Eine Strasse weiter sind zwei Menschen am Packen. Morgen ziehen sie aus ihrem Haus und Garten hinaus, verlassen das Dorf und fangen in einer Stadtwohnung neu an. Es sei Zeit, den Raum einer jungen Familie zu überlassen, sagen sie.
Es sind zwei Menschen, welche sich intensiv für das Dorf eingesetzt haben, für die Benachteiligten ebenso wie für die Recourcenbegabten. Nein, eigentlich haben sie bei jedem das Potential aufgespürt und daran geglaubt, Mut gemacht, es einzubringen. Vieles, was als Initiative begonnen hat, ist nun Teil unserer offenen, speziellen Dorfkultur. Sie haben es riskiert, mit ihrem überzeugten Einsatz sich nicht nur Freunde zu machen, sind an der Gemeindeversammlung aufgestanden, haben klar Position bezogen, haben zuletzt für menschenwürdige Bedingungen für die jungen Eritreer sich eingesetzt, ihnen ermöglicht, mit der Dorfbevölkerung ein eritreisch bereichertes Dorffest zu feiern...
Sie hinterlassen leuchtende, gemeinschaftsbildende Spuren, die beiden.
Selten habe ich Menschen kennen gelernt, welche so jung geblieben sind weit jenseits des Rentenalters, so mutig, offen für Neues, für neues Denken, neue Umgebungen, neue Lebensformen. Immer war in Gesprächen und Begegnungen zu spüren, dass sie mitten in lebendigen Prozessen unterwegs waren, Schmerz und Begeisterung, Ringen und Geniessen, Nähe und Ferne, Säen und Ernten standen in erwachsenem Dialog. Ihre Türen, die äusseren und die Herzenstüren, standen offen oder waren klar kommuniziert geschlossen. Noch vor wenigen Wochen stapfte ich müde den Berg hoch an ihrem Haus vorbei, als sie vom Balkon her rief: "Wir haben zu viel Suppe. Magst du kommen und mitessen?"
Früher, als ich den steilen Weg täglich mit vier oder fünf kleinen Kindern bewältigen musste, legte sie fast täglich in ihren Milchkasten, der von der Strasse her zugänglich war, ein kleines Geschenk, einen Ballon oder einen Stein, einen Stift oder Seifenblasen.... und senkten damit die Steigung um etliche Prozent.
Und nun gehen sie. Ich bin ihm letzte Woche noch einmal am Wald begegnet. Es sei anstrengend, wochenlang nur Dinge wegzuwerfen, sich zu trennen von Lebensbegleitern, aber es tue auch gut, erzählte er und warf den Stock hinaus aufs Feld, um ihn kurz darauf von seinem Hund wieder zurück zu bekommen.
Auch ich ziehe nun um, endgültig, verlasse den sosehr vertrauten Schreibraum, der mich durch schwierigste und prägendste Zeiten begleitet hat. Ich habe darin leben geübt, als es im Äusseren fast nicht mehr ging. Ich habe der Verzweiflung Sinn abgerungen und Schritte gewagt, habe in sprachlosen Zeiten mein Staunen hinein gebettet und manchmal im Spiegel meiner eigenen Worte mich aufzurichten gelernt.
Wieviel Aufeinander zu möglich wurde, ist nicht zu beziffern, ist Geschenk ohne Ende und hier und heute auch Schmerz.
Mein Umzug hat andere Gründe als jener der beiden junggebliebenen Menschen. Und doch verbindet mich heute die Dankbarkeit und der Mut zum Loslassen mit ihnen.
Was ich ihnen wünsche, wünsche ich uns allen: Dass in jedem Aufbruch die Gnade erfahrbar werden darf, dass niemals endet, was unser Herz ruft.
