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Freitag, 28. Januar 2022

Verpasst

Ups, das war ein angefangener Beitrag, der es nicht bis zur Vollendung geschafft hat und jetzt nicht mehr passt. Doch ich will mal nicht so sein und dem V seinen Platz lassen. (1.2.22)

Donnerstag, 27. Januar 2022

Unpassend

Heute wäre nun das Q-Wort dran, aber weil wir schon beim U sind, unterlasse ich es und harre einigermassen gelassen der Dinge, die nun kommen. 

Was in mir nachwirkt von den Elterngespräche sind auch Bilder: Diese Männerarme voller gestochener Bilder und all die gepflegten Frauenhände mit kunstvoll gefärbten Nägeln.

Was die wohl beobachten und denken, wenn sie meine alten, von Hautkrankheit und Haushalt gezeichneten Hände sehen?

Mittwoch, 26. Januar 2022

Test

Wieviel Zeit habe ich und hat die Weltbevölkerung in den letzten 20 Monaten wohl mit Warten auf Testergebnisse zugebracht, auf eigene und auf die naher, massnahmenrelevanter Menschen, innerlich zweigleisig planend und bangend? Mich hat es nicht flexibler und gelassener gemacht, leider. Lebe grad eine weiter Chance.

Dienstag, 25. Januar 2022

So

Heute Abend habe ich die letzten drei Elterngespräche auch noch geschafft. Dreimal sassen mir Eltern gegenüber, welche von ihren eigenen Schulversagen, ihren ununterbrochenen Bauchschmerzen als Schulkind, ihren Ausgrenzungen als Ausländerkind, ihren Karrieren von einer Sonderschule zur nächsten .... erzählten. Ich beginne zu verstehen. Und ich realisiere, dass der Satz: "Unser Kind geht gerne zur Schule", das grösste Kompliment oder Vertrauensbeweis überhaupt ist, welche mir solche Eltern machen können. 

Demütig dankbar gehe ich nun schlafen, ohne all die Einwände und Abers, die ich anfügen könnte im Bezug auf meine Professionalität. Da haben sich heute für ein paar Stunden die Relationen verschoben. "Ich staune jeden Morgen, dass der einfach gerne aus dem Haus geht und sich auf die Schule freut." Welch traumatische Erfahrungen müssen in einem Vater eingeschrieben sein, der so auf seinen Sohn blickt?!

Montag, 24. Januar 2022

Rückblick

Das gibts ja nicht. Da schreib ich mal nichts und – schwupps – habe ich mich daran gewöht! Das mit dem Neuen täglich relativiert sich stündlich. Ich brauche Routine und vertraute Abläufe, der Beruf bringt Überraschung genug, manchmal im Minutentakt. 

Heute war ein Team von der Uni in meiner Klasse. Wir machen mit bei einem Forschungsprojekt zum Thema Werteentwicklung oder so ähnlich. Der eine Typ war vor einem Jahr schon einmal da und konnte sich an den einen Schüler noch sehr präzise erinnern. In der Pause schilderte er das Kind resp. sein Bild, das er damal mitgenommen hatte. "Aber der ist offenbar nicht mehr in der Klasse." meinte er. "Oh doch", erwiderte ich und zeigte dessen Platz. "Nein, den meine ich nicht", war er überzeugt.

Ich musste lachen und staunen. Von Woche zu Woche sind Fort- und Entwicklungsschritte oft kaum zu sehen. Wenn jemand kommt und einen Jahresbogen spannt, schafft das Distanz und du kannst plötzlich den Anflug eines "Erntegefühls" spüren. 

Das hat heute gut getan und Mut gemacht.

Donnerstag, 20. Januar 2022

Quer durch Europa

Heute hat zum ersten Mal, seitdem es diese Familie, in der ich die Mutter bin, gibt, jemand ein Auto gekauft. Kurz vor seinem 20. Geburtstag ist der Jüngste zum Besitzer eines Kleinbusses geworden. Was die ältere Schwester mit einem Schiff geschafft hat, will er auf vier Rädern verwirklichen. Alleine. "Du freust dich nicht wirklich, oder?" schrieb er, als ich im Familienchat nicht gleich auf seine Nachricht reagierte. So ein Auto ist eben Vieles: Verkehrsmittel, Traumverwirklicher, Freiheitschenkender, Abenteuerbegleiter, Selbständigmacher, Horizonzerweiterer, Geldschlucker, Umweltverschmutzer, Grenzüberschreiter (oder -fahrer), Zuhause und wohl noch so manches, was eine Mutter nicht verstehen kann. Nicht jedem dieser Aspekte reiche ich gleich freudig die Hand, aber das ist meine Geschichte. Ich werde ihn ziehen lassen und hoffen...

Montag, 17. Januar 2022

Pech, Gold, Schnee und Schaumstoff

Zwei Kinder kannten Frau Holle schon, eines von der CD bei den Grosseltern, das andere vom Film. Völlig gebannt hörten sie zu. Als ich bis zum Lebensende fertig erzählt hatte, streckte ein Mädchen auf: "Ich kenne auch eine Frau Holle, da kann man auf einen Knpf drücken, dann kommt so Schaumstoff herunter."

Sonntag, 16. Januar 2022

Ohnmacht

In unserer Familie sind es nicht die allgemein-aktuellen Diskussionen, die uns spalten, sondern das Thema Ernährung mit tierischen Produkten. Spätestens nach fünf Minuten weint sie, welche sich mit dem Thema Tag und Nacht beschäftigt, weil sie uns nicht restlos überzeugen kann und an ihrer Ohnmacht beinahe zerbricht. Jede Frage, welche einen Hauch von Infragestellung enthält, bringt sie zur Verzweiflung. Jetzt sitzt sie weinend oben in ihrem Zimmer, und ich sitze hier mit meiner eigenen Ohnmacht. Wenn das gemeinsame Essen verunmöglicht wird und Ort von Ekels und Fehlentscheidungen wird, fällt das letzte gemeinschaftsbildende Element unseres Alltages weg. Als einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, sehe ich meine eigene totale Umorientierung.

Fleisch wegzulassen fällt mir leicht, ich koche schon lange nicht mehr mit Fleisch. Was mir unglaublich schwer fällt ist, auf alle Milchprodukte und auf alles, was Eier enthält, zu verzichten. Und die Kraft und Energie, mich mit den Alternativen auseinanderzusetzten, fehlt mir.

Aber das Schlimmste ist, dass ich nicht weiss, wie ich auf eine gute Art im Gespräch bleiben kann mit der Tochter, die Angst, dass ich sie verlieren kann.

Samstag, 15. Januar 2022

Nachtgespenst

Letzte Nacht wurde ich um halb vier wach, als der Sohn nach hause kam. Danach lag ich schlaflos, bis die Glocken sechs Uhr läuteten und fiel danach noch einmal in einen unruhigen Schlaf. Als es dämmerte, erwachte ich aus einem riesigen Traum, der in einer so ekligen, abstossenden Szene geendet hatte, dass ich mich den ganzen Tag lang nicht wirklich davon befreien konnte.

Ich kann ihn nicht erzählen, denn das Internet liefert zu den entsprechenden Traumbildern so haarsträubende Bilder, dass ich hoffe, morgen wieder aufzuwachen. 

Ich erinnere mich sehr, sehr selten an Träume und wünschte mir oft, es wäre anders. Nach heute früh weiss ich nicht so recht, sollte ich meinem unterbewussten Vergessen dankbar sein (oder nächstes Mal auf die internette Interpretation verzichten).

Freitag, 14. Januar 2022

Müdigkeit

Es gibt vieles, was zur Zeit Erklärung für Müdigkeit sein könnte. Ich wähle schlechten Schlaf in letzter Zeit, Plastikvisier über Stunden, wodurch ich ständig meine eigene Atemluft wieder einatme, Spaziergang an der kalten Wintersonne und vielleicht noch eine tieferliegende Müdigkeit, die sich über viele Monate aufgebaut hat.

Wenn ich mir versuche vorzustellen, wie sich das Gegenteil von Müdigkeit anfühlt, wache, perlende Lebendigkeit, dann muss ich weit zurückgehen in meiner Erinnerung. 

Ich hoffe einfach, dass diese Qualitäten irgendwo versteckt und vorfreudig darauf warten, sich wieder ausleben und ausbreiten zu dürfen. Ich hoffe, diese Hoffnung nährt sie und hält sie am Leben. Muss!


Donnerstag, 13. Januar 2022

Lernfelder

Wir Lehrerinnen sind oft einsam. Zwar sind wir so gut wie nie alleine, doch es gibt eine grosse, starke Gruppe von Menschen, welche wir ständig spüren, jedoch kaum je hören oder sehen, es sei denn, es läuft etwas schief, tatsächlich oder von aussen besehen.

Es sind die Eltern. Wenn man Glück hat, sind in einer Klasse zwei, drei Elternhäuser vertreten, welche sich mehr einbringen, auch mal Rückmeldungen geben, konstruktiv mitdenken und Vertrauen zum Ausdruck bringen. Das reicht zum Überleben, ziemlich gut sogar. Man kann jedoch auch ein anderes Glück haben, und diese Eltern haben kein Kind in der eigenen Klasse. Du weisst zwar, dass deine SchülerInnen täglich hin und her wechseln zwischen ihren Elternhäusern und der Schule, aber für dich bleibt jene andere Seite des Weges eine fremde, unbekannte, seltsame und  eben manchmal auch bücherlose Welt.

Umso wertvoller und aufschlussreicher sind die einmal im Jahr stattfindenden Elterngespräche, und da der Januar der Gesprächsmonat ist, bin ich diese und die beiden folgenden Wochen ziemlich gut damit beschäftigt, hinüber zu spüren in oft so fremde Welten und Ansichten, Nöte und Ziele. Und ich lerne so manche Kinder und so manche ihrer Herausforderungen besser verstehen.

Dienstag, 11. Januar 2022

Kaum zu glauben

Es gibt Kinder, die leben offenbar in einem Zuhause ohne Bücher, auch ohne Bilderbücher. Nein, nicht weit weg in anderen Kulturen sondern ganz nah, so nah, dass die Lehrerin FrauWind heissen könnte. Ist das nicht unglaublich traurig? Oder habe ich mich hoffnungslos verrannt in nostalgischen Vorstellungen?

Montag, 10. Januar 2022

Jedem das Seine

Nomenrätsel:

"Der Begleiter heisst "der", man kann es anfassen, sollte aber nicht, man kann es sehen und manchmal hören, es beginnt mit einem grossen B und es ist ein Tier."

"Das Haus!"

Sonntag, 9. Januar 2022

Irgendwie

erlebe ich zur Zeit soviel auf dem Hintergrund der Vergänglicheit. Besonders das Leben im Haus, der lebendige Mix verschiedener Leben, erscheint mir so kostbar, weil ich weiss, dass es eine Frage der Zeit ist, der absehbar kurzen Zeit, und dann mixen diese Leben sich mit anderen. Mein Part ist in meiner Vorstellung immer das Zurückbleiben, die Stille des Alleinseins. Darüber denke ich ein andermal nach.

Heute war ein guter Tag, da waren auch Freunde da und Lachen, laute Musik und viel Betrieb in der Küche. Ich sass daneben, schreibend, lauschend diesem freundschaftlichen Miteinander, Kommen, Gehen, Rufen, Teilen. Da springen so kleine Glückselfen Trampolin in meinem Bauch. Das taten sie noch nicht, als dieser Unruhepegel Alltag war und die Alleinseinstille Geschenk.

Ich werde die Verantwortung für meinen persölichen Mix selber übernehmen müssen.

Samstag, 8. Januar 2022

Heute

ist der erste Tag seit mehr als einem Jahr, an dem ich nichts schreibe, wollte ich schreiben, doch da hatte ich schon geschrieben und damit den Sinn  dieses Satzes in sich selber aufgelöst.

Freitag, 7. Januar 2022

Geschafft

Die erste Maskenwoche (Halbwoche) ist Erfahrung. Unerwarteter Nebeneffekt: Die Klasse ist ruhiger hinter diesen Mund-Schutzschildern. Heute Nachmittag war ich mit ihnen im Wald – ohne Maske (die Kinder) – und auf dem Rückweg haben wir Nomenrätsel gespielt. War das eine Freude für mein Lehrerinnenherz zu spüre, mit welcher Begeisterung sie anwendenden konnten, was wir diese Tage gelernt und gezaubert hatten. "Der Begleiter von meinem Nomen heisst das und es beginnt mit einem grossen G!"

Donnerstag, 6. Januar 2022

Fundstück

Wiedergefunden habe ich dieses Zitat heute in meinem Fundus, gehört habe ich es im Oktober in einem aufgezeichneten Gespräch mit Eva-Maria Zurhorst

"Du musst etwas wagen, das du noch nicht kennst.
Das ist der einzige Weg im Wachstum."

 Also doch...

Mittwoch, 5. Januar 2022

Ernüchterung

Aufgeben ist zu früh, zuviele Einsichten und Aha-Momete bietet mir die Überforderung noch ständig. Es ist nicht so, dass ich tagsüber vergessen würde, was ich mir vorgenommen habe. Doch die Gewohnheit ist so unglaublich stark, dass ich ihr kaum beikomme. Das fängt schon damit an, dass ich am Morgen doch eigentlich locker, sollte man meinen, einen völlig anderen Platz im Tram wählen könnte als sonst immer. Ich steige an der Endstation ein in ein fast leeres Fahrzeug. Oder während der Fahrt einmal einfach nicht auf den Bildschirm schauen, gar nicht, sondern zum Beispiel ein Buch lesen oder lauschen. Gewohnheiten kommen mir vor wie mit mir verwachsene Halteseile. 

Immerhin fand heute zum ersten Mal in diesem Jahr wieder fast normaler Unterricht statt.

Dienstag, 4. Januar 2022

Dienstag

Da wird was anderes draus als ich mir vorgestellt hatte, nicht diese Entschlossenheit, mit der ich über meine Grenzen gehen oder zumindest schauen wollte, sondern eine abendlich Rückschau mit der Frage: Was hast du heute zum ersten mal getan?

Ich habe heute zum Beispiel zum ersten mal ein Ladekabel für den Akkustaubsauger im Teamraum gesucht, weil die Schulleiterin die Tannnadeln wegsaugen wollte, nachdem sie das Adventsgesteck weggeräumt hatte. Ich traf sie an mit leerem Akku und musste eh warten, bis der Kopierer frei war.

Und dann habe ich zum ersten mal der jungen Kollein einen Caffee Latte (wir trinken beide denselben) in ihr Zinmer hoch gebracht, um sie ein bisschen zu trösten, weil ihr Klassenpool gestern als zweitienziger positiv war und sie mit dem Fernunterricht in die Verlängerung muss.

Mit einer aderen Kollegin habe ich über den Kirchenbrand gesprochen, der sich in der Silvesternacht im Nachbarsdorf ereignet hat.

So Dinge halt, die ständig neu sind, weil jeder Tag neu ist.

Morgen werde ich zum ersten Mal eine maskierte Klasse unterrichten.

Montag, 3. Januar 2022

C-Test

Hätte mir jemand dieses Szenario vor zwei Jahren als Zukunftsmusik abgespielt, ich hätte ihn oder sie für verrückt erklärt, hätte Schweissausbrüche gekriegt und die Situation als unvereinbar mit unseren kulturellen Werten gehalten. Niemals, schrecklich, undenkbar, aus einem Horrorfilm, hätte ich gesagt, und vermutlich noch andere Dinge wie: dass ich eher kündigen würde...

Heute so:

Eine Lehrerin, die aussieht wie ich, im Gesicht eine Atemschutzmaske mit ovalem, durchsichtigen Plastikfenster trägt, steht am Morgen zusammen mit 10 siebenjährigen Kindern im Schutz eines Veloständers vor dem Schulhaus. Alle Kinder tragen Masken im Gesicht und in den Händen ein farbiges Kistchen mit einem Plastikröhrchen und einer Ampulle Kochsalzlösung. In gebührendem Abstand von einander kauern nun alle auf den Boden, ziehen die Maske unter das Kinn, öffnen das Röhrchen und danach die Ampulle, spritzen deren Inhalt unter die Zunge, zählen unter seltsamen Mundbewegungen still mit der Lehrerin auf 10, spucken in das Röhrchen und zählen ein weiteres mal, um das Röhrchen danach noch etwas mehr zu befüllen. Völlig unaufgeregt und selbstverständlich legen sie dann das fest verschlossene Röhrchen der Lehrerin in die Hand und verabschieden sich mit einer Art Knicks und einem C4-Briefumschlag nach hause. Vielleicht lächeln sie, es lässt sich nicht erkennen.

So kann man sich täuschen.


Sonntag, 2. Januar 2022

Beispiel

Da muss ich mich nun erst rein finden, oder herausfinden, was erste Male sind. Sind es die, welche ich als solche inszeniere, in Angriff nehme (das tönt so kriegerisch), oder reicht es zu realisieren, dass das, was ich gerade tue, ein Novum ist. Klar, das definiere ich. Oder auch nicht, weil ich es gar nicht definieren will.

Heute so:

Weihnachten ist bei uns der Sammelpott von Traditionen schlechthin. Ich fange gar nicht an aufzuzählen. Jedes Jahr stelle ich ein paar davon in Frage, zur Diskussion. Aber es ist jedes Jahr dasselbe: "So wie immer." Nur beim Essen, da ist nichts mehr so wie früher. Dieses Jahr haben die Älteste und der Jüngste zusammen ein veganes Viergangmenü gezaubert. Und Zauber ist nicht übertrieben. Mir blieb das Decken des Tisches. "Sollen wir dieses Jahr mal ohne die weisse Tischdecke essen?", fragte ich in die Runde. "Ach nein, bitte so wie immer", war die mehrstimmige Antwort und ich holte es aus dem Keller, das grosse, weisse Tuch, welches früher auf dem Gästetisch eines Pfarrhauses gedient hatte. (Im Elternhaus der einen Urgrossmutter meiner Kinder).

Einmal im Jahr am Weihnachtstag breiten wir es aus auf unserem Tisch, hier bleibt es liegen bis Silvester. Ab da heisst das Schicksal des Tuches für einige Wochen Warten. Warten vor der Waschmaschine in vornehmer Distanz von der gewöhnlichen Schmutzwäsche. Warten an der Wäscheleine unter dem Dach bis es trocken ist und meist lange darüber hinaus, warten im Wäschekorb, bis jemand Zeit findet, mit dem Bügeleisen dem nächstem Weihnachtsessen den würdigen, faltenfreien Rahmen zu geben.

Alle im Haus haben sich an diese Geschichte gewöhnt oder sie selbstverständlich ignoriert. Und da kommt heute der 2. Januar und versorgt die fertig gewaschene, trockene und fein säuberlich gebügelte Tischdecke im Schrank. Das gabs noch nie.



Es gab jedoch heute ein anderes erstes Mal, das ganz ohne mein Zutun in die Welt kam. Ich war nur Zeugin und gar nicht glücklich darüber. Um kurz vor 17 Uhr spazierte ich in der Abenddämmerung den Berg hoch, als plötzlich eine Amsel zu singen begann, richtig laut und gekonnt und selbstbewusst, und eine zweite gab Antwort vom Feld her. Das war so schräg, so falsch vom Gefühl her.

Samstag, 1. Januar 2022

Alles auf Anfang

Dann komm mal rein, du hartnäckiger Neujahrsgast. Ich sehe dich seit Monaten immer wieder herumschleichen, und jedes Mal, wenn das Bewusstwerden vom nahenden Alter mich taumeln liess und in Anflüge von Panik versetzte, gucktest du zu mir hinüber und hast mit den Augen gezwinkert. Einmal hast du mich sogar angesprochen. Es war an dem Morgen im frühen Herbst, als ich zur Schule ging und darüber nachdachte, ob ich den Weg auch blind schaffen würde, weil jeder Schritt so vertraut ist, jeder Randstein, die Geräusche, ja gar die Menschen, die mir begegnen, sind jeden Morgen dieselben, die Art, wie wir uns begrüssen. Ich war fasziniert und erschrocken zugleich. Jeder Tag genau wie der andere. Alles vertraut, geübt, abgesichert, optimiert und automatisiert. Plötzlich sah ich vor mir die Einbahnstrasse meines Lebens, das Immergleiche links und rechts, und die Chance für Überraschungen schien lediglich in Einbrüchen der Gesundheit zu bestehen.

Da hst du dich eingemischt und hast gefragt, wem ich denn da gehorche. Ich habe es in der Hand, hast du gesagt, ob ich Neues erlebe, erlerne, erfahre oder ob ich resigniert im Kreis drehe. Ich habe dich erst ziemlich unfreundlich abgewiesen, du habest keine Ahnung, habe ich geantwortet, ich habe Kinder in der Ausbildung, im Studium, noch viele Jahre und ich sei drauf angewiesen, arbeiten zu können, und ich wolle das hier an diesem Ort. Du bist freundlich geblieben, hast sogar gelacht. Wer denn da von solch grossen Veränderungen spreche, hast du gemeint, es sei nicht die Frage der Menge und der Grösse, es liege einzig und allein an meiner Bereitschaft, mich selber zu überraschen.

Das hat sich gut angefühlt. Du könnest ja dann im neuen Jahr noch einmal vorbei schauen, habe ich dir gesagt und habe wohl leise genickt, bis ich in der Schule war und dort eingesaugt wurde vom fixen Ablauf. 

Nun muss ich mich entscheiden. Habe ich den Mut zu diesem Abenteuer? 

Hier sind Zeugen. Sobald ich veröffentliche, entsteht eine Verbindlichkeit, die ich sonst nicht spüre. Doch genau dies braucht es wohl, um in die Wirksamkeit zu finden, auch wenn ich immer nur mir selber verpflichtet bin.

Hilfst du mir, du heiterer Neujahrsgast, wenn ich hilflos und alt dastehe und nicht weiter weiss? Zwinkerst du mir dann zu?

Gut.

Ich wags.

 

Ich werde versuchen, 
in diesem neuen Jahr 
jeden Tag 
etwas 
bewusst
zum ersten Mal zu tun, 
etwas, 
was ich so noch nie getan habe. 
Und ich werde es hier aufschreiben.
 

Ich mag dein Lächeln.