Schon wieder steht ein Wochenende vor der Tür. Das Ding mit der Zeit kommt mir immer mehr abhanden...
Es ergab sich heute spontan:
Die Klasse macht die ersten Annäherungsversuche an die Multiplikation.
6+6+6+6+6+6+6 stand an der Wandtafel für die sieben Eierkartons, die nebeneinander gestellt worden waren. "Hast du all diese Eier selber gegessen? Das sind ja unendlich viele!" meinte einer.
Da wurde nun heftig addiert, und die meisten Antworten trafen ungefähr in die richtige Richtung. Irgendwann stand da 7x6 = 42.
"Das ist eine der schwierigsten Malaufgaben, die könnt ihr für den Moment wieder vergessen," lachte ich, um sie nicht gleich zu entmutigen. Doch dann sagte ich: "Wisst ihr was? Ich gebe euch dies als Hausaufgabe. Ihr müsst diese Rechnueng 7x6 = 42 bis Montag wieder vergessen!"
Etwas später fragte ich dann: "Hat jemand die Hausaufgabe schon geschafft?" – und in der Pause kamen einige gerannt: Wir wissen es immer noch!!" und im Turnen am Nachmittag und beim Tschüss sagen... Voller Begeisterung wurde diese eine Mulitiplikation gesungen, gelacht, gerufen, und die Freude über meine gespielte Enttäuschung über ihr Nichtvergessenkönnen war goldig.
Zwar kamen einige wiederholt zu mir und wollten wissen, warum ich das verlange, und ihre Mutmassungen über meine Absicht waren so herrlich, dass ich gar nicht auf die Idee kam, etwas davon zu erklären.
Am Montag werde ich ihnen dann die Geschichte erzählen von einem Mädchen in ihrem Alter, welches auch in die zweite Klasse ging. An einem wunderschönen Frühlingstag war es auf dem Heimweg von der Schule, und dort, wo der Quartierweg von der Strasse abbog, stand ein reisger Birnbaum, welcher in alllerschönster Blüte stand. Dem Mädchen war, es hätte so etwas Wundervolles noch nie im Leben gesehen. Der ganze Baum leuchtete in strahlendem Weiss, Vögel sangen, Bienen summten. Das Mädchen konnte den Blick nicht abwenden von dieser Schönheit, es kam ihm vor, als wäre sein Blick an den Baum gebunden. Langsam ging es rückwärts den Weg hoch, die Augen ununterbrochen beim Baum.
Irgendwann stand es vor der Einfahrt zum Haus seiner Familie. Jetzt muss ich rein, wir müssen essen, sagte sich das Kind und wurde dabei ganz traurig. Es hätte hier bleiben wollen, immer. Da fasste es einen Entschluss. "Ich muss den Baum und dieses Bild vergessen, einfach wegmachen aus mir, dann kann ich reingehen!" dachte es und rannte zur Tür. Dann sass es am Tisch und versuchte zu vergessen. Abends im Bett versuchte es, an etwas anderes als an den Baum zu denken und schaffte es nicht. Je mehr es versuchte zu vergessen, desto tiefer sank das Bild von diesem Birnbaum in sein Herz. Und es gibt im Leben dieses Mädchens, welches längst eine Frau geworden ist, nur ganz wenige Dinge, an die es sich noch so gut erinnert, wie an diesen Birnbaum.
Ob ich ihnen auch erzähle, wer dieses Mädchen war, weiss ich noch nicht. Vermutlich wird es die eine Schülerin, die dem Mädchen von damals in manchem ähnlich ist, spüren und wissen.