Als gegen halb fünf in der Früh langsam Ruhe einkehrte, meine Hülle sich anfühlte wie ein verglühendes Feuer und der Sturm abzog und nur noch von weitem leises Grollen zu vernehmen war, da schaltete ich den Wecker aus, den ich für sechs Uhr gestellt hatte. Nach einer solchen Nacht machte es keinen Sinn, fast ohne Schlaf alleine für eine 8-stündige Wanderung aufzubrechen. Ich beschloss, so früh wie möglich einen Notfalltermin bei einem Dermatologen zu bekommen und überliess mich endlich dem Schlaf.
Um halb acht war ich wieder wach, legte mir die Nummern der Ärzte bereit, welche mir empfohlen worden waren. Denn einfach in der Uniklinik irgend einem Assistenzarzt die Komplexität meiner Situation anvertrauen, das will und kann ich nicht.
Überall traf ich Beantworterstimmen an. Ferienhalber geschlossene Praxen, sprechstundenfreier Morgen.
Schliesslich war es der Sohn mit dem weiten Blick, welcher gestern überraschend früh von seiner Interrail-Europareise zurückgehert war, welcher mich drängte: "Geh raus, schau die Welt an, beschäftige dich mit etwas anderem als mit deiner Haut!" und so packte ich den Rucksack doch noch. Für die ursprünglich geplante Tour würde es nicht mehr reichen, aber es gibt ja viele Wege. Ich startete in einer Traube von Ausflüglern. Alleine ist man nirgendwo so einsam wie in der Menge. Doch schon nach wenigen Wegmetern begann ich zu atmen.
Es war ein guter Tag mit wunderbaren Weitblicken. Ich hatte gewusst, dass man von hier aus die Alpen sehen kann, aber ich war bisher nie bei idealen Wetterbedinungen da.
Es naht der Moment, wo ich mich für mein Tagesziel entscheiden muss.
Ich wählte und fogte dem Weg fast drei Stunden lang. Und dann stand ich vor dem Wegweiser, auf dem mein Ziel überklebt, abgedeckt war. Da keine Begründung dabei stand, musste ich annehmen, dass der Weg nicht begehbar ist. Jetzt musste ich umdisponieren. Da ich ohne Karte auf unbekannten Wegen unterwegs war, wusste ich nie so recht, worauf ich mich einlasse. Und so stand ich denn auch plötzlich völlig unvermittelt in einer steilen Schlucht. Der Weg führte durch einen senkrecht abfallenden Felsen über feuchte Steine. Ich hielt mich an der Kette fest, die zur Sicherung verankert war und setzte sorgfältig Fuss vor Fuss. Mein Herz raste. Zum ersten Mal heute fand ich es überhaupt nicht lustig, so mutterseelenallein im Gelände unterwegs zu sein.
Nun bin ich wieder da, eine nächste Nacht und einen nächsten Ausbildungstag liegen vor mir.