"Du, sag mal", meinte kürzlich eine neue Kollegin zu mir, "ich glaube, ich habe während Jahren einen Blog von dir gelesen. Kann das sein?" Mein Herz stand für einen kurzen Moment still.
Jedes Mal, wenn diese beiden Realitäten aufeinander treffen, bin ich erst einmal völlig irritiert. Es macht mich befangen, wenn jemand vor mir steht, welcher mitten hinein geschaut hat in meine Wirbelstürme und Gipfelerlebnisse, mich begleitet hat durch alle möglichen Täler, wenn mich jemand gewissermassen kennt, von dem ich aber keine Ahnung habe.
Wir sind uns wichtige Kolleginnen geworden unterdessen. Das Schreiben war nie wieder Thema unserer Gespräche.
Anders eine andere junge Kollegin, welche als Tochter meiner Freundin damals das Geschehen um Mirjam hautnah miterlebt hatte. "Schreibst du eigentlich noch?" fragte sie heute, als wir uns darüber austauschten, wo und wie wir uns Inseln schaffen zwischen der Doppelaufgabe von Familie und Schule. "Das war doch eine ganz besondere Ressource von dir."
"Ja und nein." antwortete ich und wie wir da so vor dem Schulhaus standen, beobachtbar von allen Seiten, wurde mir glasklar, wieviel sich verändert hat seit damals, wie wichtig für mich die grosse Anonymität war, ein paar Bekannte ausgenommen, welche ich bewusst eingeladen hatte zu lesen. Die Chance, erkannt zu werden, war sehr gering und interessierte mich auch kaum. Das Schreiben war ein Spielplatz, ein Experimentiertfeld, ein Spiegelkabinett, eine Insel, eine Bühne im Dämmerlicht, auf der ich mich mutiger und sicherer bewegte als im "echten" Leben. Und ich wurde begleitet von einem warmen, hellen Geschenk, welches Mirjam hiess und mir oft Flügel verlieh.
Doch auch meine Gedanken sind ruhiger geworden, langsamer, vielleicht auch, weil sich viel von meiner Energie an gestalterische Prozesse in und für den Unterricht bindet, in den Kontakt zu den Kindern fliesst, sich im Austausch mit den Heil- und Sozialpädagoginnen, die mit im Unterricht arbeiten, erschöpfen.
Und trotzdem sehne ich mich manchmal nach dem Spielplatz mit dem Wind, und es fühlt sich gar nicht danach an, dass ich ihn schliessen, hinter mir lassen, loslassen sollte.
Ich danke den paar Handvoll Menschen, welche noch immer vorbei schauen, ein paar Pusteblumenfallschirmchen zu sich herüberwehen lassen, vielleicht, und zum Teil auch hin und wieder eines zurück schicken.
Und ich danke der jungen Kollegin für ihre Frage heute. Ich finde, "ja und nein" passt gut als Antwort, weil da der Wandel drin ist, dem wir uns eh nicht entziehen können.
Hier noch ein Bild von gestern abend. Nach der Sitzung um halb sieben schien es schon dämmrig zu werden. Ich setzte mich noch einmal ans Pult, um meine Sachen zu packen, als ich von da aus völlig überrascht dieses Lichtspiel sah: Die untergehende Sonne fiel genau hinein in das Tal und auf den Hügelzug da oben, während der ganze Rest meiner sichtbaren Welt bereits in Dämmerlicht gehüllt war.