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Dienstag, 31. März 2020

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Zum letzten Mal März 20. 
Ich war heute mal wieder auf dem Friedhof, wollte doch schauen, wie es all den Frühingsblühern geht, die ich im November in die dunkle Erde gebettet hatte. Auch da – Totenstille. Man konnte die Hyazinthen fast blühen hören. Fast fühlte ich mich – schuldig, als wäre mein Draussensein ein Regelverstoss. Irgendwo lachten Kinder Trampolinlachen. Hie und da, ganz selten, fuhr ein Auto über die nahe Strasse. Da die Durchfahrt nach Frankreich unmöglich ist, kommen hier fast nur noch DorfbewohnerInnen an. Aus fast jedem Auto winkt jemand, den ich wegen der dunkel getönten Heckscheibe nicht erkennen kann. Ich winke zurück, so ein "jagellplötzlichistmaneineschicksalsgemeinschaft" -Winken. Der Frühling verschenkt mir vollen Händen. Und es scheint ihn nicht zu kümmern, dass die Feldwege leer sind. Ich möchte staunen, möchte diesen Frühlingsjauchzer in mir aufsteigen lassen, aber er scheint mir unpassend, unangebracht, ohne dass ich sagen könnte warum. Ich stehe einfach da, atme tief, lausche, rieche und schaue hinüber zu den Hügeln, auf denen noch Schnee liegt, über die sattgrünen Felder, den Raps, dessen Blüten sprungbereit sind, zu den umschleierten Birken. Und ich bin sicher, dass dies alles ein Traum ist.

Sonntag, 29. März 2020

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Oh ja, ich kennen sie auch, die anderen Tage, die zur Bedrohung werden können, und das nicht erst seit diesem Virus. Es sind Tage, die mich auf irgend eine Art zwingen, mich mit Schattenseiten auseinanderzusetzen, mit Themen, die ich meist geschickt umschiffe. Die Endlichkeit des eigenen Lebens kann durchaus ein solcher Trigger sein. Wie von Magnetkräften angezogen gesellt sich die Angst dazu. 

Es hat geschneit heute.

Freitag, 27. März 2020

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Einmal mehr gehöre ich zu den unglaublich privilegierten Menschen zur Zeit, und ich hoffe, dass dieses Geschenk zumindest den Schülerinnen und Schülern und ihren Familien zugute kommt, weil ich Raum habe, den Fernunterricht sorgfältig vorzubereiten und im Gespräch zu bleiben.
Nicht nur, dass wir auf dem Land in einem Haus mit Garten leben, von wo wir ohne Menschenkontakt in den Wald gelangen können, wir sind auch als grosse Gemeinschaft hier. Eigentlich sprengen wir die vorgeschriebene Gruppengrösse, aber als Familie haben wir keine Alternative. Die jungen Menschen mit ihrer unglaublichen Fähigkeit, in jeder Situation die Chance zu suchen, jammern nie und ertragen es auch nicht gut, wenn ich es tue. Sie machen sich bei jeder Schwierigkeit sofort auf die Suche nach einer Lösung und sind energievoll und kreativ unterwegs. Von dieser Energie umgeben zu sein, ist wohl das grösste Geschenk. Ausserdem muss ich nicht um meinen Job bangen und gehöre nicht zur Risikogruppe.
Immer wieder führen wir uns vor Augen: Wir sind nicht eingesperrt, weil Bomben fallen, sondern um andere Menschen zu schützen. Wir halten nicht Distanz, weil wir verfeindet sind, sondern weil wir uns Sorge tragen. Mein Älterster ist nicht im Militär um zu kämpfen und sein Leben zu riskieren, sondern um  dort anzupacken, wo es junge Kraft am meisten braucht.
Der einzige Preis, den ich bezahle, ist die Tatsache, dass dieses Händewaschen und -desinfizieren meine Haut total kaputt macht. 

Ob es Sinn macht, das hier zu schreiben? Ob LeserInnen, die in einer engen Stadtwohnung alleine auf das Ende dieser Zeit warten, sich nicht noch verlorener fühlen, wenn sie das lesen? Ich versuche, für einige Zeit die Kommentarfunktion offen zu lassen, die Distanz, die ich mir hier als eine Art Selbstschutz aufgebaut habe, etwas zu lockern. Vielleicht kann ich dadurch die Antwort auf diese Frage besser spüren.

Alles Gute!

Dienstag, 24. März 2020

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Letzte Nacht bin ich aus einem Traum aufgewacht. Ich kann mich an den Traum selber nicht erinnern, aber in mir hat es laut gelacht. Es war klar geworden, dass dies alles ein riesiger Irrtum ist, und all unser seltsames Verhalten wirkte wie eine mächtige, skurrile Inszenierung, ein modernes Theaterstück, welches wir in der nächsten Deutschstunde analysieren werden.
Ich wurde dieses Gefühl heute nicht mehr los. Auch nicht, als am Vormittag ein Militärhelikopter eine Stunde lang im Tiefflug die grünen Grenzen abgefogen hat, auch nicht, als der gestrandete Berlinsohn seine achtstündige Hochschulaufnahmeprüfung in seinem Zimmer hatte, auch nicht, als wir den seltsamsten Geburtstag unserer Familiengeschichte gefeiert haben.
Keine Angst, ich habe niemanden angesteckt mit meiner Heiterkeit.

Montag, 23. März 2020

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Lehrerin, die von zu Hause aus arbeitet und kaum etwas zu tun hat. (Jetzt ist sie am kochen, ihr Platz ist leer.)
Entweder ist das Material, das die Schüler und Schülerinnen erhalten haben, klar genug vorbereitet, oder die Eltern spielen meinen Job, was eigentlich ausdrücklich nicht gedacht wäre, vor allem dort nicht, wo dies zu Auseinandersetzungen führt. (Ich muss mich richtig zusammenreissen, um mich nicht einzumischen.)

Samstag, 21. März 2020

🌸 Frühlingsanfang

Immer wieder kommen diese Wellen: neue Einschränkungen, neue Erkenntnisse, neue Einsichten. Es ist harte Kost und meist braucht es ein paar Stunden, bis sie verdaut ist und Energie freisetzt, um sich wieder aufzurichten. Diese Verdauungszeiten sind schmezhaft, angstbesetzt, lähmend. Wahrscheinlich sind sie die wahren Bedrohungen des Immunsystems. Ich komme eben vom Einkaufen. Das Hamstern ist nicht mehr spürbar, dafür Distanz, Stille, Konzentration. Vor dem Eingang liegt ein gestürzter Fahrradfahrer unter Wärmedecken der Polizei und wartet auf den Rettungswagen. Er erinnert mich daran, dass es auch noch Notsituationen ausserhalb des Virus gibt. 
Im Tram sitzt eine ältere Frau, hustet vor sich hin und bleibt an der Endstation sitzen. Sie trägt eine Sonnenbrille, obwohl es regnet. Ich habe viele Meter Abstand, aber die Verzweiflung ist distanzlos spürbar. Ich lasse sie sitzen und steige aus.

Heute früh habe ich aus einer Mail diese Sätze kopiert. Sie könnten von Veit Lindau sein, aber das ist ja auch gar nicht so wesentlich.

Teif atmen und dann entspannt lesen. 



JA. Wir sind verletzbar. Wir wissen verdammt wenig. Es geht nicht immer bergauf.
Und die existentiellen Lektionen kommen nie, wann und wie wir sie uns wünschen.⁣
⁣⁣
⁣Diamanten entstehen unter hohem Druck.⁣
⁣Die Verzweiflung der Raupe ist die Vorfreude des Schmetterlings. ⁣
⁣Mitten im Geburtskanal ist es dunkel, eng, schleimig und blutig.⁣
⁣⁣
⁣Doch keine Angst. Kein Verzagen.
Denn auch auf die dunkelste Nacht folgt irgendwann die nächste Morgendämmerung. ⁣
⁣⁣
⁣Das Chaos von heute ist eine höhere Ordnung, die wir nur noch nicht verstehen.⁣

Freitag, 20. März 2020

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Dankbar. Es geschehen Dinge, die es bei uns sonst einmal im Jahr – zu Weihnachten gibt: Alle sind da und haben Zeit. Zeit haben heisst sonst für die jungen Menschen, nach draussen gehen, Freunde treffen, ewas erleben. Jetzt sitzen wir in Halbgefangenschaft und gehen uns auf den Wecker. Aber wir essen zusammen. Und heute blieben wir sitzen, sechs junge Menschen und ich, und es war allen klar, dass wir einen Weg finden müssen und wollen, wie wir dieses enge, ungeplante Miteinander gestalten können ohne Eskalation. Fast zwei Stunden lang hörten wir einander zu, versuchten, unsere Bedürfnisse zu formulieren, Aufgaben zu verteilen, gemeinsame Nenner zu finden.
Nun spielen sie oben ein Kartenspiel und lachen, das Haus ist erfüllt von Heiterkeit. Ich überlege mir, ob ich noch einmal nach den News schauen soll, nach den neuen Zahlen und Beschlüssen. Oder ob es nicht heilsamer ist, mit dieser Leichtigkeit schlafen zu gehen.  
Ich würde gerne davon verteilen, als Schutzmasken gegen die Angst, als Stärkung für das Immunsystem.

Donnerstag, 19. März 2020

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Mir kommt es vor, als müsste eine riesigie, unendlich grosse Maschine, welche ständig in intensivster Bewegung ist, runter gefahren werden. In jedem  Menschen drin läuft dieser Bremsprozess mit. Gewohnheit und Individualitätsdenken kreischen und dröhnen, aber sie vermögen die Bremsung nicht mehr aufzuhalten. 
Und dann - stelle ich mir vor - wird irgendwann der Widerstand aufgegeben sein, es wird still sein, ungalublich still, ergeben, entspannt. Und dort beginnt etwas Neues.
Hoffentlich. Vielleicht. Ganz sicher. Wir haben die Wahl.

Mittwoch, 18. März 2020

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Heute haben alle Schülerinnen und Schüler ihr Material abgeholt. Im Viertelstundentakt kamen zwei, liessen sich instruieren und packten ihren Rucksack. Es tat gut, sie zu sehen und zu spüren, dass es den meisten richtig gut geht. Viele geniessen es total, dass die Eltern zu Hause sind, dass sie nicht in die Auswärtsbetreuung gehen müssen, dass sie Zeit haben, einfach zu spielen. Das ganze Chaos ringsum, welches in den Köpfen von uns Erwachsenen abläuft, bekommen sie nur am Rand mit. 
Umso heftige geht in der Familie die Post ab. Die Tochter in England hat sich seit Tagen und bis vor einer Stunde mit Händen und Füssen gewehrt, zurück zu kommen. Nun buchen wir Flüge für morgen. Sie schreit und ist am Boden zerstört, kann es, will es nicht fassen und ich kann mir auch kaum vorstellen, dass wir ab morgen wieder zu sechst hier wohnen werden, denn der Berlinsohn ist auch gestrandet und die Tochter hat die Uni jetzt im Computer nach hause genommen. 
Unser Dorf hat drei Zollübergänge nach Frankreich, welche jetzt mit riesigen Gittern abgeriegelt sind. Familien haben sich getrennt, damit die eine in Frankreich bei den Pferden, der andere mit den Kindern in der Schweiz sein kann. Sie können sich nicht besuchen. Die Verkäuferin, welche in der Schweiz arbeitet und im benachbarten Ort in Frankreich wohnt, muss jetzt einen 20 km-Umweg fahren, um den einzigen, streng kontrollieren Zollübergang benutzen zu können. Die einzige landesinterne Verbinung führt über den Berg durch den Wald.
Ungläubig stehen wir da und können kaum fassen, was sich in so kurzer Zeit alles ändern kann.

Montag, 16. März 2020

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Am liebsten würde ich einfach mal anlehnen und weinen. Ich bin müde. Teamarbeit auf Distanz mit dieser Mischung von Verantwortungsgefühl, angespannten Nerven, Effizienzanspruch, Unbekanntem und ständig mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass morgen schon wieder alles hinfällig sein könnte, was wir heute vorbereitet, geplant, kommuniziert haben.
80% von meinem Unterricht ist Beziehung, kreatives Reagieren auf den Moment, Entwicklung aus den Prozessen. Und jetzt?

Ab Mittwoch haben wir hier zwei Unis und zwei Gymnasien sowie eine Hotline zu einer dritten Klasse im Haus. 

Wie unendlich gut, dass draussen Frühling ist.

Sonntag, 15. März 2020

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Diesen Text hat die Jüngste heute aus England geschickt. Dort scheint man anders, gelassener mit der Situation umzugehen. Aber vielleicht lebt sie dort auch einfach zusehr ab von den Zentren, als dass sie erfasst werden könnte von diesem – gibt es schon ein richtig gutes, kreatives Wort dafür – ?

Lockdown

Yes there is fear.
Yes there is isolation.
Yes there is panic buying.
Yes there is sickness.
Yes there is even death.
But,
They say that in Wuhan after so many years of noise
You can hear the birds again.
They say that after just a few weeks of quiet
The sky is no longer thick with fumes
But blue and grey and clear.
They say that in the streets of Assisi
People are singing to each other
across the empty squares,
keeping their windows open
so that those who are alone
may hear the sounds of family around them.
They say that a hotel in the West of Ireland
Is offering free meals and delivery to the housebound.
Today a young woman I know
is busy spreading fliers with her number
through the neighbourhood
So that the elders may have someone to call on.
Today Churches, Synagogues, Mosques and Temples
are preparing to welcome
and shelter the homeless, the sick, the weary
All over the world people are slowing down and reflecting
All over the world people are looking at their neighbours in a new way
All over the world people are waking up to a new reality
To how big we really are.
To how little control we really have.
To what really matters.
To Love.
So we pray and we remember that
Yes there is fear.
But there does not have to be hate.
Yes there is isolation.
But there does not have to be loneliness.
Yes there is panic buying.
But there does not have to be meanness.
Yes there is sickness.
But there does not have to be disease of the soul
Yes there is even death.
But there can always be a rebirth of love.
Wake to the choices you make as to how to live now.
Today, breathe.
Listen, behind the factory noises of your panic
The birds are singing again
The sky is clearing,
Spring is coming,
And we are always encompassed by Love.
Open the windows of your soul
And though you may not be able
to touch across the empty square,
Sing.

-from Richard Hendrick (Brother Richard) in Ireland
March 13th 2020

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Heute habe ich eine Briefmarke mit Corona gewählt.

Freitag, 13. März 2020

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Dasitzen und versuchen zu realisieren.
Die einzige Aufgabe ist es jetzt, dem Leuchten auf der Spur zu bleiben, nach den kleinen und grossen Geschenken Ausschau zu halten, die diese Ausnahmesituation am Weg liegen lässt. 
Eine Minute nach Bekanntwerden der Schulschliessung begann es in meinem Kopf zu organisieren, Unterricht auf medialem Weg zu denken. Wenn Corona Krone heisst, dann suchen wir hier einen Königsweg. Da hat man sich an Sternen zu orientieren, habe ich mal in einer Geschichte gelesen, nicht an Fallzahlen.

Aber eigentlich habe ich keine Ahnung.

Lasst uns die Augen und Kanäle offen halten für die positiven Energien. Möge der Wind in unserem Rücken sein.

Sonntag, 8. März 2020

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Zwischen anarchistischer spätpubertierender Auflehnung, nachbarschaftlicher selbstgewählter Sorgenquarantäne, Informations-hol-pflicht von Arbeitgeberseite, Unterrichtsvorbereitung unter Berücksichtigung von zum Teil rätselhaft unrealisitischen Vorschriften, innerer Gelassenheit und dem tief verankerten Wissen darum, wie tödlich eine virale Lungenentzündung bei herzkranken und immunschwachen Menschen verlaufen kann, suche ich meinen Weg durch diese Tage. Ich bin froh um alle Normalität, die vor allem dort spürbar ist, wo gelacht wird. Morgen beginnt die Schule mit einem Händewaschkurs. "I like the flowers" zweimal gesungen reicht für Einseifen in der erforderten Intensität. So wird das Händewaschen nach vier Wochen einen perfekt klingenden Kanon als Nebenwirkung haben.

Freitag, 6. März 2020

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Humor stärkt das Immunsystem!



Dienstag, 3. März 2020

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Den Faden, mit dem ich heute die Vorhänge der Jüngsten endlich umgenäht habe (....), hatte ich gekauft, als ich vor genau 24 Jahren mit grossem, bewegtem Babybauch neue Bettbezüge für den Stubenwagen nähte.

Montag, 2. März 2020

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Ausser Fachtexten, Lehrerkommentaren, Lehrplänen und hie und da einem Onlineartikel zu einem Thema, das mich beschäftigt, lese ich kaum. Ich hatte darüber auch schon geschrieben und davon erzählt, wie ich dem magnetischen Sog eines Buches nur entgehen kann, indem ich es gar nicht erst öffne. Denn wenn ich einmal im Bann eines Buches gefangen bin, dann komme ich erst los, wenn die letzte Seite ausgelesen ist, und dafür lässt mein Alltag einfach keinen Raum.
So habe ich über die Jahre das Lesen von Büchern verlernt, vergessen.

Doch seit Anfang Jahr liegt nun dieser Roman auf meinem Tisch, den mit eine Kollegin ausgeliehen hat. "Das musst du lesen," meinte sie und hob dabei beim "musst" ihre Stimme um mindestens eine Quart. 520 Seiten. Das Fotobuch ist gemacht, die Ferien sind erst halb um. Und ungelesen mag ich ihr das Buch nicht zurück geben. "Ich bin gespannt, was du sagen wirst", hatte sie noch gesagt.
Auf den ersten 200 Metern gestern Nachmittag führte ich innerlich ein Kommentarlesetagebuch, ein Parallelleben zur Geschichte, das mich auf kritischer Distanz hielt. Doch irgendwann, logischerweise bemerkte ich das nicht mehr, war da dieser alte Zauber, der Bann, und ich hatte keine Chance mehr. Ich las, bis mir die Augen zufielen. Ich las nach dem Aufwachen, bis Kopfschmerzen nach dem ersten Kaffee dröhnten. Ich las im Tram, ich setze mich an der Haltestelle auf die Metallstange eines Fahrradständers, ich kuschelte mich in den Schaukelstuhl, der eigentlich seit Jahren nur noch Zwischenlager für die saubere Wäsche ist, welche aufs Zusammenlegen wartet, zur Zeit aber erfreulicherweise leer steht. Nun habe ich ich für die beiden, die heute zu hause sind, gekocht, wir haben gegessen, die Katzen sind gefüttert.
Das grüne Buchzeichen steckt im hintersten Fünftel. Ein wenig fürchte ich mich. Vor dem Finale. Vor den Entscheidungen. Vor den Unausweichlichkeiten. Davor, dass diese vertrauten Figuren sich schon bald wieder meinen Blicken entziehen werden. Aber da muss ich jetzt durch.

Ich bin dann mal weg.