Seiten

Sonntag, 28. Februar 2021

59/365 Koller

Ich weiss nicht, wann es mir in den letzten dreieinhalb Jahren jemals so schwer gefallen ist, mich wieder motiviert und positiv auf den Schulstart einzustellen. Auf einer höheren Ebene könnte dies eine rieisge Chance zur Weiterentwicklung sein. Ich aber fühle nur Müdigkeit, wenn ich daran denke, dass jede Planung am Mittwoch durch neue Massnahmen und in Abhängikeit von diesen Statistiken (wann hat sich eine ganze Menschheit schon mal so intensiv mit Statistik beschäftigt?) wieder zunichte gemacht werden kann. Wer weiss, was mit den Massentests, die in einer Woche beginnen, auf uns zukommt? Und ganz ehrlich, mit Maske in den Wald wandern, Feuer machen, spielen, das ist so anstrengend und freudetötend, dass ich mir überlege, diese Waldtage bis nach der Pandemie einfach zu streichen wie so vieles schon zuvor. 
Wahrscheinlich – nein hoffentlich ist es dann morgen schon gut, wenn die Kinder erst einmal da sind, ihre neuen Zahnlücken zeigen und von den Ferien erzählen. Doch der Weg dorthin führt durch die Nacht.


Samstag, 27. Februar 2021

58/365 Erklärung

Heute muss ich passen. Ich habe den falschen Film geguckt. Davon ist mir etwas im Hals stecken geblieben. Ist vielleicht eine Vollmondgräte.

Freitag, 26. Februar 2021

57/365 Traum und Albtraum

Es ist ganz selten, dass ich mich an einen Traum erinnern kann. Eigentlich müsste ich sagen, ich träume nie, aber ich weiss, dass das nicht stimmt. Letzte Nacht war das anders: Eine wundervolle, heilsamste Begegnung, aus der ich am liebsten nicht mehr aufgewacht wäre. Kennst du solche Träume, die von einer Intensität sind, dass du nicht glauben kannst, dass das "nur ein Traum" war?
Und jetzt stehe ich vor einem Begegnungsanlass, der mir richtig Sorgen macht. Wir feiern den Geburtstag der Tochter nach, und ausser dem einen Bruder kommen alle, auch der Vater. In mir ist Groll, weil es so selbstverstndlich ist, dass ich das alles mache, aber ich kann es nicht kommunizieren, sondern mache. Ein uraltes Muster, welches einem wohl nur die Familie so schmerzhaft deutlich spiegeln kann. Es soll ein schöner Abend werden, einer, der das Geburtstagkind feiert und würdigt, aber das bedingt, dass ich nichts Falsches sage, was zur Zeit aus Sicht der Teenies kaum möglich ist. Wie soll ich auch etwas Richtiges (und damit meinen die sensiblen Jungen wohl eher die Energie als den Inhalt) sagen, wenn ich mich so fühle wie grad im Moment? 
Und heute werden sie Rückendeckung haben von der andern Elternseite. Ich spüre Fluchttendenzen und wünschte mich zurück in den Traum von letzter Nacht.

PS: War ganz ok, eigentlich sogar überraschend friedlich – und gut, dass ich meine Angst vorher "ausgesprochen" habe.

Donnerstag, 25. Februar 2021

56/365 Kraft

Der beeindruckendste Moment heute?

Auf dem Schulweg komme ich zur Zeit an einer Abrissbaustelle vorbei, und weil ja Schulferien sind, habe ich Zeit, da einfach stehen zu beiben und zu staunen. 

Anfang Woche wurden Wurzelstöcke aus dem alten Garten gehoben. Die Maschine packte sie ganz präzise und zog sie aus der Erde, als wären es junge Pflänzchen. Meterhoch türmten sich da am Abend Wurzelballen wie erdiges Geäst. 

Heute nun stand ein Arbeiter (mit Maske) im abgedeckten Zimmer des Obergeschosses und fütterte die Baggergreifhand mit gelbem, zerfetztem Isolationsmaterial. Dabei kamen sich die beiden so nahe, dass man das Vertrauen der beiden Menschen (jenem im Haus und dem unsichtbaren in der Führerkabine) richtig sehen konnte. Nach ein paar Minuten begannen sie, das Dachgebälk vom Haus zu lösen. Mühelos packte die Maschine drei Balken samt Querverstrebungen und liess sie nach einer halben Drehung um sich selbst auf den entsprechenden Sammelplatz fallen. Der Kollege im Haus schleuderte herunterhängende Holzstücke von Hand hinterher. 

Ich kann soooo gut nachvollziehen, dass es ein Kindertraum ist, mit einem solchen Bagger zu spielen arbeiten.

Mittwoch, 24. Februar 2021

55/365 gegen alle Regeln

Eine Kollegin von mir lebt in Deutschland und pendelt viermal die Woche. Wir haben heute die Mittagspause zusammen auf der Dachterasse des Schulhauses verbracht und haben darüber sinniert, warum die Menschen in Deutschland offenbar viel disziplinierter aber auch besorgter mit der ganzen Pandemiesituation und den Einschränkungen umgehen. Wir haben keine Antwort gefunden. Ich frage mich aber schon, ob sich der Freiheitsdrang in die "Gesellschaftsgenetik" einschreiben kann. 
Als ich gegen Abend nach hause ging, spielte eine Gruppe von etwa acht Oberstufenjungs Basketball auf dem Schulhof, oben ohne und ohne Maske. Am 24. Februar!

Dienstag, 23. Februar 2021

54/365 Wunder

Ich weiss nicht, ob ich je davon geschrieben hatte: Die Tochter, welche letzten Sommer Corona-Matur (Abitur) gemacht hat, hat schon im ersten Lockdown als Velokurierin gearbeitet. Sie war nicht im Dienst, aber auf dem Fahrrad, als im Juni eine Fussgängerin am Handy ihr vor das Rad lief. Einen Tag später liess sie die schmerzhafte Hand röntgen und kam mit der Diagnose: Nur etwas gezerrt, gibt sich von alleine, nach hause. Im September, als es immer noch schmerzte, schickte ich sie wieder zum Arzt. Ab Anfang Oktober hatte sie dann einen Gips, zuerst bis zur Operation Anfang November, in der mit einem Stück Oberschenkelknochen der zerbrochene Handgelenkknochen geflickt wurde, und danach einen bis Anfang Jahr, wo dann beim Röntgen klar wurde, dass der Heilungsprozess nicht weit genug ist, worauf die Hand wieder in Gips gelegt wurde. Bis vor einer Woche. Fast fünf Monate lang hat dieses Handgelenk also keine Bewegung gemacht und kann es jetzt nicht mehr. Da ist einfach keine Kraft mehr da.

Und jetzt kommt das Wunder: Die Tochter ist voller Zuversicht, dass das wieder kommt, kreiert aus pinkfarbener Therapieknete witzige Figuren, versucht Klavier zu spielen, kneift sich immer wieder, weil sich das so gut anfühlt nach so langer Berührungsabstinenz. Immer wieder testet sie die zurückgebildeten Muskeln und ist dabei voll positiv - und ansteckend!

Montag, 22. Februar 2021

53/365 siebzehn

Immer häufiger gratuliere ich meinen Kindern indirekt zum Geburtstag. Und statt in der Küche und am Gästetisch sitze ich vor den Bildern und wundere mich.

Die Geburt der Zweitjüngsten war dramatisch und es gibt kaum Bilder von den ersten Tagen. Sie lag mit ihren 4560g Startgewicht auf der Intensivstation zwischen 700g schweren Frühgeburten, unsere Zweisamkeit spielte sich vorerst nur zwischen sterilen Trennwänden ab. 

Am 5. Tag konnte sie ins Wärmebettchen umziehen. Da habe ich dann zum ersten Mal die Kamera mitgebracht.

Vier Jahre später war ihr einziger Geburtstag als grosse Schwester. Sie war so glücklich.

Heute habe ich sie nicht gesehen, auch nicht auf einem Bild. Sie verbringt ein paar Tage bei Sommertemperaturen im Schnee.

(Am 22.2.22 wird sie dann volljährig!)

Sonntag, 21. Februar 2021

52/365 Gasttag

Ein Siebtel des Jahres ist bereits vorbei.

Ich habe diesen Tag dazu genutzt, den traurigen Rekord von Nichtbesuchen zu beenden, bin nach Zürich gereist und habe beide Söhne besucht, die dort wohnen. So durfte ich heute gleich zweimal Gast sein und habe in der einen Wohnung einen Platz bekommen in der Besuchergalerie. 

 
Der Ältere hat mich hineinblicken lassen in den Alltag eines Anwaltpraktikanten, der sich gleichzeitig auf die erste Unterrichtstätigkeit an der Uni vorbereitet. Der Jüngere hat mich auf dem Rückweg zum Bahnhof durch den Kreis geführt, in welchem er nun lebt, hat mir gezeigt, wie er schaut auf Architektur, Lichtspiel, Strassengeflecht, Begegnungsorte. 

Ich bringe viel nach hause, dem ich nachspüren und über das ich nachdenken kann. Vor allem aber bin ich dankbar, dass beide ihren Weg gestalten auf unterschiedlichste aber sehr autentische Weise.

Samstag, 20. Februar 2021

51/365 aufgefallen

Während der vergangenen Tage habe ich ein Haus gehütet, Pflanzen, Post und so. Dabei habe ich realisiert, dass ich seit Beginn der Pandemie keinen einzige Privathaushalt mehr betreten habe ausser meinen eigenen.

Freitag, 19. Februar 2021

50/365 gefallen

Das ist oder war mein Küchenfensterblick-Wald. Ja, ich habe mir Sorgen gemacht um diesen Wald, lange schon und oft. Viele Bäume haben extrem gelitten unter den heissen und trockenen Sommern, hatten letzten Sommer kahle, tote Kronen, verboten es, bei Sturm und Schnee in den Wald zu gehen. Aber dass die Förster so radikal entscheiden würden, das hätte ich nie gedacht. 50, 70, vielleicht auch mehr als hundert Buchen sind in den vergangenen Wochen gefällt worden, und jedes Mal, wenn wieder ein Stamm zu Boden krachte, war ein Beben und Zittern bis hierher zu spüren. Dazu kam das nie endende Gejammer und Gedröhne der Kettensägen.
Heute war ich oben am Weg und blickte schaudernd auf das Schlachtfeld. Da ist eine riesige Trauer in mir, ein Erschrecken und das nicht erklärbare Gefühl, dass das so nicht richtig ist. 
Ob der Kern dieses uralten Stammes von der Trockenheit erzählt? Ich weiss es nicht.

Donnerstag, 18. Februar 2021

49/365

Das war mir damals nicht bewusst, dass es der 7 mal 7. Tag des Jahres war, als wir unser siebtes Kind zu Grabe getragen haben. (Welch versöhnliche Wirkung Zahlenspiele immer wieder haben!) Heute habe ich Efeu geschnitten, verwelktes Laub entfernt und daran gedacht, wie unendlich viele Stunden ich hier einst zu allen Tages- und Nachtzeiten verbracht habe. Ich möchte es wieder etwas öfter tun.


PS: Dass die Zeit der Veröffentlichung dieses Posts auch aus Siebnerzahlen besteht, ist reiner Zufall, ich schwörs!

Mittwoch, 17. Februar 2021

48/365 Überglück

Nie, wirklich nie hätte ich mir das zugetraut. Sie waren die einzigen Insekten, die ich liebte, die auf meinen Händen krabbeln durften, mit denen ich gespielt habe, die mir Glücksboten sein durften. Ich hütete sie, wenn sie einmal zu Gast waren, wie einen Schatz, verrenkte meine Hand sanft und geschickt, damit der Abflugmoment nicht eintreffen sollte. Ich malte sie, bastelte sie aus Käseschachteln, kaufte sie in Schokoladeform, verschenkte sie, ich habe sie sogar in Mengen bestellt, als sie es auf eine Briefmarke schafften.

Und dann hocken sie plötzlich zu Hunderten und vielleicht Tausenden in den Fensterritzen, plumsen häufchenweise zu Boden, wenn ich das Fenster zum Lüften öffne, krabbeln Vorhänge hinauf und Kabel hinunter. Ich sammle sie in Becher, trage sie hinaus auf die andere Strassenseite, lasse sie dort ins Gras gleiten, riskiere, dass es für sie zu kalt ist da draussen.

Aber ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages mit dem Staubsauger anrücken und mich schaudernd von diesem Übermass an Glück befreien würde.

Tut mir leid.

Dienstag, 16. Februar 2021

47/365 Kreisläufe

Heute kam ich wieder am Friedhof vorbei. Seitdem ich fast Vollzeit arbeite, kommt das nur noch selten vor. Am Sonntag lag eine dicke, weisse Decke über allem. Es sah so kuschelig, still ud freidlich aus. Heute nun konnte man der Schneedecke fast zuschauen, wie sie sich in den Boden zurück zog. Und am Grab streckten lauter Früblüher ihre grünen Spitzen aus den Schneeresten. Eine gelbe Krokusblüte lachte dem Winter hinterher, und an einer Stelle, wo ich es gar nicht erwartet hätte, wartet eine ganze Schneeglöckchenfamilie auf die Wärme der kommenden Tage. 
 
Ich ging auch am Haus vorbei, in dem Mirjam damals in ihrem stillen Bettchen lag. Erinnerungen mischten sich in die laue Tauwetterluft. Heute vor 12 Jahren war ein sehr besonderer Abend. (Wenn ich das lese, wirkt es sehr weit weg, aber etwas vom Wunder dieses Abends ist in mir geblieben, ist Teil von mir geworden.)

Montag, 15. Februar 2021

46/365 Top

Die Geschichte vom Blumenstrauss ist noch nicht zu Ende erzählt.

Ich hatte eine Mail geschrieben: "Teure Enttäuschung". Am Dienstag kriegte ich einen Anruf. Ich schilderte genau, was ich wusste, mit wurden genaue Abklärungen versprochen. Ob ich denn allenfalls wünsche, dass man meiner Tochter noch einmal Blumen zustelle, fragte die freundliche Dame. Mir wäre es lieber, sie könnte einen kleinen Strauss direkt im Geschäft abholen, antwortete ich und legte erstaunt auf. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Am Donnerstagmorgen erhielt ich die Nachricht: "Auf Umwegen hat dein wunderschöner Strass nun doch noch den Weg zu mir gefunden..." Er war vor die falsche Haustüre gelegt worden, eine Anwohnerin hatte ihn zu sich genommen und versucht, die Adressatin zu finden. Da jedoch weder Briefkasten noch Klingel berschriftet waren, schrieb sie einen Brief, brachte ihn zur Post und der fand dann den Weg - und meine Tochter schliesslich den Strauss.

Also doch eine schöne Geschichte, und zur Verdeidigung des Boten sei noch erwähnt, dass der Hauseingang versteckt in einem Seitengässchen sich befindet und nicht direkt an der genannten Strasse. Dort ist bloss eine Ladenentüre.



Sonntag, 14. Februar 2021

45/365 ...

Alles war ok. Sonntag, Sonnenschein, eisige Kälte, knirschender Schnee, gute Weitsicht, wunderschöne Winterbilder, unzählige lachende Menschen auf den Hängen...

Doch da ist Traurigkeit. Sie ist für mich vielleicht ein Leben lang in diesen Tagen zuhause, in meinem Herzen, an diesen ganz besonderen Orten,

auf dem Weg zum Grab
am Himmel.

(Dies ist der 1000. Post im Windworteblog. Danke.)

Samstag, 13. Februar 2021

44/365 Vorabend

Es war auch bitterkalt und es wehte auch diese stechende Bise. Ich spazierte mit meiner Goldstückfreundin durch den nächtlichen Spitalpark. Da war so etwas wie Zuversicht, eine Ahnung vom Wissen, dass alles seine Richtigkeit hat so wie es ist. Es lag ein Tag hinter mir erfüllt von vielen Begegnungen, die von einer Tiefe und Echtheit waren, wie es im Alltag kaum möglich ist. Die Rettungsringe waren ausgelegt. 
Schwer zu sagen, was ich empfinde, wenn ich diese Erinnerung spüre, wie sie mich einhüllt und durchströmt. Da ist ein Gewicht in mir, welches in die Tiefe zieht, wie Wurzeln in die Tiefe gezogen werden, hinein wachsen in die Erdschichten, die sie nähren. Und gleichzeitig wird etwas frei und licht. 
 
Gelöschte Schlusssätze streifen mit ihren Schmetterlingsflügeln meine Wange und hinterlassen ein Lächeln im Gesicht.

Freitag, 12. Februar 2021

43/365 Auftakt


 
Etwa so habe ich das Schulzimmer heute verlassen. Der Putzplan des Hauswartdienstes diktiert meine Ferien. Zwangspause in der ersten Woche, dafür werde ich in der zweiten ab Dienstag durcharbeiten müssen. Bis das nur alles wieder eingeräumt ist! Ich bin selten glücklich, wenn die Ferien beginnen. Ich weiss dann immer, dass ich dem Arbeitsberg hier zu Hause nicht mehr ausweichen kann, obwohl "Fass ohne Boden" es wohl besser ausdrückt. 
In meiner aktuellen Weiterbildung arbeiten wir (auch) zum Thema Wahlfreiheit und Kraft der Entscheidung. Es geht darum, dass ich – trotz all den aktuellen Einschränkungen – immer wieder eine Wahl habe und dass in der Entscheidung für eine Wahl ein grosses Potential liegt. 
Wir üben das in ganz kleinen Sequenzen: Ich entscheide mich zum Beispiel, mich eine Minute lang auf den Atem zu konzentrieren und kehre von jeder Ablenkung Kraft dieser Entscheidung zum Atem zurück.
Nun geht es darum, die Entscheidung für meine erste Fereinwoche zu treffen. Putze und räume ich in den ganzen Widerstand hinein und reguliere mich mit Seufzen und Selbstmitleid? Oder kann ich mich zu einer Entscheidung motivieren, die Kraft schenkt und vielleicht sowas wie Gelasseheit oder Freude? Darf die Entscheidung auch heissen: Nichts tun und einfach gut zu mir sein?
Ich gebe mir das Wochenende für diesen Prozess.

Donnerstag, 11. Februar 2021

42/365 einmal mehr

... kein Bild, keine Geschichte, bloss ein Gefühl auf der Haut, eines, das ich liebe: Die beissende Kälte im Gesicht, wenn alles andere warm eingepackt ist. Der Moment, wenn ich am Abend aus dem Tram steige und endlich die Maske vom Gesicht nehmen darf, diese Frische und Freiheit! Und dann der gefrorene Schnee unter den nackten Füssen, wenn ich im Schein der Taschenlampe den Kompost in die hinterste Ecke des Gartens bringe.

Mittwoch, 10. Februar 2021

41/365 Tradition

Wenn ich etwas nicht bin, dann Fasnächtlerin. Ich bin eine totale Nichtfasnächtlerin, weil ich als 9-Jährige mich als Prinzessin auf einem Kinderball schrecklich gelangweilt habe (vermutlich weil ich eh schon von Natur aus kein Fasnachtsgen habe) und schliesslich von einem Igel mit Stimmbruch sosehr erschreckt worden bin, dass ich panisch die Flucht ergriffen habe. 

Als an der Onlinekonferenz Anfang Jahr mitgeteilt wurde, dass alle Schulfasnachtsveranstaltungen abgesagt sind, habe ich laut gejuchzt und später erfahren, dass mein Mikro an war. (Wenn ich nächstes Mal gefragt werde nach einem Moment, in dem ich am liebsten im Boden versunken wäre, dann werde ich einen wissen.)

Nun ist sie da, die Nicht-Zeit. Im Dorf werden keine lärmenden Kinder mit ihren Kesseln und Tröten um 5 Uhr früh durch die Strasse ziehen. Am Nachmittag ist Nicht-Unzug. In den Trams werden Nicht-Konfetti für bunte Pflotschböden sorgen. Der Faktor Null wird erlebbar sein wie kaum je zuvor, und jetzt, wo mein innerer Widerstand wegbricht, erlebe ich erstaunt, dass mir doch etwas fehlt.

Das Fasnachtsabzeichen, welches der Dorfverein trotzdem hergestellt und verkauft hat, um das Loch in der Vereinskasse etwas zu stopfen, besteht aus einer WC-Papierrolle aus Stoff. Ich versuchte der Klasse den Zusammenhang mit den Hamsterkäufen vor einem Jahr zu erklären. So vage erinnerten sich einige, dass früher, als sie noch im Kindergarten waren, einmal alle über WC-Papier gesprochen hatten. Aber das ist sooo lange her. "Da hatte ich noch nicht mal einen Zahn verloren, und jetzt schon sechs?" 

Ein Mädchen darf zu Hause Fasnacht feiern. "Wir werden uns alle verkleiden, Papi und Mami auch, und dann im Haus mit Konfetti herumschmeissen!" So werden wohl Fasnächtlerinnen geboren.


Dienstag, 9. Februar 2021

40/365 und immer wieder

Egal wieviele Prozesse ich durchlaufe, wie lebendig ich das Geschehen vor zwälf Jahren integriere, wie versöhnt ich daran denken kann: Wenn der 9. Februar da ist, beginnt ein Rad sich zu drehen, welches Jahr für Jahr aus der Zeit fällt und in den Fokus rückt, wie verletzlich das Leben ist, wie ein Augenblick, ein Tag das ganze Leben bis auf die Grundmauern erschüttern kann. 

Viele Jahre lang habe ich erzählt: Stellt euch vor, 2009 hatte es Schnee, es war kalt und ihr seit den ganzen Nachmittag geschlittelt. Es war immer so unvorstellbar, weil es Jahr für Jahr lau und frühlingshaft oder regnerisch war. Dieses Jahr hat es wieder Schnee. nicht viel, aber es ist ist kalt genug, dass er noch einmal liegen bleibt. Ich werde mich gegen den Film nicht wehren, der die kommenden Tage und Stunden ablaufen wird, aber ich werde ihm nicht aktiv Gewicht und Aufmerksamkeit geben. 

Mirjam ist da, immer, hell, liebevoll, als vertrauter Teil meines Lebens, als Farbe, als Energie. Dafür bin ich unendlich dankbar.

09.02.09, 22:53



Montag, 8. Februar 2021

39/365 ❄️

Tanzende Flocken den ganzen Tag lang, ohne dass sie sitzen geblieben wären, aber immer diese heitere, leichte Bewegung vor dem Fenster.

Das würde ich wohl nennen, wenn jemand fragen würde, was mich heute am meisten beflüget hat. Und frag nicht, was die Flügel beschnitten hat. Bleiben wir beim Flockentanz.

Sonntag, 7. Februar 2021

38/365 Fleurflop

Gestern ist die älteste Tochter umgezogen: aus dem WG-Zimmer in ihre erste winzig kleine Wohnung. Zur Feier dieses besonderen Momentes habe ich ihr einen Blumenstrauss bestellt, einen richtig schönen Frühlingsstrauss. Als er geliefert wurde, war sie nicht da. Sie wurde angerufen und bat, die Blumen mögen vor die Wohnungstüre gelegt werden. Kurz darauf bekam ich eine Zustell-Bestätigungsmail mit dem Vermerk, die Blumen seien sorgfältig verpackt vor die Wohnungstür gelegt worden, weil Frau Windtochter nicht da war. 

Leider waren dann die Blumen nicht mehr da, als sie kam. 

Wer macht sowas? Freut sich jetzt wenigstens jemand über diesen Strauss? Hat sich jemand berühren lassen durch die persönliche Karte? 

Eigentlich hätte es eine Überraschung werden sollen, doch schliesslich hat diese Geschichte ihren besonderen Tag getrübt. Ich konnte mich lange nicht befreien von meinem Ärger und Frust. 

Vielleicht sollte ich mir eine schöne Geschichte ausdenken, in welcher die Blumen einen völlig anderen aber mindestens genauso wertvollen Platz bekommen haben.

Samstag, 6. Februar 2021

37/365 Staublicht

Meine Kamera ist in der Schule, die Handykamera stellt nicht mehr scharf, aber ich muss das teilen. Es ist so verrückt im  Moment. Das Licht, welches durch den dicken Nebel dringt, ist heute rot wie in der schönsten Dämmerstunde. Ich habe das so noch nie erlebt. Ich fühle mich wie damals, als ich zum ersten Mal das Meer sah oder an der Quelle des Rheins stand, oder als ich als Kind zum ersten Mal eine Sonnenbrille aufsetzte. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, es brenne irgendwo und wäre wohl weniger entspannt.
Der Grund liegt jedoch in einer hohen Südströmung, welche Saharastaub bringt und sich wie ein Filter vor das Sonnelicht legt, so habe ich es zumindest verstanden.
Wüstenlicht also, mitten an einem nebligen Februartag. "Es ist, als würde die Ferne zu uns reisen, statt dass wir in die Ferne reisen", meinte die Tochter vorhin.


Vielleicht kann ich später ein besseres Bild nachliefern.

Freitag, 5. Februar 2021

36/365 irgendwie

... fühle ich mich ziemlich aufgenzufällig. "Genau richtig", meint das Wochenende. Das muss es ja wissen.

Donnerstag, 4. Februar 2021

35/365 der zweite Erste am Vierten

Wieder früher Morgen, gleiche Zeit, gleicher Ort, die Türen des Trams öffnen sich alle gleichzeitig. Und da ist er, der helle Flötenton, mutiger schon als gestern und so klar und zweifelsfrei echt, dass er auf mein Gesicht ein Grinsen zaubert, welches zum Glück gut versteckt ist. (Man lacht ja heutzutage nicht mehr öffentlich, zumindest sieht man niemanden lachen.)

Gleichzeitig kommt eine Erinnerung durch die offene Türe geweht.

Es war der 4.2. vor 19 Jahren, als ich nach dem Mittagessen die Fenster öffnete um zu lüften. Und da hörte ich ihn auch, den Amselmann, der mit seinem Gesang dem Winter alle Schärfe zu nehmen vermag. Ich lehnte mich etwas hinaus um herauszufinden, ob ich den Sänger auch sehen könne. In dem Moment überrollte mich die erste Wehe. 

Die Letzte schenkte uns um 22:44 den dritten Sohn ins Leben.

Mittwoch, 3. Februar 2021

34/365 Heute

Man weiss ja heute oft nicht, ob ein Ton echt ist oder ob bloss ein Handyklingelton ertönt. So ging es mir heute mit dem ersten Amsellied des Jahres, und das finde ich eine ziemlich traurige Geschichte, weil es ihr den Zauber nahm. Ich sass im Tram kurz nach sieben, und seit dieser neuen Zeit öffnen an jeder Station alle Türen, ohne dass man danach verlangt. Und da war es, das zaghafte Lied, das mein ganzes Wesen mit all seiner Sehnsucht nach neuem Leben zum Klingen brachte, dieses ungeübte Aufjauchzen noch in der Dunkelheit.

Und gleichzeitig schob sich ein Misstrauen zwischen mich und dieses Klingen, der leise Schreck, ich könnte mein Sehnen einer Kopie, einer Fälschung geschenkt haben, einem simplen elektronischen Signal.

Als die Türen sich wieder schlossen, verstummte das Lied. Ich werde nie wissen, was mich da tatsächlich in Februarstimmung versetzt hat.

Dieses Jahr ist vielleicht eben das zweite dann das erste.

Dienstag, 2. Februar 2021

33/365 Umweg

Ich habe mich verlaufen. Ich weiss nicht, wann mir das zum letzten Mal passiert ist. Weil ich sehr dringend von A nach B musste, hatte ich auch keine Zeit herauszufinden, warum meine App mir nicht helfen wollte. Daher zog ich nach Bauchgefühl durch das Quartier, fragte hie und da nach dem Weg, wurde jedoch nie verstanden, weil ich die falsche Sprache sprach. Zuletzt rief ich eine ältere Frau, die mit ihrem weissen Hündchen das Strässchen überqueren wollte zurück auf meine Strassenseite.

"Können Sie mir sagen, wo B ist?" fragte ich. "Oh, da sind sie ganz falsch." Rief sie mitleidig und deutete vage in eine Richtung. 

Drei Minuten später stand ich vor der Türe in B. und spürte, wie gut es mir getan hat zu gehen, zu schauen und nichts anderes zu tun, als zu vertrauen, dass jeder Weg mich irgendwann ans Ziel bringt. Das Kopfkino und Gedankengeschnatter, welches ich seit Tagen und Nächten kaum zur Ruhe zu bringen vermag, war einfach verstummt.



Montag, 1. Februar 2021

32/365

Hm. Als ich sie so sah heute aus dem dritten Stockwerk unten an der Strasse stehen in ihrer unendlich grossen Hilflosigkeit und Unselbständigkeit, die kleine Schülerin, die mir schon sooo viel Kopfzerbrechen und Bauchweh bereitet hat, als ich sie warten sah da unten im Regen in der Meinung, ihre Mutter würde sie abholen und nicht verstanden hatte, dass dies erst eine Woche später geplant ist, da veränderte sich etwas in mir. Plötzlich sah ich nicht mehr all die Schwierigkeiten, die sich wie sperrige Perlen auf die Alltagsschnur reihen, sondern ich sah und hörte einen stummen Hilfeschrei mitten heraus aus der Einzigartigkeit eines Lebens, das den Weg ins Leben noch nicht gefunden hat. 
Das verändert alles.