterung des Tagungsleiters.
Als nach 20 Minuten der Prof. em. Dr. Tagungsredner die Bühne betrat, wurde es endlich still. Er wusste zu fesseln vom ersten Augenblick an. Wortgewandt, spielfreudig, rhetorisch brilliant, anschaulich und vielschichtig beleuchtete er seine Modelle, machte Mut, der Komplexität von Wechselwirkungen im Unterrichtsalltag mit Vertrauen und Improvisationsfreude zu begegnen, versuchte uns dafür zu begeistern, dass im Unerwarteten ein unglaubliches Lernpotential und die Chance für Neues steckt, klickte sich durch seine Präsentation und schaffte es, den Saal sicher einmal jede Minute zum Lachen zu bringen.
Da wurde er von einer jungen Frau in meiner Reihe unterbrochen: "Könnten sie bitte die letzte Folie noch einmal zeigen, mir geht das zu schnell." Das in Aussicht gestellte Handout änderte nichts an der Forderung der Hörerin und bereitwillig klickte der Herr Dr. noch einmal zurück, um gleich darauf fortzufahren.
Da er, wie er mehrfach betonte, nicht im dem schulischen Kontext geforscht und gearbeitet hat, schilderte er anhand eines Beispieles aus der Medizin die Vielschichtigkeit eines Prozesses, welcher in eine ausweglose Situation mündet und danach reflektiert und aufgearbeitet werden muss.
Unmittelbar vor der Auflösung des spannenden Falles wurde er erneut unterbrochen. Wieder war es eine Frau, welche hörbar genervt intervenierte: "Wissen sie, wie lange sie jetzte schon über dieses medizinische Beispiel sprechen? Wir kommen hier alle aus dem Schulbereich, es dürfte doch nicht so schwierig sein, an einem Beispiel, welches uns näher liegt, zu eräutern. Ich habe da zum Beispiel letzte Woche die Situation erlebt, dass..." und sie schildert die Konstellation ihres Problems.
Im Saal wurde es unruhig. Fast jeder drehte sich kurz nach der Rednerin um, folgte irritiert oder widerwillig der Unterbrechung. Ich ärgerte mich. Wie wichtig nimmt die sich? Hat die wirklich das Gefühl, alle hier interessieren sich mehr für ihre Geschichte als für die spannende Darstellung, in die wir eingetaucht waren? Kann die den Transfer, den der Redner vorschlägt, nicht machen?
Erstaunlicherweise ging der Kritisierte ziemich locker mit der Störung um. "Wissen sie was? Haben sie Lust, den zweiten Teil des Vortrages mit mir zusammen zu gestalten, dann kommen sie doch nach vorne!" Freudig ging die Frau auf seinen Vorschlag ein und stand kurz darauf auf der Bühne, zusammen mit dem Tagungsleiter.
Dieser fand, es wäre jetzt an der Zeit - nein, nicht einzugreifen – sondern aufzulösen und uns mitzuteilen, dass die beiden Frauen Schauspielerinnen und die Störszenen geplante Inszenierungen waren.
Und dann erschienen auf dem Bildschirm die Fragen an uns: Wie haben sie sich während dieser Unterbrechungen gefühlt? Was haben sie den Sprecherinnen gegenüber empfungen? Haben Sie sich solidarisiert mit dem Referenten? Wie hätten sie reagiert?
"Ich werde nicht gerne ertappt", notierte ich an dieser Stelle. Vor mir stand das Chaos vom Freitagnachmittag, mein Chaos, weil ich mit der Komplexität an Unerwartetem nicht kreativ umgehen konnte, meine Gefühle dann und jetzt.
Hören Sie nie auf, Fragen zu stellen, infrage zu stellen, ermunterte er uns abschliessend.
"Es gehen mehr Fragen verloren, als Antworten gefunden werden."