Dann komm mal rein, du hartnäckiger Neujahrsgast. Ich sehe dich seit Monaten immer wieder herumschleichen, und jedes Mal, wenn das Bewusstwerden vom nahenden Alter mich taumeln liess und in Anflüge von Panik versetzte, gucktest du zu mir hinüber und hast mit den Augen gezwinkert. Einmal hast du mich sogar angesprochen. Es war an dem Morgen im frühen Herbst, als ich zur Schule ging und darüber nachdachte, ob ich den Weg auch blind schaffen würde, weil jeder Schritt so vertraut ist, jeder Randstein, die Geräusche, ja gar die Menschen, die mir begegnen, sind jeden Morgen dieselben, die Art, wie wir uns begrüssen. Ich war fasziniert und erschrocken zugleich. Jeder Tag genau wie der andere. Alles vertraut, geübt, abgesichert, optimiert und automatisiert. Plötzlich sah ich vor mir die Einbahnstrasse meines Lebens, das Immergleiche links und rechts, und die Chance für Überraschungen schien lediglich in Einbrüchen der Gesundheit zu bestehen.
Da hst du dich eingemischt und hast gefragt, wem ich denn da gehorche. Ich habe es in der Hand, hast du gesagt, ob ich Neues erlebe, erlerne, erfahre oder ob ich resigniert im Kreis drehe. Ich habe dich erst ziemlich unfreundlich abgewiesen, du habest keine Ahnung, habe ich geantwortet, ich habe Kinder in der Ausbildung, im Studium, noch viele Jahre und ich sei drauf angewiesen, arbeiten zu können, und ich wolle das hier an diesem Ort. Du bist freundlich geblieben, hast sogar gelacht. Wer denn da von solch grossen Veränderungen spreche, hast du gemeint, es sei nicht die Frage der Menge und der Grösse, es liege einzig und allein an meiner Bereitschaft, mich selber zu überraschen.
Das hat sich gut angefühlt. Du könnest ja dann im neuen Jahr noch einmal vorbei schauen, habe ich dir gesagt und habe wohl leise genickt, bis ich in der Schule war und dort eingesaugt wurde vom fixen Ablauf.
Nun muss ich mich entscheiden. Habe ich den Mut zu diesem Abenteuer?
Hier sind Zeugen. Sobald ich veröffentliche, entsteht eine Verbindlichkeit, die ich sonst nicht spüre. Doch genau dies braucht es wohl, um in die Wirksamkeit zu finden, auch wenn ich immer nur mir selber verpflichtet bin.
Hilfst du mir, du heiterer Neujahrsgast, wenn ich hilflos und alt dastehe und nicht weiter weiss? Zwinkerst du mir dann zu?
Gut.
Ich wags.
Ich werde versuchen,
in diesem neuen Jahr
jeden Tag
etwas
bewusst
zum ersten Mal zu tun,
etwas,
was ich so noch nie getan habe.
Und ich werde es hier aufschreiben.
Ich mag dein Lächeln.