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Freitag, 30. April 2021

120/365 so ein Tag

Mein /365-Projekt stösst immer wieder an meine Kapazitätsgrenzen, vor allem dann, wenn nach einem Arbeitstag auch zu Hause eine notwendige oder persönliche oder lustige Situation Zeit und Raum des Abends einnehmen. Dann sitze ich wie jetzt irgendwann spät noch vor der Tastatur, voll von Notwendigkeiten oder persönlichen Geschichten, welche nicht windwortetauglich sind, aber leer von Kreativität.

Und eben kommt in diese Leere und Überfülle hinein ein weteres "Kind" nach hause, rechnet mir sein Wochenende vor und den Prüfungsschnitt der letzten zwei Wochen. Ich liebe mein Leben.

Aber in diesem Moment fühlt es sich an, als wäre selbst der Weg ins Bett zu lange. Gute Nacht.


(Für alle, welche noch Lust auf eine echte Geschichte haben: Ich habe sie eben hier gefunden und gehe nun schmunzelnd und zumindest für den letzten Weg heute gestärkt zu Bett!)

Donnerstag, 29. April 2021

119/365 Fridolin

Dass es ausgerechnet ein Dackel ist, der den Durchbruch schafft, überrascht mich – und doch auch wieder nicht. Zum Abrunden eines fleissigen Unterrichtsmorgens vorlesen: Das war meine Vorstellung, mit der ich seit mehr als drei Jahren scheiterte. Es hatte daher wieder einmal mit Schattenspringen zu tun, als ich mich dazu entschloss, die Lektüre der Geschichte an den Anfang des Morgens zu stellen. Und weil in dieser Klasse ständig Hunde über die Wege laufen (das wäre ein Thema für sich), wählte ich die uralte Geschichte von Fridolin, dem Dackel.

Als Kind habe ich das Buch mehrmals gelesen, den eigenen Kindern habe ich es vorgelesen, und nun ist es nach einer längeren Vergriffen-Pause neu aufgelegt worden und steht im Regal neben den Klassikern der Kinderliteratur. Vieles muss ich den Kindern erklären: Dass man im Zug früher die Fenster öffnen konnte, was ein Schrubber ist, dass es eine Zeit gab, in der der Milchmann die Milch in einer Kanne transportierte und direkt an die Haustüre brachte, dass man früher mit einem Telefon nicht umhergehen konnte und sovieles mehr. 

Aber das scheint niemanden zu stören. Die Faszination der Kinder ist unglaublich, und es ist wirklich so, dass ich sie zum ersten Mal verzaubert erlebe, dass sie mitgehen mit dem Blick, mit den Bewegungen, dass sie zusammenzucken, wenn Fridolin erschrickt, dass sie lachen, wenn sie nach einem Abenteuer entspannen können. Und sie sind sooo enttäuscht, wenn ich das Buch jeweils schliesse.

Ich erlebe, dass diese Momente weit mehr sind als entspanntes Abrunden eines mit Wesentlichem gefüllten Morgens, es ist Nahrung für durstige und hungrige Kinderseelen, und ich werde aus diesem Experiment ein neues Konzeptchen für meinen Unterricht machen und bin gespannt, welche Hunde, Hexen, Wassermänner, Ballonfahrer, Samse und andere Wesen sich in den nächsten Jahren zu uns gesellen werden.

Mittwoch, 28. April 2021

118/365 Geburtstagsdüfte

Um 6 Uhr war die erste Ladung Hefeschnecken im Ofen und das Haus, in dem gleichzeitig aus drei Zimmern Wecker piepsten, zwitscherten, tönten..., erfüllte sich mit einer wunderbaren Verheissung. Als ich 90 Minuten später ins Schulzimmer kam, fand ich diese Überraschung, Freude für alle Sinne. 

Und kurz vor Unterrichtsbeginn brachte mir eine Kollegin einen frisch geschnittenen Tulpenstrauss vom Blumenfeld.
Vor der Pause kam eine andere Kollegin, welche heute frei hat, mit einem lauwarmen, selbstgebackenen Kuchen in die Klasse, und in unserem improvisierten Corona–Lehrerinnenzimmer dann schenkte eine Kerze feierlich duftende Stimmung.

Zum zNacht bin ich von den Töchtern verwöhnt worden, und jetzt strömt durch das offene Fenster dieser wunderbarste aller Düfte herein: Frischer Regen auf trockene Böden und Pflanzen, unverwechselbar einzigartig, aber kaum zu beschreiben.

Ich bin sehr, sehr dankbar.

Dienstag, 27. April 2021

117/365 Nichts

Heute bin ich am Nachmittag in der Schule eingeschlafen. (Natürlich in der unterrichtsfreien Zeit!) In mir ist soviel Müdigkeit. Was ich an diesem Nachmittag ausser schlafen geschafft habe, hätte wohl in 20 Minuten Platz gefunden. Da war und ist soviel Langsamkeit und Stillstand. Ich habe die längste Zeit den Pflanzen beim Wachsen zugeschaut und dem Sonnenlicht, welches sich in einem Dachfenster des Quartiers spiegelte und direkt auf die Tafel fiel, dorthin, wo bestimmt noch kaum je Sonnenlicht gefallen ist. So ein Tag war das. Man könnte sagen, ich hatte lange Weile, fühlte aber keine Sekunde davon Langeweile. Seltsam? Verrückt? Hm.

Montag, 26. April 2021

116/365 Ach Frühling

Das mit dem blauen Schmetterling gestern, das war kein Fundstück, das war eine Notlösung. Ich war auf der Suche nach einem Frühlingsgedicht, eines, welches sich stimmig anfühlen würde im Bezug auf den aktuellen Frühling. Ich las von blauen Bändern, von Fülle und Farbe, von Liebe und Lust, von Hoffnung und Träumen. Doch mein Frühling hier draussen, der kam in keinem der Gedichte vor. Nirgendwo fand ich Trauer über Bäume, welche nicht mehr ausschlagen, über Risse im Boden und halb ausgetrocknete Weiher, über Birken, die nur noch mickerige, kraftlose Blättchen in den Wind halten, nichts war zu finden von Schwalben, welche nicht zurückkehren und Bienen, die einsam auf Nektarsuche sind.
Und dann begegnete ich dem Schmetterling, dem zweiten in diesem Jahr. Der erste gaukelte vor einem Monat als Zitronenfalter durch den Wald. Seither ist der Frühling durstig still.
Einmal mehr wünsche ich mir zum Geburtstag nichts anderes als einfach nur Regen, diese nährende Illusion, dass doch alles nicht ganz so hoffnungslos ist.

Sonntag, 25. April 2021

115/365 Blauer Schmetterling

Flügelt ein kleiner blauer 

Falter vom Wind geweht, 

Ein perlmutterner Schauer, 

Glitzert, flimmert, vergeht. 

So mit Augenblicksblinken, 

So im Vorüberwehn 

Sah ich das Glück mir winken, 

Glitzern, flimmern, vergehn.

 Hermann Hesse, 1927

Samstag, 24. April 2021

114/365 nicht mit rechten Dingen

Es gibt da ein sehr seltsames, verstörendes Phänomen in meinem kleinen Bloggeruniversum. Schreibfehler Finden ist ja Teil meiner Berufskrankheit. Ich habe längst aufgehört zu zählen, wieviele Arbeiten ich schon korrekturgelesen habe. Logischerweise schaue ich auch kritisch auf jeden Text hier, bevor ich ihn veröffentliche und lese ihn zur Sicherheit immer auch gleich nochmal im Blog.
Und dann komme ich am nächste Morgen wieder – und finde einen Fehler. Das geschieht mit so grosser Regelmässigkeit, dass ich mir oft überlege, ob jemand mit mir ein Spiel spielt, mich necken will, bis ich rufe: "Ich hab dich gesehen! Du sitzt nachts in meinem Account und löschst einen Buchstaben!" 
 
Hiermit hätte ich dann gerufen. Spielende!


Freitag, 23. April 2021

113/365 Verheissung

So intensiv habe ich wohl das Geheimnis des Säens noch nie erlebt wie heute morgen, als die elf Kinder mit ihren kleinen Händen Erde zerkrümelten, Sand und Kompost untermischten, ihre Beetrechtecke zärtlich fast flach klopften und dann ihre Handvoll Samen mit guten Wünschen auf die dunkle Erde streuten, mit einem Becher voll Erde zudeckten und dann mit Wasser besprühten. Nun heisst es warten, wässern, beobachten, hoffen und hoffentlich auch immer wieder staunen.


Ein paar bunte Blumen blühen bereits.

(Die Tochter, welche sich die Wohnung sosehr gewünscht hat, hat heute die Zusage bekommen. Wenn Wünsche wahr werden...)

Donnerstag, 22. April 2021

112/365 Sortieren

Für einmal haben wir nicht Würfel und Steine und Farben sortiert, sondern eine Blumensamenmischung. Für einige war es eine heillose Überforderung, aber die Faszination und die Hingabe der anderen hat das längstens aufgewiegt. Nun hat jedes Kind eine andere Sorte von Blumensamen in die dunkle Erde gelegt. Möge die Saat aufgehen, die in euch, Kinder, und die, die eurer Pflege anvertraut ist. (Den Rest haben wir wieder gemischt und werden ihn morgen im Schulgarten einsäen.)




Mittwoch, 21. April 2021

111/365

Wenn die philosophischen Gespräche mit den jungen Menschen bis weit in die Schlafenszeit hineinwachsen, bleibt keine Luft mehr für Windworte, meint FrauWind und schliesst das Fenster.

Dienstag, 20. April 2021

110/365 Wunderkleber

Erziehen mit Lob und Belohnung ist für mich kein einfaches Thema. Wahrnehmen – immer. Unterstützen – wenn nötig. Bestrafen – als logische Konsequenz, ja, sonst nicht. Begeistern – oberstes Ziel. Gemeinsam erarbeitete Abmachungen – unerlässlich. Anerkennen – auf jeden Fall. Belohnen – ..... Ich habe schon soviel Sinnloses und Kontraproduktives gesehen, gehört und erfahren in diesem Zusammenhang, dass ich äusserst sparsam mit Leckerlis umgehe.

Trotzdem war es heute ein leichter Schock für mich, folgendes zu erleben:

Wir haben die Titelseite zu einem neuen Lernheft gestaltet, Thema und einzelne Elemente waren vorgegeben, die Ausführung liess noch viel kreativen Spielraum. Die ganze Klasse war motiviert und vertieft bei der Arbeit. Ich beobachtete die Kinder, wie sie sorgfältig gestalteten. Der kleine Kobold war zwar wie immer sehr schnell fertig, aber diesmal war er nicht einfach fertig, sonder zeigte mir verhalten stolz sein Werk. Ich freue mich sosehr für ihn, dass ihm dies gelungen war, dass ich spontan aus der Schublade einen kleinen, runden Sticker holte und diesen in die untere Ecke klebte. Sein Mund blieb offen stehen, er schaute auf das winzige Bildchen, dann zu mir und flitze dann wie von einer unsichtbaren Feder weggespickt in den Raum. Für den Rest des Schulmorgens war er wie ausgewechselt. Sogar ein "Juhui, Hausaufgaben!" schenkte er in die Runde.

Montag, 19. April 2021

109/365 Lockerung

Es riecht neben der Bahnhaltestelle wieder nach Pommes. Und vor dem Supermarkt sitzen wieder einsame Biertrinker an den Tischchen und rauchen. Man versucht sich in lange nicht mehr gesprochenen Sätzen wie: "Lass uns doch wieder einmal zusammen einen Kaffee trinken." Das verschobene Weihnachtsessen wird vorsichtig traktandiert. Aber so richtig entspannt wirkt keine/r. 
Erst später, als die Resultate per Mail klingeln, geht ein spürbarer Seufzer durch das Dorf: Die ganze Schule ist erneut negativ (massen)getestet worden. 
Für ein paar Stunden spielt man mit den Gedanken ...

Sonntag, 18. April 2021

108/365 Handgelenk mal Pi

Mehrfach habe ich gestern gehört: "Was, jetzt sind das schon 14 Jahre!?!!" Ein Viertel meines Lebens trägt nun bereits Mirjams Handschrift. Eine längere Zeit, als ich davor schon Mutter war. Mir wird leicht schwindelig bei diesen Gedanken- und Zahlenspielen. 



Samstag, 17. April 2021

107/365 vierzehn Jahre

Wie gut ich mich erinneren kann an diesen Mittwoch vor vierzehn Jahren, als es endlich hell wurde nach der Nacht, in der Fruchtwasser abgegangen war, an den üppigen, grünen, blühenden, sonnigen, jubilierenden Morgen, an die seltsm unruhigen Wartestunden auf der Gebärstation, an die schliesslich kurze Geburt, an den tiefen Fall ins schwarze Loch, als mir das neugeborene Kind weggenommen wurde, mit Atemprobemen und Verdachtsdiagnose auf die Intensivstation gefahren wurde, an unsere Fahrt durch die Regennacht, an das schleppende Gespräch mit dem Arzt am Bettchen, umgeben von Apparturen, Tönen und Lichtern, an die einsame Stunde schliesslich vor Mitternacht, als ich im Einzelzimmer mit der Milchpumpe erste Versuche machte, dieses Pumgeräusch "doo dodo doo dodo doo..."

 

Heute würde, wäre, könnte.

Ist.

Liebe. Stille. Ja.


 


Freitag, 16. April 2021

106/365 Alltäglichkeiten

Was soll denn dieser Tag hergeben für Windwortohren?

Dass die Tochter den Rahmen ihres Liegevelos fertig geschliffen hat?

Dass der Sohn zum 18. Geburtstag eines Kollegen eingeladen ist und alle Gäste sich dafür in Schale geworfen haben?

Dass  eine andere Tochter heute ihre Traumwohnung angeschaut hat und sie nun unbedingt haben will?

Dass ich beinahe mit dem Hauswart zusammengecrasht bin, als ich in mein Zimmer eilen wollte und er daraus hervorschoss, da er es zu ungewohnter Zeit putzen musste? (Das ist übrigens keine lustige Vorstellung. Er hat bestimmt doppelt soviel Masse wie ich. Ich habe richtig Glück gehabt!)

Dass wir heute Besuch hatten von einer vorwitzigen Kinderzehe, welche aus einer Socke hervorlugte und unbedingt mal sehen wollte, was ihr Herr in der Schule alles erlebt?

Dass es mir unheimlich schwer fällt, entspannt zu bleiben, wenn nach der Nachricht "Bin jetzt mit dem Fahrrad losgefahren, komme in einer Stunde", 90 Minuten vergehen und immer noch kein Absender ankommt?

Oder ganz was anderes?

Donnerstag, 15. April 2021

105/365 Kurzgeschichte

Ich habe die Textversuche der Klasse abgetippt, und diesen einen muss ich teilen, weil er mich in seinem Minimalismus total amüsiert. Das Original hat etwa halb so viele Buchstaben. Als Vorlage diente eine dreiteilige Bildergeschichte. 

Rex riecht die Wurst.

Er will die Wurst.

Er hat die Wurst.

Er rennt weg.

Mittwoch, 14. April 2021

104/365 Inselleben

Letzte Woche sagte mir jemand, der selber nicht Schweizer ist: "Eure Schweiz kommt uns vor wie eine Insel. Ihr habt die gleichen Zahlen und Kurven wie alle rundum, aber statt alles runter zu fahren, geht ihr einkaufen, die Strassen sind voll von Menschen und die Schulen sind seit fast einem Jahr normal geöffnet." Und heute wurde nun entschieden, dass ab Montag auch die Terassen von Restaurants und Fitneszentren wieder offen sind, kulturelle Anlässe stattfinden dürfen – natürlich alles unter strengen Regeln.
Ich denke, alle wissen, dass wir ein Risiko eingehen, dass es ein mutiges Abwägen ist, dass die Sorge um die Jugend immer mehr ins Bewusstsein der Verantwortlichen rückt, dass wir lernen dürfen und müssen, Gesundheit ganzheitlicher zu denken. 
Aber etwas seltsam ist es schon, sich auf der Insel zu fühlen, wenn das Nachbarland nur 500 Meter entfernt ist und dort die Menschen in Sichtweite Ausgangssperre haben, während hier Grillfeste gefeiert werden.
Für das Meeresrauschen halte ich mir die leere Teetasse ans Ohr.

Dienstag, 13. April 2021

103/365 Gold

Heute ist die Sonne in diesen Flaschen untergegangen.



Montag, 12. April 2021

102/365 Blüten

"Welche Farben können denn die Blüten an den Bäumen haben?" – "Das weiss ich doch nicht! Was sind denn überhaupt Blüten?"(Frage eines deutschssprachigen Kindes!) – "Das sind so kleine wie Blumen, die kommen bei den Bäumen aus den Knospen." (Antwort eines Kindes) – "Häää? Auf Bäumen hat es doch keine Blumen!" – Blumen nicht, aber eben Blüten, mein Junge.

Morgen werde ich einen Zweig vom Apfelbaum mitbringen.

Sonntag, 11. April 2021

101/365 Übung

Heute ist Schattenspringtraining angesagt.

Sprungfeder ist wieder einer der Söhne, diesmal der jüngste. Sein Gesangslehrer, welcher ihn auf die Matur vorbereitet und selber auch mitsingt, hat ihn eingeschleust. Schatten ist sein Vater, der als Leiter mitwirkt oder besser gesagt meine jahrelange Weigerung, mich über ihn mit Musik zu beschäftigen (akute Verletzungsgefahr). Anlass ist ein Konzert, welches aus bekannten Gründen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet, jedoch im Livestream mitgeschaut und mitgehört werden kann.

Und weil es einfacher ist, zu dieser Liveübertragung einzuladen als hinterher wieder Bilder vom Bildschirm zu zeigen, lade ich ein, beim Schattenspringen mitzumachen. ;) Das Konzert beginnt um 17 Uhr. Der mittlere Sohn führt eine der Kameras, womit dem männlichen Teil meiner Familie dieser Start in den zweiten Hunderter der 365 Tage gewidmet ist.


Der Videostream ist unterdessen wieder vom Netz genommen worden.

Samstag, 10. April 2021

100/365 letzte Minute

Eigentlich hatte ich für den 100. Tag dieses Jahres etwas anderes vorgesehen, nun war es aber ausgerechnet dieser 10. April, und dieser Tag hat sich sein Programm selber ausgesucht. Was eigentlich in einem festlich geschmückten, bis auf den letzten Platz gefüllten Saal hätte stattfinden sollen mit allem, was dazu gehört, war verbannt in die Häuser, für den ältesten Sohn in seine Einzimmerwohnung. Zu dritt sassen wir da vor dem Bildschirm, hörten Reden und Musikstücke und schauten, wie hunderte von Namen über den Bildschirm leuchteten, Namen von jungen Menschen, welche heute ihren Masterabschluss feiern durften. Die Verantwortlichen haben sich riesige Mühe gegeben, ein würdiges und trotz allem irgendwie feierliches Ambiente zu schaffen. Weh tat es trotzdem, einmal mehr diesen Coronatribut zu bezahlen. 
Nun hat der neue Lebensabschnitt ganz offiziell begonnen.

Freitag, 9. April 2021

99/365 Besetzt

Ein Sitztag geht zu Ende. Ich sass im Tram, sass nach dem Besuch bei Optiker und Buchhändler wieder im Tram, dann im Schulzimmer am Pult, sass, stand auf, beobachtete die Taube, wie sie auf ihrem schlecht gebauten Nest sass, setzte mich erneut, sass auf der Bank an der Haltestelle, danach erneut im Tram, dann lange beim Essen und jetzt am Schreibtisch. Vielleicht sitze ich meistens soviel, doch heute war es irgendwie anders. Das Sitzen war Inhalt, ich tat kaum was anderes als Sitzen, mich umschauen, auf Ideen warten, die nicht kommen wollen. Auch jetzt: Ich sehe das orange Sporttrikot an der Wäscheleine hängen, die Lampe sich im Fenster spiegeln, meine Gartenhandschuhe, welche ich vor den afräumwütigen Muldenfüllern gerettet hatte und die immer noch hier liegen, sehe das Bild, welches ich in der vorletzten Silvesternacht gemalt habe, die Gutscheine an meiner Pinnwand – und sitze einfach da. Eine Fortsetzung dieser Aufzähung erspare ich mir und dir. Es wird Zeit zum Liegen.

Donnerstag, 8. April 2021

98/365 dazwischen unterwegs

Wieder einmal einer dieser "DafürgibteskeineWorte"-Tage. Es war ein Reisetag, ein Begegnungstag, ein Aufwühltag. Das lässt alles offen, und das ist gut so.


Mittwoch, 7. April 2021

97/365 Grümple

Im Schweizerdeutsch gibt es dieses herrliche Wort, welches in etwas dasselbe meint wie "entrümpeln", bloss dass die Wohltat bereits im Wort drin steckt. Schon vor Wochen haben wir via Doodle diese beiden Termine gestern und heute mit der ganzen Familie koordiniert, und fast alle konnten an einem, einige gar an beiden Tagen hier sein und helfen: Ausräumen, sortieren, entsorgen, zerkleinern, putzen, umräumen und vor allem immer wieder erinnern, lachen, weinen, würdigen, entscheiden, was bleiben darf. Es tat so gut zu erleben, wie die jungen Menschen (Kinder kann ich ja nicht mehr sagen) zupacken können und ich bin allen unendlich dankbar für diesen Einsatz.

Nun steht da die übervolle Mulde und man möchte nicht wissen, was dieser Abfall erzählen könnte von besseren Tagen. Wer genau schaut, sieht hinten rechts eine einsame, leuchtend rote Bekannte.



Dienstag, 6. April 2021

96/365

Gestern also bin ich vor dem Haus damit beschäftigt, Holz zu hacken. Zum ersten Mal seit einer Woche verlangt das Haus wieder nach der Wärme des Ofens.

Da spaziert eine Dreigenerationenfamilie auf der Strasse vorbei: Der Opa mit seinem Sohn voraus, dann die Oma mit der Schwiegertochter und zwischen ihnen die kleine Tochter auf dem Laufrad. Zuhinterst rollt der noch nicht Zweijährige auf seinem Dreiradtrotinett. Ich sehe ihn zum ersten Mal auf seinen eigenen Füssen stehen und beobachte ihn überrascht. Er sieht mich nicht, hält aber plötzlich an, steigt vom Trittbrett und schaut gebannt in die Rabatte. Sein ganzes Gesicht ist Staunen, sein ganzes Wesen scheint mit dem, was er da schaut, zu verschmelzen. Es ist, als führe er einen wortlosen Dialog. Unbeweglich steht er da, total vertieft, bestimmt eine Minute lang. 

Dann wird er von weiter vorne gerufen. Langsam steigt er wieder auf sein Trittbrett, ohne die Augen abzuwenden von dem, was ihn verzaubert hat, stösst sich dann aber ab und rollte aus meinem Blickfeld. 

Da ich vom Spaltstock aus nicht in die Rabatte sehen kann, weiss ich nicht, was der Junge dort gesehen hat und gehe nun "nach-schauen". Und da steht sie, einsam, etwas unförmig und asymmetrisch, aber wunderschön rot, wiegt sich im Wind und ist von einer Leuchtkraft, wie sie dem kleinen Kind vielleicht noch nie begegnet ist.

Und mittendrin lockt ein Farbenraum in die Tiefe der Blüte und führt in einen Traum von Vollendung, welche später Sehnsucht genannt werden wird.
Heute dann....

t

Montag, 5. April 2021

95/365 Die Dirigentin

Eigentlich hatte ich bereits eine andere kleine Geschichte für heute vorbereitet. Doch dann wurde ich gefesselt und bin eben erst wieder entlassen worden. Ich lade jede und jeden herzlich ein, in diese Welten vor hundert Jahren einzutauchen. Wenn ich so überlege, sind sich die beiden Geschichten – jene, die ich ursprünglich erzählen wollte und die hier verlinkte – in ihrem Ursprung gar nicht unähnlich. Vielleicht morgen dann!

Sonntag, 4. April 2021

94/365 Osterlicht

Soviel Licht heute, soviel Lachen, soviel Familie, soviel Essen, vor allem aber dieses Licht....


Samstag, 3. April 2021

93/365 ...

Meine Handykamera hat schon vor langer Zeit verlernt zu fokussieren. Eigentlich ist sie unbrauchbar. Trotzdem versuche ich manchmal etwas festzuhalten. Und heute veröffentliche ich sogar etwas davon: Den Boden zu meinen Füssen heute nach dem Einkaufen, als ich an der Tramhaltestelle stand und wartete. Er wartet auch, dieser Fleck Erde, durstig, hart und ausgelaugt. Das hat mich so hilflos traurig gemacht. Warum wünschen sich die Menschen immer Sonnenschein und Wärme, wenn sogar der Boden unter ihren Füssen schreit vor Durst?

Freitag, 2. April 2021

92/365 an der Birs

Das Bild soll für sich sprechen von ruhigem Ziehen zu plötzlichem Fallen und Wirbeln und Rauschen und Spritzen, um etwas weiter unten wieder zur Ruhe zu kommen.


Donnerstag, 1. April 2021

91/365 Winzigkeiten

Heute kam Post. Post kommt täglich, doch heute war es anders. Es klebte kein Strichcode und auch keine Dauermarke auf dem Umschlag, sondern zwei Marken. Ich hielt den Karton in den Händen und fasste es kaum. Da hat jemand ganz bewusst zwei kleine Bilder ausgewählt, eines mit einer Bergwiese, auf der der Schnee zurückweicht und den Krokussen Platz macht, das andere eine Szene aus einer romanischen Weihnachtsgeschichte, in der der Engel zum Hirten sagt: "Fürchte dich nicht." Die Marken sind aus den 60er-Jahren, in denen ich zur Welt gekommen bin, und sie sind seither irgendwie aufbewahrt worden von vielleicht zwei Generationen von Menschen, bis sie heute nun zu mir gereist sind.
Man könnte meinen, es wäre Post von einem vertrauten Menschen, der mich sehr gut kennt und weiss, wie gerne ich mit der Wahl der Briefmarke einem Brief noch einen persönlichen Gruss mitgebe, eine Farbe, eine Stimmung, eine kleine Geschichte ohne zu wissen ob ankommt, was sich nicht festkleben lässt.
 
Dem ist aber nicht so. Bestellt habe ich online hier ohne jeden persönlichen Kontakt. Es sind Samen für den Schulgarten, in dem ich mit meiner Klasse ein Hochbeet pflegen darf, Blumensamen, deren Wachstum wir beobachten werden. Ich wünsche mir sosehr, dass die Kinder staunen lernen.
Es fühlt sich ganz danach an, als stünde das Projekt unter einem guten Stern. 
(Ein paar davon werde ich auf Mirjams Grab säen.)