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Donnerstag, 30. April 2020

Wer A sagte, ....

... wollte eigentlich nicht B sagen.

Heute 14 Uhr: Erster Termin in der Kanzlei. Was heisst "Einverständnis"? Gleichgewicht im Verstehen?
Oder ein Gleichgewicht von Argumenten, damit die Finanzen am Schluss im Gleichgewicht sind?

Montag, 27. April 2020

Wer A sagt, ....

... 

Hier könnte ich nun sarkastisch, zynisch, wütend, traurig oder resigniert ergänzen.

Ich habe nicht geahnt, dass auf einer Negativ-Motivationsskala die Steuererklärung zu toppen wäre.
"Unterlagen zur Regelung der Scheidungsnebenfolgen" zusammenstellen. Dein Wunsch sei mir Befehl, bis dass das Gericht uns scheide.
So beende ich das achte Jahrsiebt also mit einer zukunftsweisenden Tat. Vielleicht brauche ich erst noch etwas Schokolade...

später
Meine Schokolade


später
Noch eine zweite Portion (Der im roten Hemd ist der Sänger von oben.) Achtung: ohne Social Distancing


noch später
Dass jetzt mitten in diese Parade der Zahlen und Belege hinein der Regen zu tanzen beginnt...

spät – fertig!

Samstag, 25. April 2020

Wer A sagt, ...

.... gähnt eventuell bloss.
Die Müdigkeit wird grösser, erschöpfender. Ich habe keine Kraft, auf die positiven Gedankenzüge aufzuspringen. Denen schaue ich nur mit Wehmut nach und schleppe mich weiter über die staubtrockene Erde, organisiere papierene Wege, wie Lernziele erreicht werden könnten und erreiche nichts. Hunderte von bunten Fäden hängen im Nichts und ich kann nicht sehen, wer anknüpft, ahne nur, wie manche es gar nicht vermögen. Ich höre von Eltern-Kind-Situationen, die durch die Doppelbelastung eskalieren, Kinder, die sich mit heftigen Symptomen wehren gegen diese Vermischung von Zuhause und Schule. Sie können nicht mehr nach hause kommen und die Schule hinter sich lassen. Aber sie können auch nicht in die Schule kommen und Abstand zu den Spannungen zu hause bekommen. (Nein, es sind icht alle. Aber es sind sechs zuviel.)
Zudem soll ich kommende Woche wieder ein Jahr älter werden. Am liebsten würde ich den Tag überspringen. Seit Wochen habe ich nur einen einzigen Wunsch: Regen. Ein Regengeburtstag, ein Zeichen, dass es Wachstum gibt und Austausch zwischen Himmel und Erde, ein Aufatmen, ein Öffnen der Schleusen, damit die Tränen wieder fliessen können und Samen aufgehen. Ahhhh.......

Donnerstag, 23. April 2020

Wer A sagt, ...

... staunt vielleicht einfach.

Die Türe geht auf. Die Tochter stürzt herein und bleibt mit offenem Mund stehen. "Alle Bücher vergeblich gekauft. Die mündliche Matur ist abgesagt." Sie wühlt in der Sockenkiste, als suche sie nach etwas, was hilft zu begreifen. Dann dreht sie sich nochmal um. "Ich habe jetzt gleich den allerletzten Englischtest meines Lebens!", und mit einer Art Schrei, der etwas stockend noch die aufkeimende Begeisterung ausdrückt, verlässt sie barfuss das Zimmer.

Dienstag, 21. April 2020

Wer A sagt, ...

fragt heute nach B.

A: Morgenrätsel:
Erst war es grün, dann goldbraun, später dunkelbraun, dann helltürkis mit braunen Flecken, und heute ist es gelb.

B: Mittagslösung:
Das Feld hinter unserer Turnhalle, welches wir ein Jahr lang jeden Monat besucht und beobachtet haben.
April 19
Juli 19
September 19
Januar 20 
April 20

Montag, 20. April 2020

Wer A sagt, ...

... hofft, dass auch A verstanden wird.

Stunden habe ich in den letzten beiden Wochen damit verbracht, Arbeitsaufträge zu formulieren.
Sie sollten nicht zu lange sein, denn was mehr als 4 Zeilen hat, wird von 30% der Eltern und SchülerInnen nicht gelesen. (Erfahrungswert der ersten drei Homeschooling-Wochen) Sie sollten nur das Wesentliche enthalten. Sie sollten klar und verständlich sein. Sie sollten zielorientiert formuliert sein und möglichst starke innere Bilder hervorrufen. Ich habe versucht, eigene Materialien zu kreieren, damit ich auch mit Farben arbeiten kann. Ich habe mich über die Weisung der Schule hinweggesetzt und Farbkopien erstellt, damit auch die, welche nur rot lesen können, der Spur folgen können. Ich habe versucht, Material vorzubereiten, welches die Kinder in die Hand nehmen können, etwas herstellen können, um nicht nur vor abstrakten Tabellen zu sitzen, ich habe ein Quiz erstellt, bei dem sie sich als Detektive fühlen können und nicht merken, dass sie Lesen üben. Am Samstag bin ich 4 Stunden durchs Dorf gewandert, um all dieses Material zu den Kindern nach Hause zu bringen.
Ich habe das alles gerne gemacht. Es war eine Herausforderung, ein Hineindenken in die Situation der Familien oder zumindest ein Versuch in diese Richtung. 

Und dann heute... 

Soll ich die Haare raufen? Soll ich schreien? Soll ich verzweifeln? Soll ich den Beruf wechseln? Soll es mir egal sein? "FrauWind. Ich verstehe das auf Seite 2 nicht." – FrauWind verweist auf den ersten Satz auf der ersten Seite. – "Aha, das habe ich gar nicht gelesen. Danke!" Noch und noch und noch. Nichts, was gefragt wurde, wäre nicht nachzulesen gewesen. In einfacher Sprache. In kurzen Sätzen. Wichtige Wörter rot hervorgehoben. Und keines dieser Kinder arbeitet alleine.

Ich glaube, da wächst eine Generation heran, die es sosehr gewohnt ist, dass jede Handlung sofort durch ein Geräusch quitiert wird, dass sofort(!) gewarnt wird, wenn ein anderer Weg als der vorgegebene eingeschlagen wird, dass jeder kleine Erfolg mit einem "Super, genial, weiter so!" gelobt wird, dass Aufträge, die zwar geschrieben sind, auch gleich vorgelesen werden, – sosehr, dass die eigene innere Bildgebung und Beweglichkeit verkümmert und verloren geht, ganz abgesehen davon, dass diese Kinder manipulierbar gemacht werden. Da wage ich nicht weiter zu denken....

Freitag, 17. April 2020

Wer A sagt, ....

... hat vielleicht längst B gesagt, und erinnert sich doch immer wieder dankbar, hell und warm an dieses A, an den Anfang einer bewegten, intensiven, liebevollen Geschichte.
Liebe Mirjam, heute würdest du ein Teenie. Das ist jetzt unwesentlich, aber es ist noch ein Hauch von Form. 
Heute umarme ich dich so, wie ich es verinnerlicht habe. Und ich freue mich auf diesen Tag, in dem die Nähe Raum haben darf, dieses Licht, das mich bis an die Grenzen und darüber hinaus erfüllt, wenn ich mich ganz einlasse – und es zulasse. 
Dieses Geschenk möchte ich dir heute machen, auch wenn es nicht auf der Hand liegt. 

Mittwoch, 15. April 2020

Wer A sagt, ...

... hätte vielleicht lieber geschwiegen.

Seit dieser Ostermorgennachricht ist es schwer geblieben. Es gelingt mir nicht mehr, meiner leichten, kleinen Welt den Zauber zu entlocken. Das ewig gleissende Sonnenlicht und die ausgetrocknete, durstige Erde ersticken zusätzlich den Tanz der Gedanken, und eine Schwalbe habe ich auch noch nicht gesehen.

Sonntag, 12. April 2020

Wer A sagt, ...

... hätte Verantwortung.

Ich weiss, es ist Ostern. Trotzdem – oder deswegen – kommt heute diese Nachricht in mein Blickfeld und erschüttert mich wie kaum eine Coronanachricht der letzten zwei Monate. Vielleicht kann ich später noch ein Heileweltostereierbild dazu setzen. Im Moment spür ich nur Ohnmacht und Wut.

Modeketten streichen Aufträge in Asien

Angesichts von Umsatzeinbrüchen in der Corona-Krise stornieren internationale Einzelhandelsunternehmen ihre Aufträge bei Zulieferern. Hunderttausende Fabrikarbeiter in Asien sind damit nach Angaben der Organisation Human Rights Watch (HRW) existenziell bedroht. Betroffen sind vor allem Näherinnen, die die Kleidung für Modeketten wie C&A oder H&M fertigen.
«Arbeiter haben ihre März-Löhne noch in vielen Fällen bekommen, aber ich denke, im April wird es ein völliges Chaos geben», sagte die HRW-Rechtsberaterin Aruna Kashyap. Viele Unternehmen hätten sogar die Order für bereits fertige Waren gestrichen. Für Arbeiter etwa in Kambodscha, Myanmar und Bangladesch bedeute das, dass sie für geleistete Arbeit keinen Lohn bekämen. Nach Worten von Kashyap nutzten die Firmen die unfairen Einkaufspraktiken aus, um sich vor Verlusten zu schützen - auf Kosten der Arbeiter.

Freitag, 10. April 2020

Wer A sagt, ...

... meint manchmal Wörter, die man nicht sagt.

Heute ist nicht unser Tag. Die Nerven einzelner liegen aus welchen Gründen auch immer blank, und das scheint ansteckend zu sein. Fass mich nicht an! Sprich mich nicht an! Schau mich nicht an! Es wäre Zeit, dass die erwachsenen Söhne und Töchter wieder in ihre Selbständigkeit zurückkehren könnten. Der jetztige Zustand hat etwas nostalgisches, aber natürlich ist er nicht, auf Dauer schon gar nicht. Natürlich ist, dass ich in meiner Rolle und in meinem Sosein zurückbinde, etwas, was ich nicht will und nicht aktiv tue, was aber bei soviel räumlicher Nähe schwer auszuschalten ist. 
Es ist gut für mich zu erleben, wie richtig es sich anfühlt, dass die jungen Menschen weggehen, ihre Wege suchen, hinter sich lassen, woher sie kommen – und dass sie es tun, wenn sie denn können. (Trotz allem mag ich nicht an die ständigen Abschiede denken, die irgendwann wieder zum Alltag gehören...)

Donnerstag, 9. April 2020

Wer A sagt, ...

... kann sprechen.
Die menschliche Fähigkeit, sich anzupassen, fasziniert mich. Jetzt, da die gigantische Maschine zum Stillstand gekommen ist, ein Grossteil der Menschen sich der Situation ergeben hat, füllen sich die kreativen Räume langsam wieder mit Leben. Wie Wasser können wir sein, welches Gefässe ausfüllt, auch wenn das Gefäss nicht die gewünschte Form hat. Wir halten uns Steinen gleich unendlich gerne bei den Formen auf.
Natürlich haben wir auch die Fähigkeit, wachsam zu sein. Auch ein Pulverfass ist ein Gefäss. Aber dieses Gleichgewichtsspiel von Prüfen und Ergeben, von Wachsein und Träumen, berührt den geheimnisvollen Ort, wo der Keimling zum Licht durchdringt. 
Dort sich aufzuhalten, auch jetzt, gerade jetzt, ist eine spannende, intensive Erfahrung von Leben, die in sich vielleicht ein neues Stück Zukunft trägt.

Montag, 6. April 2020

Wer A sagt, ...

... könnte auch A gemeint haben.

Manchmal (oft?) wirkt vieles von dem, was ich im Alltagsreflex sage, aus der Distanz kleinlich und eng – ein gut gepflügtes Übfeld. So auch heute, als wir gemeinsam den Einkauf besprachen. Kategorisch lehnte ich es ab, gefrorene Beeren zu kaufen, ohne mich dafür zu interessieren, warum dieser Luxus heute Sinn machen könnte. Das erfuhr ich erst beim Verlassen des Hauses durch eine Schulterzuckbemerkung, einer Mischung aus Resignation und "selber schuld".
Daher tippte ich im Tram ein "Tut mir leid, was ich wegen der Beeren gesagt habe" in den WG-Chat und starrte ungläubig auf den Text, welcher mir automatisch korrigiert in der Hand lag: "Tut mir leid, was ich wegen der Viren gesagt habe". Vielleicht hatte ich mich vertippt, V statt B, aber dass dieses unsichtbare Kontrollhirn meinen Horizont sosehr einschränkt, machte mich für einen Moment sprachlos.

Samstag, 4. April 2020

Wer A sagt, ...

... darf trotzdem Kompromisse machen. 
Die Empörung bei den direkt Betroffenen war wohl zu gross. Am Montag früh um 4 Uhr wird der eine Zollübergang im Tal wieder geöffnet. Passieren darf, wer sich und seine Einreisegründe klar ausweisen kann. 
Nach dem Einkaufen wartete ich aufs Tram. Da die Fahrpläne stark ausgedünnt worden sind, hatte ich dafür reichlich Zeit. In einigen Metern Entfernung steht eines dieser Gitter mit dem überdimensioniert grossen Fahrverbotsschild drauf. Links und rechts ist die Absperrung ausgedehnt worden durch Drähte, Bänder und andere unmissverständliche, unüberwindbare Barrieren.
Fast im Minutentakt kamen da in ihren neonfarbig leuchtenden Trikots die Hobbysportler auf ihren Fahrrädern gefahren, bremsten irritiert, stiegen vom Rad, und die meisten stellten sich dann mit oder ohne Fahrrad vor die Absperrung und schickten ein Foto in die Welt oder packten es auch einfach in den Erinnerungsrucksack. 
Heute habe ich auf dem Schreibtisch einen neuen Ordner angeleg – vorübergehend.



Wer A sagt, ...

... muss auch pril sagen.
Das wäre eigentlich der Beitrag zum 1. April gewesen und bezog sich auf einen Aprilscherz, der mich fast aus der Bahn geworfen hätte. Nur fast, und die Landung nach der Auflösung war sanft. Doch diese Datenschutzvorsicht liess mich schweigen. Der Apriltitel aber war geboren und sitzt jetzt erwartungsvoll auf dem linken oberen Rand des Computers und lässt grinsend die Beinchen baumeln. Wer A sagt, ....

Freitag, 3. April 2020

Wer A sagt, ...

... muss B meiden.

Es ist eine der seltsamsten Begleiterscheinungen in meiner kleinen Coronawelt, wie hier die Grenzen immer enger geschlossen werden. Waren es erst die Strassen, so treffen meine joggenden WG-MitbewohnerInnen jetzt mitten im Wald auf Gitter und Grenzwächter. Wo man ständig spaziert, wandert und joggt ohne zu wissen, in welchem Land man sich gerade bewegt, ist man plötzlich abgeschnitten und muss umkehren. Etwa so verlaufen hier die Grenzen über die Verkehrsachse. 
Bis heute hielt das Tram auf dem Weg in unser Dorf noch in Frankreich, was den Pendlern mit französischem Wohnsitz immerhin den Arbeitsweg per öV offen hielt. Ab Mitternacht ist die Haltestelle geschlossen. Und an der einzigen offenen Grenze 10 km weiter staut sich der Pendlerverkehr derart, dass der Busbetrieb in jener Gegend ganz eingestellt worden ist. 

Auf einmal richten sich diese Steine ringsum, auf denen die Kinder Hochklettern und Runterspringen geübt hatten und welche ihre alten Geschichten aus dem letzten Jahrhundert erzählten, auf, als würden sie eine Uniform tragen und wichtigtuerisch ihre Hand ausstrecken mit einem Blick, der unmissverständlich klar macht, dass hier unsichtbar aber unter Bestrafungsandrohung ein völlig neues Hoheitsgebiet beginnt.