Seiten

Mittwoch, 31. März 2021

90/365 meinen oder nicht meinen

Der Kollege, dem ich gestern per Zufall beim Einkaufen vor dem Brotregal begegnet bin, hat mich "Streberin" genannt und mir gut gemeinte Tipps gegeben zum Herunterfahren und alles nicht so ernst nehmen.

Er hat mich getroffen, sogar etwas verletzt, denn ich hatte ihn weder um seine Einschätzung meines Berufs-Ichs noch um Tipps gebeten. Dieser bittere Beigeschmack, den dieses Streberattribut hat, hat mich schon in der Oberstufe der obligatorischen Schulzeit begleitet, als ich total fasziniert von der Mathematik manchmal kaum den Weg ins Bett fand, sondern noch eine Aufgabe und noch eine zu lösen versuchte und entsprechend gespannt, aktiv und wissensdurtig im Unterricht sass.

Ähnlich fasziniert und aktuell auch etwas frustriert stehe ich vor der Planungsaufgabe eines neuen Quartals. Ich versuche vom Kind aus zu denken, dann vom Lehrplan, dann vom Stundenplan... Noch passt das alles nicht zusammen. Ich kann nicht fertige Lektionen aus dem Netz ziehen und abhalten. Aber bin ich deshalb eine Streberin? 

"Der hat das doch nicht so gemeint!", würde wohl jemand sagen, würde ich von dieser Begegnung erzählen. Deshalb erzähle ich niemandem davon, denn auf diesen Satz bin ich derart allergisch, dass meine Haut postwendend reisst. (alte Geschichten...)

So stand ich heute sinnierend und der Bitterkeit nachspürend am Fenster und schaute über den Schulhof, übers Dorf, in den explodierenden Wald, und wurde dabei aufmerksam auf ein Taubenpaar, welches im Baum vor dem Fenster offenbar eben begonnen hatte, ein Nest zu bauen. Zuerst war davon noch nichts zu sehen. Doch das Männchen (ich habe es dafür gehalten) kam ständig mit Ästchen geflogen, übergab sie seiner Parnerin, welche dann zu zupfen, schieben und bauen begann. 


 

Als dann eine Gruppe von Jugendlichen kam, dröhnend laute Musik laufen liess und der Basketball ständig gegen das nahe Brett donnerte und auf dem Steinboden aufschlug, hörten sie damit auf.

Ob sie sich einen ruhigeren Nistplatz suchen werden oder morgen früh weiter machen, wird sich zeigen. Es wäre wundervoll, denn wir könnten aus dem Klassenzimmer direkt in das Nest sehen.

Dienstag, 30. März 2021

89/365 Erklärung

Verliebtheit ist ganz nüchtern erklärbar, habe ich gestern auf dem Nau-Bildschrm im Tram erfahren. Bin fast etwas enttäuscht.
Ein Welpe kann Muttergefühle auslösen. Schauen Sie Ihrem tierischen Freund direkt in die Augen, steigert sich in Ihrem Körper der Gehalt des Bindungshormons Oxytocin.

Montag, 29. März 2021

88/365 Spiegelkloss

Aussen ist es immer noch Frühling in seiner Wunderform, nur viel wärmer als letzte Woche.

Innen kommt der Zauber heute nicht an. Grund dafür mag ein Film sein, den ich gestern zu schauen begonnen habe und heute über den Tag in kleine Häppchen verteilt weiter und fertig geschaut habe.

Eigentlich ist es eine Alltagskomödie, doch mir ist das Lachen im Hals sehr bald stecken geblieben. Da wird jedes einzelne Klischee bedient, dass es in dieser Häufung weh tut. Und es ist ein Spiegel in dieser Geschichte drin, in den ich nicht schauen möchte und es doch fortwährend tue. Ich möchte dem Spiegelbild in den Hintern treten und spüre nichts als den Schmerz im eigenen Fuss. Und während ich mich um meinen Fuss kümmere, gleitet die Geschichte in ein Happy-Picknick-Ende und lässt mich konsterniert zurück.

Muss man sich nicht antun, ich habs trotzdem getan. Hier

Sonntag, 28. März 2021

87/365 Keimhaftes

Es ist schon seltsam. Seitdem der Sohn in Zürich, die Freundin des anderen Sohnes, deren ganze Familie, die Kollegin und ihre Familie, diese Bekannte und die Freunde von jenen positive Testresultate, Isolation und Quarantäne durchlebt haben, Menschen, mit denen ich während der Zeit rege Nachrichten ausgetauscht habe, mit denen ich sogar online gearbeitet habe, hat sich das Gespenst irgendwie aufgelöst. Es ist ein Alltag eingekehrt, der zwar flankiert ist von vielen Massnahmen und Einschränkungen, nach deren Ende sich alle sehnen, aber es keimt wieder Vertrauen, immer öfter wird wieder mit Humor gewürzt, die Blicke beginnen sich wieder zu treffen, manchmal ist sogar ein Lächeln unter der Maske zu erahnen, ältere Menschen sind wieder vermehrt unterwegs und haben die Angespanntheit abgelegt.
Ich beginne zu verstehen, was mit dem "sozialen Ende einer Pandemie" gemeint sein könnte.

Samstag, 27. März 2021

86/365 Frühling, ja du bist's

Es war ein Zaubermorgen heute, einer voll von diesen seltenen Stunden im Jahr, in denen du kaum zu atmen wagst, weil du den Frühling nicht stören willst bei seinem Erwachen, einer, der das erste Grün über die Waldränder legt, einer, der die dunklen, harten Schwarzdornbüsche strahlend weiss aufleuchten lässt, einer, der mit der Kraft der Zartheit dichtet, einer, der duftet nach Verheissung.
Es sind mir die liebsten Stunden des ganzen Jahres, für die ich die Sommerhitze, den Herbstabschied und die Winterdunkelheit in Kauf nehme.

Freitag, 26. März 2021

85/365 Verliebt

Das hätte ich nie für möglich gehalten: Die Sozialpädagogin, die in meiner Klasse mitarbeitet, hat heute als Überraschung für die Klasse ihren kleinen Hundewelpen mitgebracht. Tollpatschig und neugierig, aber auch vorsichtig hat er uns beschnuppert, sich füttern lassen, alle "Jöööö"s und "Wow"s und "`soooweich"s über sich ergehen lassen. Nach etwa 10 Minuten hat er sich ganz erschöpft hingelegt und wäre wohl am liebsten auf der Stelle eingeschlafen.
Er hat eine Ausbildung zum Sozialhund vor sich und wird vielleicht irgendwann sein Frauchen bei ihrer Arbeit unterstützen.
Was ich aber eigentlich sagen wollte: Bis vor sehr kurzem hätte ich es nie für möglich gehalten, dass ich mich in einen Hund so etwas wie verlieben könnte.

Donnerstag, 25. März 2021

84/365 Heute

Augenblicke: 

  • Meine Klasse, die im Wald nach Ostereiern sucht
  • Ein Zitronenfalter, welcher zwischen den Stämmen umhergaukelt
  • Die Morgenstimmung auf dem Schulweg

Ohrenmomente:

  • Ein Specht, dessen Klopfen durch den Wald hallt 
  • Das Lachen an unserer Abendtischrunde
  • Die Ruhe hier, wo ich wohnen darf

Tasterfahrungen

  • Steine mit Moos umwickeln
  • Die gespannte Haut einer Peperoni
  • Die feucht-glitschigen Steine auf dem Weg

Riecherlebnis

  • Rauch am Feuer
  • Rauch in den Kleidern
  • Rauch beim Rucksackausräumen

Geschmacksfreuden

  • Kamen definitiv zu kurz              

Mittwoch, 24. März 2021

83/365 Gefunden

Eben klicke ich mich durch die Mailflut, um den Tagesmüll zu löschen. Da bleibe ich an diesen Worten hängen, welche in der Einleitung zu einer Kursausschreibung stehen.

Emotionen und Gedanken sind Energieträger … Sie tragen unterschiedliche Energien, die du dann wahrnimmst, wenn du sie bewusst beobachtest. 

Du kannst diese Energie meist zuerst in deinem Körper spüren und kurz darauf in deinem Geist wahrnehmen, wo sie beginnt, deine Gedanken zu beeinflussen. 

Wenn du dich beispielsweise wütend fühlst, ist das eine Energie in deinem Körper. 

Du wirst dann sehr wahrscheinlich wütende Gedanken produzieren. Die Wut hat deinen Geist besetzt und benutzt ihn, um sich durch dich in dieser Welt auszudrücken. Und je mehr wütende Gedanken du hast, desto mehr wütende Gefühle steigen in dir auf! 

Diesen Kreislauf zu erkennen und dich nicht von ihm gefangen nehmen zu lassen, ist eine der Fähigkeiten, die wir bereits in der Schule unseren Kindern beibringen sollten. 

So viel unnötiges Leiden würde dadurch verhindert. Und der Weg für eine neue Entwicklungsstufe der Menschheit wäre frei.

Dienstag, 23. März 2021

82/365 Matheliebe

Vermutlich habe ich es schon oft geschrieben. Trotzdem tue ich es heute wieder:

Das grösste Glück in meinem Beruf – oder eines der grössten – ist es, wenn in den Augen eines Kindes dieses Licht aufgeht, dieses Blitzen, welches eine Mischung ist aus Klarheit, Begeisterung und Verstehen. Und wenn dann dieses Denken auch noch in Worte gefasst werden kann, dann kommen mir manchmal fast die Tränen.

Dieses eine Kind konnte beim Schuleintritt noch nicht bis zehn zählen. Es hatte ein Riesendurcheinander mit allen Zahlen, in denen ein Zischlaut vorkommt. Sssssssieben, Sssssechs, Zzzzzzzehn, Zzzzzzwölf.... Und meist zog es die Schultern schon bis zu den Ohren hoch, sobald es merkte, dass Zahlen ins Spiel kommen.

Bis es Klick machte. Ich weiss nicht, was der Auslöser war. Plötzlich sass da ein anderes Kind, aufrecht, aktiv.

Und heute, als wir einmal mehr auf der Suche waren nach der Einfachheit, da erklärte sie engagiert und überzeugend:

"Also: 17 - 10 das ist ja ganz einfach, denn 17 hat ja eine Zehn und dann noch sieben dazu. Wenn ich jetzt diesen Zehner wegnehme, dann ist ja ganz klar ohne zu rechnen, dass da noch die Sieben übrig bleibt."

Oder ein Mädchen bei der Rechnung 6 - 5: "Wenn ich sechs minus sechs rechnen würde, dann würde ja null übrig bleiben. Nun nehme ich aber eines weniger weg, also bleibt eins übrig."

Montag, 22. März 2021

81/365 für Fr. 2.50

Bei uns im Supermarkt kann man jetzt "natürliches Bergwiesenheu" kaufen, abgepackt in Plastiksäckchen à 50 Gramm, Herkunft: Deutschland, geeignet für  verpackte Ostergeschenke.


Sonntag, 21. März 2021

80/365 Überschwemmung

Nein, es ist alles trocken wie es sein soll. Nur emotional hat es mir heute den Boden unter den Füssen weggespült. Das sind Momente, in denen Schreiben zwar gut tu, es hier jedoch nicht möglich ist. Irgendwo habe ich vor kurzem gelesen (dem Sinn nach): "Wenn die Wellen über mir zusammenbrechen, tauche ich nach Perlen."

Samstag, 20. März 2021

79/365 Entspannung

Der Frühling stellte sich heute früh mit einem Versprechen vor: Er könne auch kühl und nass, meinte er und hüllte sich in einen weissen Hauch von Schleier.
Gleichzeitig ist hier die erste Corona-Hauptprobe zu Ende gegangen. Nachdem die vier WG-MitbewohnerInnen sich innerhalb von sechs Tagen total siebenmal haben testen lassen, beginne ich zu entspannen. Für diese Runde hatten wir wohl einfach Glück – und viele gute Gespräche. 

Freitag, 19. März 2021

78/365 vom Schützen

Wir experimentieren seit drei Wochen mit unseren Sinnen. Ausgangspunkt ist die Geschichte eines blinden Jungen.

Diese Woche versuchten wir uns vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn wir nicht richtig hören können. Dabei kam es zu einer spannenden Sequenz.

Jedes Kind trug einen Ohrschutz, wie ihn die meisten kennen von Fasnacht und lauten Festen. Wir sassen im Kreis, und ich erzählte die ersten Sätze einer Geschichte. Ich fragte dann – die Ohrschütze waren wieder  weg vom Kopf – was sie verstanden hätten, und sie erzählten irgendwelche Phantasiedinge, die überhaupt nichts zu tun hatten mit dem, was in meiner Geschichte vorgekommen war.

Danach bat ich ein Kind, die Erzählrunde mit ein paar alltäglichen Schulzimmergeräuschen zu stören: Metallgeräusche der Schülerpulte, Klettverschlüsse der Hausschuhe, das Wühlen in der Stifteschachtel. Wieder waren die Ohren geschützt und ich las dieselben Sätze.

"Nichts", war die einstimmige und etwas frustrierte Antwort auf meine Frage danach.

Nun wiederholte ich die Geschichte, diesmal unterstrich ich sie mit Gesten. Die Aufmerksamkeit war hoch und tatsächlich entstand bereits die Stimmung, welche zur Geschichte gehört.

Daraus entwickelte sich ein Gespräch über die Gebärdensprache, welche alle vom Fernsehen her kennen. Ein Kind wusste, dass taube Menschen auch die Lippenbewegung des Sprechenden lesen können.

Da schloss ich den vierten Durchgang an, gleicher Text, gleiche Lautstärke, Ohrschütze wieder auf. Nur nahm ich für diese paar Sekunden die Maske vom Gesicht. Die Klasse hing mir förmlich an den Lippen. 

Und diesmal verstanden sie alles, jedes Wort.

Donnerstag, 18. März 2021

77/365

War ich ein Schisser vor diesem Test heute. Was habe ich meinen Kindern schon gepredigt, sie sollen sich einfach entspannen, an etwas Schönes denken, mit ihren Zehen wackeln oder langsam von 10 rückwärts zählen. Sie haben mich denn auch mit grinsenden Smileys zitiert, als ich um Beistand flehte.
Zum Glück waren alle total nett und entspannt. Der Raum hatte grosse Fenster mit Blick in einen blühenden Garten und die langen Schlangen von Warteplätzen waren leer. 
Nun warte ich auf die erlösende SMS.

Bis dahin gebe ich das Wort meinem Suppenschüssel-Michel, welcher heute den hintersten Hügelzug im Morgenlicht erblickte und rief: "Schaut mal, die Welt hat sich selber weiss angemalt!"

Mittwoch, 17. März 2021

76/365 Physiotherapie

Ich stehe mit beiden Füssen auf einer wackligen Unterlage und versuche, ein stabiles Gleichgewicht zu finden. Es gelingt mir schon viel besser als vor einem Monat. Ziemlich ruhig kann ich stehen, das Gewicht gleichmässig auf die Füsse verteilt. Zufrieden atme ich aus. 

"Und jetzt den Kopf nach links drehen!" kommt der nächste Impuls von der Therapeutin. Ups. Plötzlich wackelt mein Untergrund wieder sehr bedenklich. Mühsam fange ich mich auf und suche erfolgreich wieder die Mitte. "Und jetzt nach rechts!" Diesmal verliere ich das ganze Gleichgewicht und kann mich mit einem Sprung auf den Boden auffangen. 

Was so ein kleiner Perspektivenwechsel, eine Drehung, die ich schon als Ungeborene geübt habe, vermag.

Dienstag, 16. März 2021

75/365 Wellen

Meine Müdigkeit ist bestimmt ein Symptom von diesem ständigen Hin und Her und Auf und Ab. Ich bereite minutiös vor, damit werauchimmer ohne Aufwand unterrichten kann, dann kommt die Meldung, die mich doch arbeiten lässt, und das jetzt schon den dritten Tag in Folge. Aber geht schon. Immerhin habe ich Arbeit.

Montag, 15. März 2021

74/365 Gast

Auf den Tag genau ein Jahr, nachdem die Schulschliessung damals beschlossen wurde, steht das Virus direkt vor der Hautüre – oder hat es vielleicht bereits hinein geschafft. Das Contakt-Tracing ruft an, schickt SMS, verordnet Testen und Quarantäne.  Ich versuche, Unterricht so vorzubereiten, dass jederzeit eine Vertretung übernehmen könnte und habe das Gefühl, ich müsste 100 Details aufschreiben, zurecht legen, erklären.

Loslassen ist schwer, erfahre ich mal wieder.

Als wäre ich nicht ersetzbar.  

Doch der zerkritzelte Tisch meines Michels erzählte heute Nachmittag (ich durfte am Vormittag wegen ausstehender Testresultate des Sohnes nicht arbeiten) von der Suppenschüssel.

Vielleicht habe ich einen heissen Kopf? ein Kratzen im Hals? Gliederschmerzen? Unwohl ist mir auf alle Fälle, doch das wundert mich nicht.

Wir gehen uns nun im Haus aus dem Weg. Die Einsamkeit klopft an uns zitiert den Satz von Tolle, den ich gestern eigestellt habe.

Sonntag, 14. März 2021

73/365 ...



"Durch Dankbarkeit für den gegenwärtigen Moment öffnet sich die spirituelle Dimension des Lebens."

Samstag, 13. März 2021

72/365 Ohrenwetter

Ja, ich liebe Amselgesang und den aller Singvögel, ich mag es aber genauso, wenn der Regen gegen die Fensterscheibe prasselt, wenn der Wind ums Haus pfeift und an allem rüttelt, was nicht festgemacht ist, wenn das Wasser in der Regenrinne gluckst, ich liebe es, unter dem Regenschirm zu stehen und die Augen zu schliessen, ich liebe es, in einer stürmischen Nacht vor dem Haus zu stehen und dem Wald zuzuhören, seiner dunklen Grösse, seinem geheimnisvollen Rauschen. Ich liebe es, ganz Ohr zu sein.

Freitag, 12. März 2021

71/365 Schauerneigung

Einer der Tage, die man an die Strasse stellen möchte mit dem Schild: "Gratis zum Mitnehmen". Ich würde mich daneben setzen und mich mitnehmen lassen, falls jemand kommt, der eine Schulter hat zum Anlehnen. 
Dabei hat er so lichtvoll begonnen, dieser Freitag, mit einem Regenvorhang zwischen mir und der aufgehenden Morgensonne.


Donnerstag, 11. März 2021

70/365 Augenblick

Nach der Pause. Von allen Seiten strömen kleine und grosse Menschen Treppen hoch und Gänge entlang. Mitten drin hüpfgt beschwingt ein kleines Mädchen in Begleitung von Mutter und Logopädin. Ich sehe es nur von hinten und freue mich über den Anmut dieses kleinen Wesens. Plötzlich bemerke ich eine gleichsam magnetische Anziehung. Ein Mädchen aus der 5. Klasse breitet die Arme aus und eilt der Kleinen entgegen, welche der Grossen in die Arme fliegt und herumgewirbelt wird. Und da erkenne ich sie alle beide, die eine, weil sie zur Klasse ein Stockwerk unter uns gehört und ihre kleine Schwester, weil ich von ihr seit ihrer Geburt weiss und sie auch schon einige Male gesehen habe. Ich gehe nochmal die paar Treppenstufen zurück, gehe zur Mutter, welche unterdessen ihre Jüngste auf dem Arm hat, begrüsse sie und versinke dann im Blick des Kindes, dieserm unendlich vertrauten, ruhigen, tiefen Blick, der in meinem ruht. Es kommt mir vor, als würden wir uns kennen seit Ewigkeit. Es ist da dieses Verstehen auf einer Ebene, die keine Worte braucht. Es ist der Zauber, den ich nur mit Mirjam erlebt habe. In dem Moment hört alles ringsum auf zu existieren.

Ich weiss nicht, wie ich die Treppe hoch gekommen bin. Irgendwann stand ich vor der geschlossenen Klassenzimmertüre, die Tränen liefen mir übers Gesicht, tropften zu Boden und ich ging den unendlich langen Weg zurück in meine Aufgabe als Klassenlehrerin um zehn Uhr dreissig an diesem elften März.

Mittwoch, 10. März 2021

69/365 Begegnung

Unterdessen freue ich mich auf jeden Weiterbildungsmittwochabend. Wir treffen uns zu zehnt in einem virtuellen Raum, machen Entspannungsübungen, tauschen uns aus, diskutieren in Kleingruppen spannende Themen. Manchmal setzt sich ein Kleinkind zu seiner Mama und winkt, manchmal geht eine kurz nach nebenan, um sich einen Pullover oder einen Tee zu holen. Mit Ausnahme von zweien kenne ich niemanden aus dem dreidimensionalen Leben. Trotzdem entsteht eine Vertrautheit, an die wir – davon bin ich überzeugt – anknüpfen könnten. 

Und heute wusste ich plötzlich, was mit diese Begegnungen so wertvoll und lieb macht: Wir begegnen uns ohne Maske! Wir sehen unsere Gesichter und verstehen auch die nonverbalen Zeichen der Mimik. Es fühlt sich so menschlich an. Im ganzen Berufsalltag gibt es keine, absolut keine Begegnungen mehr ohne verdecktes Gesicht.

Dienstag, 9. März 2021

68/365 Entwicklung

Kinderzeichnungen sind für mich etwas Wunderbares. Sie sprechen so ehrlich und reich. Gerade deshalb stehe ich nicht selten auch besorgt davor, hätte gerne jemanden, der mit mir die Frage bewegt: "Was braucht dieses Kind jetzt von mir?"

 4,5-jähriges Kindergartenkind


7,5-jähriges Erstklasskind, normal "schulreif"

Montag, 8. März 2021

67/365 Positiv

Wir haben seit Mai letzten Jahres in unserem Schulhaustrakt die chromstahlgraue Vereinsküche zum Lehrerinnenzimmer umfunktioniert. Ein kleines, rundes Klapptischchen steht zwischen Abwaschmaschine und Grosskühlschrank. Für drei Stühle reicht der Platz, sind wir mehr, gibt es hinter dem Abfalleimer und neben der Eingangstüre noch je einen Stehplatz. Wir haben uns daran gewöhnt wie an so vieles, haben es gut zusammen und sehnen uns trotzdem hie und da nach dem Rest des Teams.
Heute trafen wir uns schon im Treppenhaus und erzählten einander vom ersten Pooltestmorgen, wie die Kinder gespuckt haben und wie die Röhrchen zu bedienen sind, ob die Plastikbeutel gross genug waren, von der Hitze hinter diesen supersicheren Masken und wie die Kinder uns damit noch weniger verstehen als eh schon....
Und dann kamen wir in unsere Küche und fanden diesen Gruss von der Schulleitung.
Ist das nicht wundervoll? 
Soviel gelacht und schöne Dinge erzählt haben wir uns schon lange nicht mehr. Die zweite positive Nachricht von der Schulleitung war dann die Mitteilung, dass sämtliche Tests negativ ausgefallen sind.

Sonntag, 7. März 2021

66/365 Bilanz nach 18% oder 2 x 3 x 11 Tagen

So, 66 ist doch eine Zahl, bei der man schon mal etwas Nähkästchenartiges sagen kann, zum Beispiel, dass es manchmal ganz schön herausfordernd ist, dem gesteckten Zeil von 365 Posts nicht zu entfliehen. Das Bisschen Sturkopf, welches ich habe, wird da dringend benötigt. Allermeistens setze ich mich hierher, tippe ahnungslos die Zahlen auf die Titellinie und warte einfach mal, was da so kommt und ob überhaupt etwas kommt. 
Manchmal muss ich mir eine Frage stellen, welche einen kurzen Lichtstrahl auf einen Moment wirft, der dann schnell in die Tastatur schlüpft. Manchmal muss ich das, was so bitter auf der Zunge oder schwer im Magen liegt hinunterschlucken, damit es hier keinen Unsinn anrichtet. Manchmal muss ich die Oberfläche aufkratzen, welche durch das Alltagsgeschehen hart und trocken geworden ist, um darunter ein paar Tropfen Nektar zu finden. Manchmal hätte ich Lust, zu irgend einem Zufallswort eine ellenlange Assozianskette aufzufädeln. 
Purzelbaum 
zum Beispiel. Dazu hat mir bisher der Mut gefehlt. Es wird ja aber noch 299 weitere Gelegenheiten geben.

Samstag, 6. März 2021

65/365 Lernziele

Während ich heute im Garten den Winter aufzuräumen begonnen habe, ist mir vieles durch den Kopf gegangen. Dabei sind ganz weit vorne immer die Schülerinnen und Schüler, diese sieben- und sechsjährigen Kinder, in deren Schicksal ich für eine kurze Zeit ihres Lebens hineinwebt bin. Ich habe eine freundliche Klasse, zuverlässige, ordentliche Kinder, die gerne tun, was ich ihnen anbiete. Doch sie sind  – anders, als Erstklasskinder bisher waren, zumindest die meisten. Während ich in früheren Klassen ständig Geschichten erzählt bekam, ausgedachte, erlebte, erhoffte, bleibt es diesmal stumm. Rätselhaftes wird mit Schulterzucken stehen gelassen, zumindest von den meisten. Es gibt Ausnahmen, einen kreativen Chaoten, eine verträumte Zaubererin und eine ganz junge, die sich wahrscheinlich noch nicht traut. 
Im Garten wusste ich es plötzlich, was ich vermisse: Es ist diese kindliche, unersättliche Neugierde, diese offenen Augen und Ohren, dieses tausendfache "warum?". Vielleicht schlummert sie irgendwo und wartet darauf, geweckt zu werden, doch bisher ist es mir selten gelungen, diese Wachheit, das staunende Entdecken heraus zu kitzeln. 

Und als hätte sie den Nachmittag in meinen Gedanken verbracht, sagt die älteste Tochter beim Abendessen: "Ich glaube, das Wichtigste, was ich von meiner Schulzeit ins Leben nehme, ist diese Neugierde, dieses Interesse daran, immer noch weiter zu fragen und weiter zu suchen." 
 
Das Ziel ist gesteckt.

Freitag, 5. März 2021

64/365 Grrrrrrrrrrrrr

z Rorschach uf de Brugg

stönd drü düri, langi, leeri Röhrli

und dur die drü düre, lange, leere Röhrli

lehred d Lüt rächt rede.

So tönt es in meinem Kopf seit Mittwoch, seitdem wir eingeführt worden sind in die Praxis des Massentestens in unserer Klasse, seitdem im Schrank die Säcke liegen mit den leeren Röhrchen. Der Schnabelwetzer hat wohl soviele Mutationen, wie ein mündlich überliefertes Gedicht nur haben kann. Statistiken habe ich dazu leider keine.

Donnerstag, 4. März 2021

63/365 Steinzeit

Heute hat eine meiner Töchter uns in den Wald begleitet. Es war sehr schön zu sehen, wie die Kinder um sie herum aufgeblüht sind und mit ihr Dinge geredet und gespielt haben, die sie mit mir nicht tun würden. Einmal ging es darum, ob sie auch gemeint sei, wenn ich "alle Kinder" sage. "Aber sicher ist sie auch ein Kind, sie ist ja das Kind von Frau Wind", sagte eines, worauf ein Junge meinte: "Alle Menschen sind eigentlich Kinder, denn alle haben ja eine Mama."

"Genau", meinte ich. "Auch ich habe eine Mutter." "Was? Hast du immer noch eine Mutter? Lebt die noch?" fragte einer und kriegte den Mund nicht mehr zu. Und ein Mädchen doppelte nach:" DUU hast noch eine Mutter!?! Wow. Voll krass!" und nach einer Pause. "Wie alt ist die denn?"

Vielleicht sollte ich mir doch die Haare wieder färben lassen.

Mittwoch, 3. März 2021

62/365 Todleben

Wir sprechen über die Zeit der Trauer. "Wird es irgendwann besser?" fragt sie. "Oh ja, wie alles im Leben verändert sich auch die Intensität und die Farbe dieses Schmerzes. Was nicht verschwindet sind die Spuren, die sich tief eingeschrieben haben und ein Teil von mir geworden sind. Aber ich liebe diese Spuren, ich bin dankbar dafür, und eigentlich ist es jene Zeit, welche die lebendigste war in meinem Leben, die durchlässigste, wunder-vollste, jene, in der ich mich am wenigsten verstellen konnte und daher am autentischsten mit dem Leben verbunden war." – "Ich weiss so genau, was du meinst", antwortet sie mit Tränen in den Augen.
Manchmal sehne ich mich nach dieser Verbundenheit, nicht nach dem Preis, den ich dafür bezahlen musste, aber nach dem Wunder, welches in jedem Tautropfen glitzerte, nach der Liebesgeschichte einer Schlehenblüte, nach dem Wolkentanz, der meine Seele an die Hand nahm, nach den Augenblicken mit den Menschen, welche sich hineinwagten in diesen geheimnisvollen Wirkungskreis und dafür sorgten, dass mir der Boden nicht unter den Füssen hinweg brach.
Da können keine Mailfluten und Lehrpläne, keine Systemarbeiten und Poollösungen mithalten. 
Nur manchmal, wenn der Wind weht, spielt er mit der angelehnten Türe und weht einen Hauch Blau herein.

Dienstag, 2. März 2021

61/365 Choreographien

"5 + 9 finde ich ganz einfach, weil 9 hat ja in sich auch eine 5, die nehme ich zur ersten 5, die sind dann zusammen 10 und die übrigen 4 dazu, das gibt 14." 

"9 + 8 finde ich einfach, denn das ist ja fast 10 + 8 und dies wäre 18, aber es ist eines zuviel, also gibt es 17."

Wenn die Kinder beginnen, ihr Denken so genau zu beoabachten und es dann auch noch zu formulieren, dann tanzt mein Matheherz. Heute durfte es gleich mehrfach tanzen.

Montag, 1. März 2021

60/365 "Trotz dem"

Ich sitze hier mit Tränen in den Augen. Grund dafür ist dieser Querschnitt (Klicke aufs Bild). Wann hast du zum letzten Mal Tränen gelacht?

Im Übrigen darf ich mich dankbar vor diesem Tag verneigen. Er hat meine Hoffnung erfüllt, er mit der Lebendigkeit und Frische der Kinder.