Was geht wohl in einem siebenjährigen Kind vor, welches nach einer Unterrichtsstunde in der Kleingruppe die Lehrerin umarmt und sagt: "Danke, dass du mit uns gelernt hast." Das Kind hat vor noch nicht ganz zwei Jahren auf einem Boot im Mittelmeer Todesängste ausgestanden, weiss, dass das, was einst sein Zuhause war, jetzt noch eine staubige, graue Ruine ist, erzählt von der Gitarre seiner Mutter, welche es jetzt nicht mehr gibt (das Instrument), und wie sie einst darauf gespielt hat... Wie verwurzelt sich Dankbarkeit?
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Mittwoch, 31. Mai 2017
Montag, 29. Mai 2017
Reisefieberschub
Amsterdam, Südfrankreich, Sardinien, Elba, Korsika, Griechenland, Marakesch, Tschechien, Slovakei, Nizza, Duisburg, diverse Stationen in der Schweiz, Senegal... Ok, verteilt auf fünf junge Menschen und drei Monate mag das wieder übersichtlich klingen. Aber ganz ehrlich: Mir wird manchmal schon fast etwas schwindlig, wenn die Kofferpackerei zum Dauerthema, Wer-wann-mit-wem immer schwerer überschaubar und das Warten auf Lebenszeichen zur intensiven Loslassübung wird. Es zieht sie hinaus in die Welt, sie wollen Neues entdecken, verreisen mit ihrer Klasse, die Weite des Meeres spüren, Grenzen auslosten – und ich glaube sich manchmal auch ergötzen an meinem mütterlichen Erschrecken, welches ich unter allem Staunen über soviel Lebensfreue und Abenteuerlust nicht immer ganz verbergen kann.
Irgendwann gehe ich auch, habe mir versprochen, einmal im Leben mindestens noch eine Sandburg zu bauen und dann zuzuschauen, wie sie von den Wellen weggespült wird. Vorerst warten noch fünf Wochen Schule und ein paar Abschieds- und Willkommensfixpunkte. – Jemand muss ja bleiben, sonst ist es kein Weggehen.
zum Beispiel...
zum Beispiel...
Samstag, 27. Mai 2017
Fülle
Es geht aufwärts mit meinen Kräften, sosehr, dass ich heute morgen zum ersten Mal seit einem Monat wieder aufwärts gegangen bin, langsam, aber glücklich. Es war ein Bad im Grün, warm, duftend, lebendig. Die Gräser blühen, sind Wunderwerke im Kleinen
und wirken Wunder in der wogenden Weite der Wiesen.
Und von überall grüssen rötlich jung die Nussbäume. Dankbarkeit, soweit der Atem reichen.
Freitag, 26. Mai 2017
Windworte
Die Sehnsucht ist die Schwester des Windes. Berührt vom Licht streckt sie ihm die offene Hand entgegen: Ich gebe dir, was du mir schenkst. Ich empfange, was ich dir anvertraut habe. Die Flüchtigkeit des Augenblicks wird zum Träger des Lebens, der Wunsch nach Sinn erblüht zur stillen Hingabe. Kein Wort vermag zu fassen, und zärtlich trägt der Wind hinfort, was niemals war und ewig ist. Zu dir. In mir.
Mittwoch, 24. Mai 2017
Auftakt
Diese Leichtigkeit, die vier unterrichtsfreien Tagen vorausweht! Diese Entspannung, die sich hinabsenkt. Diese Sehnsucht, die zu leuchten beginnt. Diese Müdigkeit, die sich nicht mehr zu verstecken versucht. Dieses Spiegelbild – das fremde. Komm, Nacht, hülle ein mit deinem heilsamen Schleier all dies.
Dienstag, 23. Mai 2017
Samstag, 20. Mai 2017
Trotzdem
In der Gegend, in der ich wohne, gibt es sehr viele Nussbäume, grosse, alte, stille, geduldige, grosszügige Wesen. Mir fallen sie meist nur im späten Herbst auf, wenn vorwiegend ältere Menschen mit einer Plastiktüte ausgerüstet unter ihnen langsam Schritt um Schritt tastend im nassen Gras nach gefallenen Früchten suchen.
Wie viele Bäume es jedoch tatsächlich sind, habe ich erst in den vergangenen Wochen realisiert, nachdem nämlich die jungen Blätter und Blüten in einer Nacht allesamt erfroren waren. Während ringsum das Grün immer üppiger und die anderen Baumkronen immer dichter wurden, blieben sie kahl und trist dazwischen stehen, durch die abgestorbenen Triebe traurigschwarz gezeichnet.
Und heute fand ich nun dies:
Das braucht wohl keine Worte. Früchte wird es keine geben dieses Jahr, aber die Bäume leben!!!!
Freitag, 19. Mai 2017
Nachtschattengeheimnis
Wach gelegen, viele Stunden lang, bis die Morgendämmerung erahnbar wurde. Dann, auf einmal, legte sich die Unruhe, die Angst lachte und verwandelte sich in eine Blume, und in dir breitete sich blau und still die Gewissheit aus: Es ist vorbei. Es wird alles gut. Und nach zwei tiefen, friedvollen Schlafstunden stehst du auf, gestärkt, zuversichtlich und gesund, oder zumindest mit der sicheren Ahnung, dass du auf dem Weg bist dahin. Nur die Ahnung, was diesen Wandel ermöglicht, die fehlt oder du traust ihr nicht. Statt dessen warme Wellen der Dankbarkeit durch den ganzen Tag und jetzt der Wunsch nach einer guten Nacht, für alle.
Donnerstag, 18. Mai 2017
Mittwoch, 17. Mai 2017
Dienstag, 16. Mai 2017
...
Meine Körperkräfte lassen es zur Zeit nicht zu, dass ich den steilen Weg zu meinen vertrauten Pflanzen und Plätzen hoch steige. Und trotzdem zieht es mich regelmässig hinaus, hinauf. Im Tram schliesse ich die Augen und lehne mich an den Baumstamm, spüre unter meinen Füssen den weichen Boden zwischen den Wurzeln, lausche dem leisen Laubgewisper über mir und um mich. Oder ich setze mich zwischen zwei Schulstunden auf die Bank, stelle mir vor, wie die Bilder sich verändert, die Blätter sich entfaltet haben, das Gras gewachsen, der bewaldete Hügel grün geworden ist. Und immer und immer wieder kauere ich neben den scheinbar leblosen Spross ins dürre Laub und lasse mich von der stillen Zwiesprache durchströmen.
Es fühlt sich ganz und gar so an, als lassen sich Distanz und Zeit und Schwäche überwinden durch diese innere Verbindung.
28.4.17
Trotzdem freue ich mich wie ein kleines Kind darauf, hoffentlich bald wieder mit allen Sinnen die Wege zu gehen zu dürfen.
Sonntag, 14. Mai 2017
unterwegs
Heute morgen sass im Zug mir schräg gegenüber ein Vater mit seinen beiden kleinen Kindern. Der Sohn, vier Jahre alt, plauderte die ganze Zeit, stellte Fragen, kommentierte das Essen, studierte Etiketten, stellte sich die Tiere vor, die im Zoo auf ihn warten, erklärte dem Mitreisenden vor mir, was an dessen Bart anders sei als an dem seines Vaters, fragte die Fahrgäste in den benachbarten Abteilen, ob sie gerne einen Kaffee hätten, um ihnen dann mit Bedauern mitzuteilen, dass das heute leider nicht möglich sei und sein Papa den seinen bereits ausgetrunken habe.
Es war wunderbare Unterhaltung pur. Die kleine, vielleicht 18 Monate alte Schwester sass während dem auf dem Schoss des Vaters, völlig entspannt an ihn geschmiegt, und beobachtete mit ihren dunkeln Mandelaugen das Geschehen zwischen ihren beiden vertrauten Menschen, ruhig, sanft, vertieft in die Klänge und Bilder, welche zwischen den beiden in ihren Dialogen entstanden. Hie und da strich der Vater mit seiner grossen Hand liebvoll durch die feinen Haare.
Ich sass da wie gebannt, spürte an mir die entspannte Wärme, die Schwere des Kopfes, seine Rundung und den Haarflaum in meiner Hand, die Weichheit der Haut an meiner Wange, das offene Händchen, durch welches mein Daumen streicht...
Zerst war es nur dieses starke, körperliche Empfinden, als trüge jede Zelle meines Körpers bis ans Ende ihres Lebens Erinnerung. Ich merkte, wie Tränen über mein Gesicht rannen und wurde von ihnen geweckt. Und in diesem Moment spürte ich in mir eine Wärme, eine helle, liebevolle Wärme und wusste, dass diese innere Berührung, diese Nähe nicht Erinnerung ist, sondern Lebensrealität, die ich in mir trage, unauslöschlich, geschenkt wohl über Zeitliches hinaus.
Samstag, 13. Mai 2017
Alterserscheinung?
Gestern abend hängt mir nach.
Der Knabenchor, in welchem mein Jüngster mitsingt, bekommt im Herbst einen neuen Dirigenten und verreist zudem in einer Woche nach Tschechien. Gestern nun waren Eltern und Sänger zu einem Info- und Vorstellungsabend eingeladen.
Der Saal war eigentlich zu klein für die vielen Menschen. Viele Knaben sassen auf und unter den Tischen an der Wand oder quetschten sich in die Fensterluken des alten Münstergebäudes, die Stühle reichten auch nicht für alle Erwachsenen. Und natürlich trafen sich da Eltern, welche sich lange nicht mehr gesehen hatten oder aber sich ständig sehen und daher immer Gespräche am Laufen haben. Einige Mütter hatten ihre jungen Söhne neben sich sitzen. Vermutlich verreisen diese zum ersten Mal mit dem Chor, was nicht nur für die Knaben ein aufregender Schritt ist. Ich sass mit viel Verständnis für diese Situation mitten im entsprechenden Lärm, begrüsste und beobachtete...
Doch dann beginnt die Veranstaltung.
Hallo! Es fängt an!
Gleich zu Beginn der Hinweis, dass für jeden Sänger ein Umschlag mit allen Infos bereit liege, den man doch bitte im Anschluss an den Infoabend beim Hinausgehen mitnehmen soll. Zudem gebe es eine Kiste mit alten Tonträgern, welche man dann auch gratis mitnehmen könne.
Was ich in der folgenden Stunde erlebe, lässt mich beinahe durchdrehen. Während sich da vorne ein junges Team mit tollen, innovativen Ideen und auf originelle Weise vorstellt, und später der Ablauf der Reise skizziert wird, ist es wohl keine Sekunde lang still im Raum. Umschläge mit Infos werden abgeholt (Stühlerücken inklusive) geräuschvoll geöffnet, gelesen, andere schlängeln sich zu der besagten Kiste durch und wühlen mit einer Ausverkauf-Energie im Gratis-Fundus, hinter mir sitzen drei Jungs und kommentieren immer wieder mit halblauten Ausrufen das Spiel, welches der Mittlere auf seinem Smartphone spielt, neben mir zwei Mütter, welche sich ihre spontanen Eindrücke und Assoziationen sofort mitteilen müssen, dann sind da junge Mütter, die ihren unerfahrenen Söhnen das Gehörte in Mamadeutsch übersetzen. Bekommt jemand aus dem "Publikum" das Wort für eine Frage, beginnt automatisch der halbe Saal zu flüstern, besonders dann, wenn die fragende Person im vorderen Drittel sitzt und daher ihre Frage entsprechend leise stellt. Es kommt mir vor, als wäre ich umgeben von Menschen, welche die Meisterschaft beherrschen, ihre Zeit doppelt zu nutzen, einmal dafür, das Wichtigste von dem, was mitgeteilt wird, zu erfassen, gleichzeitig aber die spannenden Gespräche mit dem Nachbarn weiter zu führen.
In der Schule arbeiten wir intensiv mit den Kindern am Thema Impulskontrolle, daran, dass nicht jeder Gedanke sofort ausgesprchen wird, dass ein Kind warten lernt, bis es an der Reihe ist, dass Rätsellösungen nicht einfach herausposaunt werden, dass die Augen geschlossen bleiben, wenn ein unbekannter Gegenstand in die tastende Hand gelegt wird, dass man sich im Klassengespräch gegenseitig aussprechen lässt..... Die Fähigkeit zur Impulskontrolle löst heute sogar hergebrachte Schulreifekriterien ab.
Und hier? Stichwort "gratis" – nichts wie los. Stichwort "mitnehmen" – nachher gibt es nicht. Stichwort "Gastfamilie" – die aufkommende Erinnerung muss sofort ausgetauscht werden. Stichwort "Flüssigkeiten im Handgepäck" – ...
Man könnte jetzt hier auch noch über die Intoleranz multitaskingunfähiger und realitätsferner Sensibelchen sprechen.
Ich jedenfalls vergass, dass mich eine Bekannte gebeten hatte, mich im Anschluss an den Abend noch kurz zu sprechen, floh mit meinem Umschlag erschöpft an die frische Luft, holte mir beim Mc D eine Portion Pommes und legte in der einbrechenden Dämmerung den ersten Teil des Heimweges statt mit der Tram zu Fuss zurück, um wieder atmen zu können.
Werde ich wohl einfach alt?
Donnerstag, 11. Mai 2017
Mittwoch, 10. Mai 2017
Entfaltung
Tage, die damit aufhören, dass du zurückkehrst und innehältst und beinahe überquillst vor Staunen, vor Dankbarkeit, weil er ein Geschenk an das andere gereiht hat, tiefe, erschütternde, weckende, heilsame, liebvolle, die diese Erfahrungen in solch unbegreiflicher Dichte in deine leeren Hände gelegt haben, dass es dir nicht mehr gelingt, an Zufall zu glauben, dass du nicht mehr vermagst zu denken, da sei bejahte Erschöpfung ohne Resonanz.
Und wenn du dabei gewesen wärest beim Tanz, der im Sinne der verstorbenen Tanzstudentin aus einer Trauergemeinde ein bewegtes Leben über die Begrenzung hinaus geformt hat, dann würdest du zumindest eines der Wunder dieses Tages verstehen. "Wo Worte enden, beginnt der Tanz." – und da verstummt jedes Geschrei von übervollen Terminkalendern.
Herausforderung
Tage, die damit beginnen, dass sie dich aus einem verworrenen, verwirrenden, kalten Traum hinein katapultieren in den Morgen, die sofort wieder angefüllt sind mit Anknüpfunspunkten an die vergangen zwei, deren Geschichten und Grenzerfahrungen, die in der Sprache von vollen Terminplänen dich gleichsam anschreien..., solche Tage vermögen ihren Sinn wohl nur zu entfalten, wenn du ja sagst und es wagst, diese Verwirrung, diese Grenzen und diese Kälte nicht zu fliehen, sondern zu durchdringen mit deinem Leben und mit allem Mut, die Bewertung aussen vor zu lassen.
Sonntag, 7. Mai 2017
Freitag, 5. Mai 2017
Wort des Tages
Resignation
oder Kapitulation
oder Aufgabe der Sturheit
oder Vernunftsentscheid
Ob es die richtige Entscheidung ist, werde ich vielleicht nie wissen, aber verantworten muss ich sie, mir gegenüber und meiner Gesundheit. Hadern bringt nichts. Ein Zurück gibt es nicht. Und akzeptieren muss ich es eh, warum denn nicht gleich...
... und klar könnte ich auch einfach dankbar sein, dass es diese Möglichkeit gibt. Ich sage ja: Sturheit...
Donnerstag, 4. Mai 2017
verstummt
Die 23-jährige Tochter der einen Kollegin hat gestern den Kampf gegen den Krebs verloren. Das geht unter die eh viel zu dünne Haut. Vorgestern war ihre Mama noch hoffnungsvoll. Vielleicht brauche ich einige Zeit der Sprachlosigkeit, um ihrem Mutterherzen nahe sein zu können. Alles Gute dir – euch...
29.4.17
Dienstag, 2. Mai 2017
Reisenotiz 15
Sie mag die Tage nicht, an denen es dunkel wird, an denen die Erinnerungen zu Strohhalmen werden und Stroh zu Gold spinnen in märchenhafte Ferne rückt. Sie mag es nicht, wenn die Haut schreit und reisst und Distanz schafft zur Berührung mit dem Leben. Sie mag es nicht, wenn sie Menschen, welche ihr nicht gut tun, Macht zugesteht. Sie mag es nicht, in diesen einsamen Stunden zu erkennen, wie schwer es ihr gelingt, die Freiheit zu wählen.
Doch wer sagt schon, sie müsse es mögen. Perlen kommen nicht auf hübschen Schiffen geschwommen, sondern wachsen in der dunkeln, verborgenen Tiefe. In Stille.
Montag, 1. Mai 2017
Reisenotiz 14
Immer wieder schaut sie nach ihm, dem unscheinbaren, winzigen Spross ein paar Schritte abseits des Weges. Er wächst nicht. Seine Knospen entwickeln sich nicht. Doch sie will und kann und wird nicht glauben, dass er abgestorben ist. Sie möchte ihm zuhören in seiner Reglosigkeit und dem Wunder lauschen, dass das Kleinste gross wird, wenn es mit Liebe betrachtet wird. Immer wieder. Immer neu.
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