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Donnerstag, 29. Oktober 2020

Oktober

Zur Zeit verändert sich alles so schnell, dass ich dies unbedingt noch deponieren muss, bevor es wieder vorbei ist:

Vor einer Woche war es kurz vor Unterrichtsbeginn beinahe dunkel. Im Dorf brannte noch die Strassenbeleuchtung. Diese Woche nun so anders, dass ein Junge fragte: "Aber wie machen das die Menschen? Die können ja nicht einfach die Dunkelheit wegdrücken?"

Es brannte beinahe vor Schönheit, als am Dienstag die Morgensonne herein fiel und sich augenblicklich in die herbstlich geschmückten Bäume verliebte.



Und als dann dieses eine Blatt aus dem Schatten auftauchte und der Morgensonne scheu zunickte, da war es auch um micht geschehen.
(Alle Bilder habe ich aus meinem Schulzimmer heraus gesammelt)

Sonntag, 25. Oktober 2020

Oktober

Seltsam.

Es macht mehr mit uns, als wir wollen. Bewusst und wach zu bleiben ist eine riesige Herausforderung, aber wichtiger denn je. Aus dem einen Bekannten sind mehrere geworden. Der Schwiegervater meines Bruder in Paris beatmet, seine Frau krank zu Hause, der Sohn in Quarantäne, weit weg – bisher ohne Symptom – wegen kranken Mitstudenten. Es ist die Angst, welche schlimmer ist als alles andere, die Beklemmung, welche den Atem raubt, die Unsicherheit, welche das Immunsystem schwächt.

Es ist so wichtig, dass wir jetzt nicht all die schwächenden Energien pflegen, sondern hier und jetzt zur Ruhe kommen. Das sagt sich leichter an einem sonnigen Sonntag nach einer Nacht, die eine Stunde länger war als sonst. Sind aber Sonntage nicht genau dazu da, dass wir in ihnen den Alltag spiegeln und mit Licht nähren?

Und: Ich will lernen, mir die innere Nähe zum Gegenüber nicht nehmen zu lassen durch ein Stück Stoff, auch wenn das Arbeit bedeutet und Aufmerksamkeit. Es wird kein einfacher Winter. Er verpackt seine Chancen auf ungewohnte Weise.

Donnerstag, 22. Oktober 2020

Oktober

Nun steht das Virus vor der Schulhaustüre. Erstmals kenne ich einen Erkrankten persönlich. Erstmals kann ich gute Besserung wünschen und erleben, wie sich Nervosität breit macht, Vorsichtsmassnahmen aus eigenem Entschluss intensiviert werden. Irgendwie bin ich erleichtert, hat dieser Tag x, um den alle gewusst, mit dem alle gerechnet haben, endlich einen Namen. 
Meine grösste Sorge gilt einer erneuten Schulschliessung. Mit diesen kleinen Kindern Fernunterricht – unvorstellbar.


Dienstag, 20. Oktober 2020

20.10.20

Eine Kollegin von mir arbeitet neben der Unterrichtstätigkeit als Feldenkrais-therapeutin. Heute hat sie mir eine Behandlung geschenkt, die ich am liebsten beschreiben würde, wenn ich denn Worte dafür hätte. Ganz sachte und subtil und vor allem wohltuend hat sie meine Beine bewegt, gedrückt, gehalten, erforscht (so kam es mir vor). Nach etwa 45 Minuten setzte ich mich auf, stellte vorsichtig die Füsse auf den Boden, richtete mich auf, machte einen Schritt und noch einen und konnte kaum glauben, was ich erlebte: Bewegungen, die tagelang blockiert waren, funktionierten mühelos. Der Schmerz war weg, so plötzlich, wie ich den Respekt vor ihm gar nicht loslassen kann.

Und sollte er morgen früh zurück sein, so habe ich nun die volle Zuversicht, dass viel mehr möglich ist, als mein Horizont – und der schmerzbewölkte im Besonderen – zugelassen hatte. Horizonterweiterung durch Schmerz, hatten wir das nicht schon oft?

Samstag, 17. Oktober 2020

Oktober

Es ist schon speziell zu erleben, wie der Schmerz frisst. Der scheint einen unersättlichen Hunger zu haben und einen gierigen Rachen.

Zeit frisst er, verdreifachte Zeit. Und Schlaf, weil er fordert, dass ich auf dem Rücken schlafe, was ich nie tue und auch nicht kann. Meinen ganzen Wochenendplan scheint er verschlungen zu haben. Ich spüre nicht mal den Drang, an die Schule zu denken, weil er sich vor alle anderen Gedanken gedrängelt hat. Der volle Abfalleimer ist ihm egal, obwohl er den gerne verschwinden lassen dürfte 😉, die Wäsche sowieso!

Ich beobachte ihn mit Seufzen, aber auch mit Neugierde, und mit leisem Erschrecken höre ich ihn die Geschichten von der Endlichkeit meines Körpers erzählen. Ich hoffe zutiefst, dass er bloss Gast ist, dass es noch nicht Zeit ist, ihn als ständigen Begleiter zu akzeptieren. 

Eine Woche hat mir der Arzt gegeben. Sieben Tage, in denen sich der Ungebetene zurückziehen sollte, ansonsten startet dann eben doch der Marathon, den ich nicht möchte.

Donnerstag, 15. Oktober 2020

Oktober

Das sind so Zeiten, in denen die Dankbarkeit, dass es ihn gab und die Trauer, dass es ihn nicht mehr gibt, um die Oberhand streiten: Den Arzt, der es verstand, mich mit einer einzigen Frage auf den Weg zu schicken, einer ganzheitlichen Heilung entgegen.

Heute lasse ich die Dankbarkeit im Licht stehen und sende sie in den Aether in der Hoffnung, dass sie ihr Ziel erreicht. Irgendwie.

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Oktober

Mal was ganz Neues:

Ich kann nicht mehr gehen. Angefangen hat es vor vier Wochen nach dem Sporttag, nachdem ich einen Tag lang in meinen billigen Hallenturnschuhen rumgerannt bin und alle 320 SchüerInnen des Schulhauses in etwa 20 Portionen durch dasselbe Spiel geführt hatte. In den Ferien wurde es langsam besser, beim Holz aufräumen habe ich es kaum mehr gespürt. Doch seit der Turnstunde gestern versagt das linke Knie seinen Dienst immer gründlicher.

Jaja, ich weiss, Arzt und so, aber ich fürchte, dass daraus ein Marathon werden könnte, den ich aber nicht laufen kann. Fängt Alter so an? 

Braucht jemand Hallenturnschuhe, Grösse 41, lila-weiss, gratis?

Gleichzeitig liegen zu Füssen oft so faszinierende Muster.




Dienstag, 13. Oktober 2020

Oktober

"Du, sag mal", meinte kürzlich eine neue Kollegin zu mir, "ich glaube, ich habe während Jahren einen Blog von dir gelesen. Kann das sein?" Mein Herz stand für einen kurzen Moment still. 

Jedes Mal, wenn diese beiden Realitäten aufeinander treffen, bin ich erst einmal völlig irritiert. Es macht mich befangen, wenn jemand vor mir steht, welcher mitten hinein geschaut hat in meine Wirbelstürme und Gipfelerlebnisse, mich begleitet hat durch alle möglichen Täler, wenn mich jemand gewissermassen kennt, von dem ich aber keine Ahnung habe.

Wir sind uns wichtige Kolleginnen geworden unterdessen. Das Schreiben war nie wieder Thema unserer Gespräche.

Anders eine andere junge Kollegin, welche als Tochter meiner Freundin damals das Geschehen um Mirjam hautnah miterlebt hatte. "Schreibst du eigentlich noch?" fragte sie heute, als wir uns darüber austauschten, wo und wie wir uns Inseln schaffen zwischen der Doppelaufgabe von Familie und Schule. "Das war doch eine ganz besondere Ressource von dir."

"Ja und nein." antwortete ich und wie wir da so vor dem Schulhaus standen, beobachtbar von allen Seiten, wurde mir glasklar, wieviel sich verändert hat seit damals, wie wichtig für mich die grosse Anonymität war, ein paar Bekannte ausgenommen, welche ich bewusst eingeladen hatte zu lesen. Die Chance, erkannt zu werden, war sehr gering und interessierte mich auch kaum. Das Schreiben war ein Spielplatz, ein Experimentiertfeld, ein Spiegelkabinett, eine Insel, eine Bühne im Dämmerlicht, auf der ich mich mutiger und sicherer bewegte als im "echten" Leben. Und ich wurde begleitet von einem warmen, hellen Geschenk, welches Mirjam hiess und mir oft Flügel verlieh.

Doch auch meine Gedanken sind ruhiger geworden, langsamer, vielleicht auch, weil sich viel von meiner Energie an gestalterische Prozesse in und für den Unterricht bindet, in den Kontakt zu den Kindern fliesst, sich im Austausch mit den Heil- und Sozialpädagoginnen, die mit im Unterricht arbeiten, erschöpfen. 

Und trotzdem sehne ich mich manchmal nach dem Spielplatz mit dem Wind, und es fühlt sich gar nicht danach an, dass ich ihn schliessen, hinter mir lassen, loslassen sollte.

Ich danke den paar Handvoll Menschen, welche noch immer vorbei schauen, ein paar Pusteblumenfallschirmchen zu sich herüberwehen lassen, vielleicht, und zum Teil auch hin und wieder eines zurück schicken.

Und ich danke der jungen Kollegin für ihre Frage heute. Ich finde, "ja und nein" passt gut als Antwort, weil da der Wandel drin ist, dem wir uns eh nicht entziehen können.

Hier noch ein Bild von gestern abend. Nach der Sitzung um halb sieben schien es schon dämmrig zu werden. Ich setzte mich noch einmal ans Pult, um meine Sachen zu packen, als ich von da aus völlig überrascht dieses Lichtspiel sah: Die untergehende Sonne fiel genau hinein in das Tal und auf den Hügelzug da oben, während der ganze Rest meiner sichtbaren Welt bereits in Dämmerlicht gehüllt war.



Sonntag, 11. Oktober 2020

11.10.2020

Es ist Herbst geworden. Auch im Klassenzimmer.




Samstag, 10. Oktober 2020

10.10.2020

Wo ist sie denn geblieben, die Zeit, welche zu diesem tollen Datum geführt hat? Ferienzeit, Gartenzeit, Holzzeit. Es liegen gute Tage hinter mir. Sie waren gefüllt von unten bis oben, genauso wie es jetzt meine Holzvorräte sind. Jeder erdenkliche Winkel und Stauraum ist voll von Holz, mehr als sonst. Es war wunderschön dieses Jahr mit der zukünftigen Ofenwärme zu arbeitn. Es war kühl, windig, hie und da hat es etwas geregnet, das Holz hatte kaum Äste, ist vermutlich Stammholz, und liess sich daher problemlos aufschichten. Irgendwie kam es mir vor wie Meditation, dieses stundenlange Hin-und-hergehen, aufheben, tragen, niederlegen, diese verschiedenen Scheitformen, welche gerade soviel Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, dass ich nicht viel anderes denken konnte. 
Anfang der Ferienzeit hatte ich den Entschluss gefasst, dem Energie und Aufmerksamkeit zu schenken, was mich stärkt, was mir gut tut, was mich atmen lässt. Es war in einem jener besonderen Momente, die hie und da im Leben aufleuchten, in denen die Vorhänge wegfallen, die Fragen verstummen, ein stilles Lächeln über allem liegt. 

Möge es euch gut gehen da draussen.