Ich glaube, ich habe es verlernt. Oder verloren.Oder es ist in der heissen Bergsonne versengt oder gar von einem der Bergbäche weggespült worden, obwohl das Letztere eher unwahrscheinlich ist, weil diese Bäche dieses Jahr so wenig Wasser führen, dass von spülen schon fast nicht die Rede sein kann. Ausgetrocknet.
Dabei bin ich ja in die Berge gefahren, um aufzufüllen, habe es auch getan, soweit man das tun kann. Das was füllt, ist Geschenk, und das, was ich gatan habe, hat oftmals dieses Beschenktwerden erschwert. Es war anders, dort zu sein und doch ständig mit der Welt zu Hause und anderen Orten dieser Welt verbunden zu sein um zu teilen, zu beraten, zu organisieren, zu trösten, - und ja, auch um getröstet zu werden. So lud ich täglich den Akku meines Handys und spürte in den Momenten, in denen ich ohne diese Verbindung zur Aussenwelt auf einem Stein mitten im Bach sass oder weit über dem Tal auf einer stillen Bergwiese den würzigen Duft von Alpenwiesen atmete, wie unruhig es in mir ist, wie es kaum möglich ist, dieses ständige Denken und Argumentieren, Mitplanen und Zurechtlegen im Kopf einfach mal ruhen zu lassen, Hingabe zu üben, Entspannung zuzulassen.
Doch wie geht das, wenn man von einem bewaffneten Raubüberfall im Dorfladen daheim erfährt, oder vom schweren Unfall des Nachbarn, oder von den Komplikationen bei der Reise der Tochter nach Vietnam, oder dass es zu Hause bei einem Gewitter reingeregnet hat, ... Alldas wäre früher auch passiert, es wäre mir aber nicht zu Ohren gekommen oder erst eben zwei Wochen später, und ich hätte daran dann genauso wenig ändern können wie jetzt, da ich von allem unmittelbar in Kenntnis gesetzt wurde. Bloss hätte ich früher – so meine ich – nach diesen stillen zwei Wochen gelassener und an der Stimme von Steinen, Wasser und Blumen erprobt reagiert.
Andererseits wäre das spontane Kommen und Gehen der "Kinder" ohne diesen Organisationsdraht gar nicht möglich gewesen, genauso wie man durch die Bäche mit den niedrigen Wasserständen jetzt ohne Problem die andere Uferseite erreichen konnte ohne Brücke und oft sogar, ohne die Schuhe auszuziehen.
Aber das Fliegen, das Träumen, das Hineinsinken in Blumenkelche, das Lesen von Wolkenbildern, das staunende Umarmen von zugeflogenen Worten, das habe ich verlernt oder verloren – oder ich habe es zugeappt, ausgetrocknet.