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Dienstag, 27. Februar 2018

weg

Natürlich lesen sie Weg, auch wenn weg da steht. Wir tasten uns an das Minus heran, blasen Kerzen aus, bringen Büchsenpyramiden zum Einstürzen, leeren Gläser aus... weg. Flammen sind weg, Büchsen sind weg, Wasser auch. Während sie spielen und protokollieren, beoabachte ich die Kinder. Während sie dem weg auf der Spur sind, spüre ich dem Weg nach. Wieviel Minuserfahrung gehört zum Leben? Ist Minus immer negativ? Kann man im Leben Verlusterfahrung auch umdrehen, ohne sie an die Zeit zu binden? Kann minus auch Befreiung bedeuten und darum Gewinn? Ist minus eine Lebenseinstellung, eine negative? Wann ist ein Kind vertraut mit dem minus, kompetent im Ungang damit?
Es gibt noch viel zu lernen und zu erforschen für eine Lehrerin, welche die Kinder auf dem Weg begleitet, zu dem das weg gehört.

Sonntag, 25. Februar 2018

ohne Worte

tut soooo gut....! 😄



Verstehen ohne zu verstehen

Samstag, 24. Februar 2018

Ausklang

Ich bin daran, meine Ausreden für den Schulstart nächsten Montag vorzubereiten. Braungebrannte Kolleginnen und Kollegen werden strahlend auf mich zukommen: "Schöne Ferien gehabt? Hast du dich gut erholt?" Was sagt man, wenn man weder lügen noch jammern mag? Bei vielen funktioniert es, nett zu lächeln, "danke" zu sagen und dann gleich anzufügen: "Und du? Wars kalt?" (oder wahlweise heiss oder spannend oder schneereich, je nach Ferienziel) Es kann und will niemand wissen, was es heisst, als alleinerziehende Mutter mit sechs jungen Menschen (welche zu allen Tages- und Nachzeiten an- oder abwesend, schlafend oder wach, zufreiden oder aufgebracht sein können) solche Tage zu teilen, in welche Fasnacht, Kurztripps, Partys, Geburtstag und Himmelsbegurtstag fallen, und wer es hört, macht immer sofort Vorschläge, was ich ändern könnte. Das möchte ich am Montag umgehen, und darum bereite ich nicht nur die ersten Schulstunden, sondern auch die ersten Pausenbegegnungen vor. Die Momente mit Sturm und Wolken, Schneekristallen und stillen Gedanken beim Holzhacken werde ich für mich behalten, genauso wie jene mit den leeren Bierdosen am Morgen danach, Verhandlungsgesprächen mit jugendlichen Grenzentestern und Zahnarztsitzungen. 
Ich schnüre mir mein Bündelchen mit all den kleinen und grossen Ferienalltäglichkeiten und übe mich selber zu achten für das, was möglich war und die Verachtung angesichts des Unmöglichen aussen vor zu lassen. 
Und daher werde ich danke sagen. Einfach danke.

Donnerstag, 22. Februar 2018

vier Jahre

22.02.2022

Was für ein Datum! An dem Tag wird sie volljährig werden, die Jüngste. So bald schon!? denkt es irgendwo im Kopf. In vier Jahren geschieht so unendlich viel, widerspricht eine erfahrene Stimme. Die rechenbegabte Erinnerungsstütze macht Viererschritte rückwärts. 2014, 2010, 2006... und scrollt vorbei an Umwälzungen, an Ein- und Aufbrüchen, an Abschieden und Neuanfängen. Freu dich über diesen jungen Menschen und gehe Schritt um Schritt, tröstet das Nichtwissen. Danke, sagt das Mutterherz.


Mittwoch, 21. Februar 2018

weisser Montag

Es war am Montag. Aus der Küche fiel mein Blick auf einen weissen Zauberwald und der rief mich mehr als alles andere, was auf Listen für mich vorgesehen war. Ich nahm die Kamera mit, ahnte Einzigartigkeit und gedachte die zu teilen, mitzuteilen.
Staunend schritt ich durch Weiss. Alles, was nicht Weg war, war weiss oder Stamm. Jedes kleinste Ästchen schien sich mit diesen leichten Flocken verbunden zu haben, hielt sich an ihnen mit kalter Zartheit. Auf Tannenzweigen lagen weiche Decken. 
Und wie das ist auf vertrauten Wegen: Es kam zu Wiedersehen auf Schritt und Tritt. Nur war an diesem Montag alles etwas anders, so, als müsste ich leise sein, um den Zauberschlaf nicht zu stören. Nur auf einem Wegabschnitt war es ein Wiedersehen der anderen Art. Ich hatte die Woche zuvor immer wieder von oben den Maschinenlärm und oft das erschütternde Niederkrachen der gefallenen Bäume gehört. Dass es Wegbegleiter waren, die da fielen, ahnte ich nicht. "Meine Buche" weiter oben steht noch, Gott sei Dank!

Das Sichten der Bilder zuhause war dann sehr ernüchternd. Nichts von diesem Strahlen, von dieser Reinheit, von dieser ewigkeitzarten Vergänglichkeit war mehr zu spüren in den Bildern. Ich seufzte so laut, dass es der Sohn hörte und wenig später nach draussen verschwand.
Er schenkt mir eines seiner Bilder, das letzte.


△ im vergangenen April – ▽ dieselbe Stelle jetzt


Zoom... 

Dienstag, 20. Februar 2018

Fundstück

Das ist doch das, was uns im Leben immer wieder passiert:
Man sieht ein Bild und denkt, das sei die Welt, vergisst aber, dass es ganz viele Bilder von der Welt gibt. 
Dass man auch in sich selbst ganz viele Bilder, Ideen, Sehnsüchte hat, die man nicht erfüllen konnte, an denen man aber immer noch hängt, wo man weinen könnte, weil man sie aufgeben musste.
Der Mensch besteht eben nicht nur aus Chemie, sondern auch aus ganz viel Sehnsucht.
Und ich glaube, dass jeder so eine Dunkelphase in sich hat, dass jeder hin und wieder in so einem leeren, dunklen Raum sitzt, in dem die Bilder und Sehnsüchte weiterleben.
Und die man vielleicht doch noch realisieren kann, wenn man diese Dunkelheit nicht ignoriert.
Christoph Schlingensief, aus: "Ich weiss, ich war`s"

Gefunden in ihrer wundervollen Schatztruhe.

Montag, 19. Februar 2018

Reisebilder

Der bestimmt über achzigjährige Mann, wie er seiner Frau immer wieder Stellen vorliest aus seinem Buch. Ich kann sein Gesicht im nächsten Zugabteil zwischen den Kopfstützen der gegenüberliegenden Sitze beobachten, seine Augen in den schmalen Liedern, die langsam von links nach rechts wandern und dann wieder zurückspringen, immer wieder.

Oder der schwarze Bach, der sich durch ein leicht verschneites Feld schlängelt, in welches er sich über die Jahrzehnte ein kleines Tal gefressen hat, an dessen Borte sich ein Wald verwurzelt hat. Und diese Bäume liegen nun von Sturm und Menschenhand gefällt kreuz und quer am Steilhang wie zum Spiel ausgeworfene Mikadostäbe und bilden zum Teil Brücken über das Wasser. 

Oder die Silhouette der Burgruine auf dem Bergkamm, die sich sonderbar anmutig abgrenzt vom hochnebelweissen Himmel und leicht abfallend hinübergeht in die durchsichtigen Kronen alter Bäume. 

Oder der Mann, den ich nicht habe kommen hören, der an der Haltestelle plötzlich dicht hinter mir mit lauter Stimme zu sprechen beginnt: „Entschuldigen Sie, haben Sie etwas Geld für mich“, und mich damit fast zu Tode erschreckt, was ihm wiederum leid tut und ihn weiterziehen lässt, ohne auf Antwort zu warten.  

Oder die stillen Dialoge mit dem Autor des Buches, in dem ich hie und da einen Abschnitt lese, die feine Struktur der Buchseiten unter meinen Fingern, die das Lesen zu einem sinnlichen Erlebnis macht. 

Hunderte von Bildern sind es am Abend, die ich in der Dunkelheit satt und müde den fahl beleuchteten Steilhang hoch nach Hause trage.

Sonntag, 18. Februar 2018

Grabglocke



🌸   🌸   🌸   🌸   🌸   🌸   🌸   🌸   🌸

Sonntagmorgen

Das Tropfen ist über Nach still und weiss, die Nebel sind noch dichter und schwerer geworden.




Samstag, 17. Februar 2018

...

Ich sinne, wie ich zwischen den Zeilen dem Reh sein Feld, dem Adler seinen Horst, der Stille ihr Blau erschaffen könnte, doch die drei entwischen wie andere vor ihnen gleich flüchtigen Nebeln im monotonen regengrauen Tropfen und lassen Zeilen leer und sinnlos schlafen.

Freitag, 16. Februar 2018

Zoom

Immer weiter weg driftet der Punkt, den du so hingebungsvoll betrachtet hast. Er wird klein und kleiner, scheint davon zu fliehen, verschluckt zu werden von der Zeit.
So geht es mir heute, während ich in meinen Mails Ordnung zu schaffen versuche. Hunderte habe ich gesichtet, gelöscht, geordnet, Dutzende gelesen, bin hineingetaucht in Geschehnisse, die Daten zugeordnet sind, welche mit meinem Zeitempfinden überhaupt nicht übereinstimmen. 
Zwei Jahre. Was sind zwei Jahre!? Das ist das Alter von WindWorte. Das war – fast – das Alter von Mirjam. 22 Monate. April 16 war doch eben erst! Und diese kurze Spanne seither entspricht ihrem ganzen Leben? Ich bin verwirrt, empfinde Schwindel, fühle mich weggerissen. Wovon? Von irgend einem Fixpunkt, den ich mir als Halt erschaffen habe, völlig fiktiv? Einer, der nicht taugt, der Zeit eine Konstanz zu geben. Oder einer, der hilft, die Wichtigkeit der Zeit zu relativieren?
Sorry, habe gehofft, Schreiben würde diese Beschleunigung bremsen. Es taugt nicht. 

Der Finger bleibt stehen über dem orangen Fenster, in dem weiss "Veröffentlichen" geschrieben steht. 

Donnerstag, 15. Februar 2018

Das ist die Sehnsucht

Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge
und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge
täglicher Stunden mit der Ewigkeit.

Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern
die einsamste von allen Stunden steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern,
dem Ewigen entgegenschweigt.
R. M. Rilke

Mittwoch, 14. Februar 2018

*


Dienstag, 13. Februar 2018

Ausgang und Eingang

Der Dreizehnte, das sind neben dem unausweichlichen Gang der Geschichte vor allem Begegnungen, ein Kreis von Menschen, die das Geschehen tragen in dichter, unglaublich berührender Weise. Ich würde es am liebsten malen, mit dickem Pinsel und leuchtenden Farben, oder für alle ein Licht anzünden, die da waren, sichtbar und unsichtbar, oder ihnen ein Zeichen schicken. Es fehlt die Farbe, der Kerzenvorrat reicht nicht, und die Menschen von damals sind fast alle leise aus meinem Leben verschwunden, zum Teil beinahe, zum Teil ganz und gar. Oder es ist mein Mut verschwunden, mich ihnen zu zeigen und zu riskieren, dass mein Zeichen falsch verstanden werden könnte. 
Aber darum soll es heute nicht gehen, sondern um das Erleben, dass die schrecklichste Erfarung ein Gegengewicht hat, darum, dass das Fallen Getragensein schenkt, und darum, dass der Schmerz irgendwann blasser wird, die Dankbarkeit aber an Leuchtkraft zunimmt.

noch etwa 13 Stunden...

 

Montag, 12. Februar 2018

Sichtweisen

Heute kann ich das Erinnern erfolgreich verdrängen, trage Schicht um Schicht Ferienschreibtischberge ab, erschrecke manchmal, was diese für überfällige Überraschungen bereit halten, gucke hie und da aus dem Fenster und hole kurz vor Sonnenuntergang ein paar Blicke herein.


Es sieht so faszinierend dramatisch aus, wie da eine gelbgraue Front auf uns zuzurollen scheint.


Plötzlich beginnt es zu schneien, und fast gleichzeitig bricht die Sonne durch die Wolkenberge. Flockentanz im Gegenlicht sollte das sein, war das.

Seltsamerweise ist davon nichts zu sehen und zu spüren, wenn ich mich um 180° drehe. Dieses Bild ist am gleichen Ort und minutengleichzeitig entstanden. Fast kollegial sehen wir aus so nebeneinander, die Buche und ich.


Wie sehr Schatten täuschen können, zeigt der Blick nach oben.

Es leben Fragen in mir, die sich manchmal aufbäumen wie Wolken und manchamal aufleuchten, wenn sie berührt werden vom Licht.


Manchmal wünschte ich mir ein Gegenüber, dem ich die Fragen stellen könnte, aber etwas in mir weiss genau, dass jedes sehbegabte Gegenüber mich auf meine innere Stimme verweisen wird.


"(...) und ich möchte Sie, so gut ich es kann bitten, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie jetzt nicht leben könnten." aus einem Brief von R. M. Rilke

Sonntag, 11. Februar 2018

Elfthemen

Während ich Altpapier sortiere und bündle, ziehen die Bilder des 11. fast unbemerkt durch die Hinterstube des Denkens. Sanitätsauto gehört dazu, die Diagnosenüberbringung, ein Telefonat in einem kleinen Hinterhof, ... Ich schaue nicht so genau hin, das läuft wie Hintergrundsmusik, die ich nicht ausschalten kann. 
Dann läutet das Telefon. Ich sehe und höre, wie die Tochter erschrickt, lasse mir den Apparat geben: "J. hatte einen Unfall während des Matches, er ist mit der Sanität unterwegs ins Spital. Sie sollten kommen." Ich versuche den Jungen anzurufen, erreiche ihn und bin erleichtert. Er tönt gefasst und präsent, und man bringt ihn nicht wie zuerst kommuniziert auf den Notfall der Klinik, die vor neun Jahren Endstation war.
"Endlich habe ich mal einen Sanitätswagen von innen gesehen!" grinst er, als ich eine Stunde später bei ihm bin. Es hat Entwarnung gegeben, keine inneren Verletzungen, nur dieses Horn und die minimale Gefahr einer verspäteten Nachblutung im Gehirn, die allfälligen Symptome stehen auf der Liste, die uns mit nach hause gegeben worden ist. Dann sollten wir wieder kommen. Wollen wir nicht, versprochen.



Mittwoch, 11. Februar 2009
(geschrieben am 25. Februar 09)

Den Mittwoch erinnern.

...

 
Am Morgen wird klar, dass die Entzündungswerte steigen. Die Ärzte sind unsicher, schlagen eine Verlegung auf die Intensivstation vor, damit Mirjam, für den Fall, dass es zu einer plötzlichen Veränderung kommen würde, am richtigen Ort wäre. Man spricht von besseren Überwachungsgeräten, zusätzlichen Möglichkeiten, alles tönt so beruhigend, so nach: Jetzt wird alles gut.
Der gleiche Sanitäter, welcher uns in der Nacht auf Dinstag hierhergefahren hat, ist wieder dabei, wir scherzen, ich mache Fotos und sage Mirjam, sie könne dann den Grossen einst zeigen, wie sie mit dem Krankenwagen gefahren sei.


Der allerletzte Blick unter freiem Himmel....

Mirjam schaut interessiert um sich, ist ganz ruhig.



Auf der IPS werden wir freundlich empfangen. Der Arzt rät zu einer Magensonde, weil das Stillen offenbar zu anstrengend geworden ist. Ich spüre Erschrecken in mir aufsteigen. Gesten habe ich vom Ziehen der Magensonde geschrieben, heute wird sie wieder gesteckt, steht wieder die Milchpumpe da, wird wieder sondiert, gewogen. Mir kommt das alles vor wie ein Hohn. .......

Samstag, 10. Februar 2018

Nebenwirkungen

Der Vorteil an den vielen Geburtstagen mit ihren Partys ist, dass ein paarmal im Jahr das Haus freiwillig und ohne mein Zutun von oben bis unten geputzt und aufgeräumt wird – abgesehen davon, dass es einfach erfrischend und belebend ist, das Haus voller junger Leute zu haben und zu den Namen, welche an den Wochenenden genannt werden, Gesichter, Stimmen und Blicke zu bekommen. Dass heute auch der zehnte Februar ist, dieser zehnte eben, das weiss nur ich.

Freitag, 9. Februar 2018

neunter zweiter

Es nützt nichts mir zu sagen, ich soll dem keine Energie geben, ganz in der Gegenwart bleiben und all die weisen, reifen Lehren. Es nützt nichts an einem 9. Februar, weil die Bilder einfach da sind, jene an den letzten Morgen, an dem sie in ihrem Bettchen erwacht ist, an den Schnee draussen und die Sorge in mir, an diesen langen Tag mit seinem Sog ins Unabwendbare, den ich als solchen noch nicht erkennen konnte.
Zwei Jahre später wird ein Mädchen geboren werden, dessen Geburtstag wir heute feiern. "Wie schön, dass du geboren bist. Wir hätten dich sonst sehr vermisst!" Es ist das Kind, welches diese Woche seinen Kater zum letzten Mal geknuddelt hat.


Mittwoch, 7. Februar 2018

Sinnvoll

Meine berufliche Lieblingsbeschäftigung ist Staunen.


 Privat auch.

Dienstag, 6. Februar 2018

Theo-logie

Zu zweit kommen sie zu spät heute morgen. "Frau Wind, es ging nicht anders. Mitten auf der Strasse lag eine tote Katze, so ganz richtig tot, da mussten wir einen Umweg machen." Nun fehlen noch zwei Kinder. Ob N. auch krank geworden ist? Ich schaue aufs Handy, ob eine Elternnachricht eingegangen ist, als es klopft. N. mit ihrer Mama und dem kleinen Bruder stehen vor der Türe, beide Kinder schluchzend. Ich ahne, bevor sie etwas sagen. N. möchte trotzdem hier bleiben, möchte, dass ich der Klasse erzähle, was passiert ist. Ich setze sie im Kreis neben mich. Sie nennt den Namen ihres Katers. Wir zünden eine Kerze an. Dann beginnt sie zu erzählen, und plötzlich strahlt ihr Gesicht. "Immer, wenn Theo über die Strasse geht, halten die Autos an. Nur heute nicht. Und er ist ganz verschmust. Ich kann mich ganz nahe zu ihm setzen und ihn streicheln und er geniesst es. Er rennt auch nicht weg, wenn Besuch kommt. Und wenn ich nach Hause komme, dann kommt er auch...." Alles lebt im Präsens vor uns auf und ich glaube, keinem Kind kommt es in diesem Moment in den Sinn daran zu denken, dass sich die Lebendigkeit dieses weichen, dicken, schweren, verschmusten Fellfreundes heute in Vergangenheit gewandelt hat. Finger zeigen auf, Katzengeschichten möchten erzählt werden. Theo ist mitten unter uns.
Nach der Pause kehren sie mit roten Wange zurück. "Wir haben dort unter dem Baum für Theo ein Gärtchen gemacht, ganz schön, mit Steinen und Blättern und Zweigen, und eine Viertklässlerin hat Kreide geholt und wir haben Theos Namen auf einen Stein geschrieben."

Ich staune, mit welcher inneren Sicherheit die Kinder spüren, was sie in dem Moment brauchen, was die trauernde Mitschülerin braucht und wie glücklich und lebendig sie sind, wenn sie dieser Sicherheit folgen dürfen.

Danke, Theo.

Montag, 5. Februar 2018

Schäumchen

tatsächlich!

💙


Sonntag, 4. Februar 2018

Wir leben das Leben...


Am 4. Februar 2009 feierten wir seinen siebten Geburtstag. Unser Alltag war bunt, dicht, erfüllt, fordernd, aber ganz und gar bejaht. Wir lachten viel, so viel, wie wohl nie zuvor in unserem Familienleben. Mirjam schenkte uns unendlich viel Freude, machte täglich neue Fortschritte, zeigte uns, wie kleinste Dinge voller Licht sind. An diesem Geburtstag husteten und schnupften zwar fast alle, genauso wie heute auch, genauso wie wir uns seit Jahren in diesen Monaten durch Erkältungsphasen husteten. Sorgen machte sich deswegen niemand. 

Ein paar Tag später, am 22. Februar dann, wurde sie fünf Jahre alt.





Noch immer husteten einige von uns. Das war aber wohl die einzige Konstante. Die Welt, unsere kleine Welt, hatte sich in diesen kurzen Tagen komplett verändert, wurde durch ein Nadelöhr gequetscht. Die Zeit war stehen geblieben. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich soviel geweint. Mirjam hatte in meinen Armen ihren letzten Atemzug getan, wir hatten nun ein Grab, alles Lachen war Erinnerung und zerriss das Herz. Trotzdem versuchten wir zu feiern, denn da war ja auch Leben mit allem Recht, gefeiert zu werden.





Heute wird er 16, feiert auf einem Theaterweekend mit tollen Freunden, und sie, die fast 14-Jährige, steht in einem Klassenspiel auf der Bühne. Auf dem Grab blüht der erste Krokus, es wird viel gelacht, der Vater wird am Abend zu Besuch kommen, wie es sich der Geburtstagssohn gewünscht hat. Die waswärewenn-Gedanken werden längst nicht mehr ausgesprochen, huschen manchmal flüchtig vorbei. Das Leben hat sich aus dieser kaum lebbaren Enge heraus neu entwickelt, hat alles verändert. Doch dieses Februarzeitempfinden, das ist nicht Erinnerung, sondern Teil meines Seins. 

Ich war vorher im Wald, zum ersten mal seit den Stürmen. Gefallene Stämme, entwurzelte Bäume, zersplittertes Holz – und liebgewonnene Bekannte. 



Und alle erzählen, was mir der Februar seither erzählt.


Nachtrag: Das habe ich eben hier gefunden:
Deine Traurigkeit ist der dunkle Samt, auf dem die Juwelen deines Lebens leuchtend funkeln. So wird dir sichtbar, über welch reiche Schätze du verfügst.
Helen Ambach

Donnerstag, 1. Februar 2018

Farbeur

Sie wecken in mir keine Frühlingsgefühle, die Tulpen, die sich ab Neujahr in den Kübeln neben den Supermarktkassen zum Verkauf anbieten müssen. Und wenn ein paar Wochen später die Schokoladenhasen mit ihrem ganzen Zuckereiergefolge Einzug halten, mache ich einen grossen Bogen um die Osterinseln. Die Erdbeeren in den ZNüniboxen der Schulkinder riechen für mich jetzt genauso falsch wie Mandarinen im September, und wenn nach der Herbstmesse die Weihnachtsbeleuchtung installiert wird, tut es einfach nur weh. Darauf warten, bis es Zeit ist, das hat seine Kraft verloren. Dabei ist die Vorfreude eines der stärksten Warmgefühle für mich, und ihre Untergrabung macht traurig und rührt in einem immer fader werdenden Einheitsbrei.
So ging es mir auch in den letzten Wochen, als der Januar sich aufspielte wie einer seiner Frühlingsbrüder. Die blauen Krokusteppiche unter dem alten Baum im Schlosspark, das Schneeglöckchengeläute ringsum, das saftige Grün des wachsenden Grases, vor allem aber der Amselgesang in der dafür viel zu späten Morgendämmerung, all das weckte in mir Widerstand in Trauerform. Die Bilder der erfrorenen Reben und Nussbäume im letzten April waren ständig präsent, die hunderten von Kirsch- und Apfelbäume ohne Früchte letzten Sommer. Ich fühlte mich irgendwie betrogen um die Wintersprache, seine Geschichten, seine Bewegungslosigkeit, um seine Vollmacht über den Schlaf. Die Amseln liessen zwar mit ihrem Morgenlied diese wohlbekannte, wundersam süsse Herzstillstandsglücksfarbe in mein Herz fliessen, aber dort verwandelte sie sich in bittere Verwirrung. 

Und nun beginnt heute der Februar, den ich noch immer und nun zum neunten Mal! mit Seufzen begrüsse – und bringt Biswind mit sich, verzuckerte Hügelkämme, Morgenstille und Wollschalberechtigung. Als mir auf dem Rückweg von der Mittagspause der Wind eine einzelne, eisige Schneeflocke ins Gesicht bläst, bringt diese die ganze Widerstandskraft zum Einsturz. Es schüttelt mich und eine Träne bergrüsst den Februar und seinen Klang, den er von Mirjam bekommen hat. Heute ist es eine Glücksträne. Eine Winterglücksträne. Eine Februarwinterglücksträne.