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Mittwoch, 8. November 2017

verschlüsselt


 


Am liebsten würde ich gar nicht viel dazu sagen. Diese kleine, bodennahe Türe in einer uralten Mauer am Steilhang zum Rhein sprach eine melancholische Sprache, als ich sie entdeckte und zu ihr niederkauerte, von lebenslänglicher Suche, Generation um Generation, von verschlossenen Türen und verlorenen Schlüsseln, von vergessenen Räumen dahinter. Doch bestimmt kann sie auch ganz anderes erzählen. Der Hörer soll entscheiden, was er sieht.

Dienstag, 7. November 2017

Lebenslauf

Vor 23 Jahren um diese Zeit lag ich glückselig im Gebärzimmer und merkte nicht, dass der Kinderarzt um das Leben meines soeben geborenen Sohnes kämpfte. Er war blau und hatte noch keinen Ton von sich gegeben, doch ich war nach den Strapazen dieser ersten Geburt überrollt von Glücksgefühlen, wurde genäht und hatte keine Ahnung, dass normalerweise Babys wesentlich grösser und schwerer und Nabelschnüre viel dicker sind und kein Kinderarzt ins Gebärzimmer gerufen wird. Bald darauf dieser erste Schrei, der durch Mark und Bein ging und etwas später dann das winzige Bündelchen Mensch auf meiner Brust, zugedeckt mit warmen Decken. Nun war ich Mutter. 






Es ist nicht das erste Mal, dass ich dieses Bild poste. Es ist das erste von ihm und er ist da schon 12 Stunden alt. 
Heute ist wie gestern. 23 Jahre.

Sonntag, 5. November 2017

Unerwartetes

Der Weiterbildungstag begann damit, dass die Technik nicht funktionierte. Mit meiner perfekt ausgestatteten Tagungsmappe sass ich in der Aula, blätterte die Teilnehmerliste durch, schaute mir zu, wie ich versuchte mir klar zu machen, dass dies eine ganz nornale Situation sei: Ich sitze auf einem Stuhl, 150 andere Lehrpersonen, Schulleiterinnen und Schulleiter vor, neben und hinter mir, ich kenne keinen, die Fenster sind gross und sitzen in schwarzen Vierecken, draussen nieselt der Herbst vor sich hin, ich rede mit keinem, was kein Grund ist, mich schlecht zu fühlen, weil nicht reden genauso richtig ist wie reden.
Vorne berieten sich die headsetausgestatteten Moderatoren und Redner und fanden irgendwann sichtbar erleichtert eine Lösung. Der Riesenbildschirm wurde hell. Strahlend betrat die Gastgeberin die Bühne.
Es folgten dem Programm gemäss Bergrüssung und Einführung ins Thema. "Unerwartetes im Schulalltag erwarten!"
Wenn soviele Lehrer zusammen sind, ist es selten ganz still. Die Köpfe dieses Volkes stecken so oft voll von Richtigkeiten und Wichtigkeiten, die mitzuteilen zweifelsohne höhere Priorität hat als zuzuhören, was da vorne gesprochen wird. Ab Montag stehen sie dann wieder selber vorne und erwarten von den Kindern störungsfreie Aufmerksamkeit. Ich spürte Ungeduld und Gereiztheit. Es fiel mir schwer, das Gewisper auf allen Seiten wegzufiltern und mich zu konzentrieren auf die Begeisterung des Tagungsleiters.

Als nach 20 Minuten der Prof. em. Dr. Tagungsredner die Bühne betrat, wurde es endlich still. Er wusste zu fesseln vom ersten Augenblick an. Wortgewandt, spielfreudig, rhetorisch brilliant, anschaulich und vielschichtig beleuchtete er seine Modelle, machte Mut, der Komplexität von Wechselwirkungen im Unterrichtsalltag  mit Vertrauen und Improvisationsfreude zu begegnen, versuchte uns dafür zu begeistern, dass im Unerwarteten ein unglaubliches Lernpotential und die Chance für Neues steckt, klickte sich durch seine Präsentation und schaffte es, den Saal sicher einmal jede Minute zum Lachen zu bringen.
Da wurde er von einer jungen Frau in meiner Reihe unterbrochen: "Könnten sie bitte die letzte Folie noch einmal zeigen, mir geht das zu schnell." Das in Aussicht gestellte Handout änderte nichts an der Forderung der Hörerin und bereitwillig klickte der Herr Dr. noch einmal zurück, um gleich darauf fortzufahren.
Da er, wie er mehrfach betonte, nicht im dem schulischen Kontext geforscht und gearbeitet hat, schilderte er anhand eines Beispieles aus der Medizin die Vielschichtigkeit eines Prozesses, welcher in eine ausweglose Situation mündet und danach reflektiert und aufgearbeitet werden muss.
Unmittelbar vor der Auflösung des spannenden Falles wurde er erneut unterbrochen. Wieder war es eine Frau, welche hörbar genervt intervenierte: "Wissen sie, wie lange sie jetzte schon über dieses medizinische Beispiel sprechen? Wir kommen hier alle aus dem Schulbereich, es dürfte doch nicht so schwierig sein, an einem Beispiel, welches uns näher liegt, zu eräutern. Ich habe da zum Beispiel letzte Woche die Situation erlebt, dass..." und sie schildert die Konstellation ihres Problems.
Im Saal wurde es unruhig. Fast jeder drehte sich kurz nach der Rednerin um, folgte irritiert oder widerwillig der Unterbrechung. Ich ärgerte mich. Wie wichtig nimmt die sich? Hat die wirklich das Gefühl, alle hier interessieren sich mehr für ihre Geschichte als für die spannende Darstellung, in die wir eingetaucht waren? Kann die den Transfer, den der Redner vorschlägt, nicht machen? 
Erstaunlicherweise ging der Kritisierte ziemich locker mit der Störung um. "Wissen sie was? Haben sie Lust, den zweiten Teil des Vortrages mit mir zusammen zu gestalten, dann kommen sie doch nach vorne!" Freudig ging die Frau auf seinen Vorschlag ein und stand kurz darauf auf der Bühne, zusammen mit dem Tagungsleiter.
Dieser fand, es wäre jetzt an der Zeit - nein, nicht einzugreifen – sondern aufzulösen und uns mitzuteilen, dass die beiden Frauen Schauspielerinnen und die Störszenen geplante Inszenierungen waren. 
Und dann erschienen auf dem Bildschirm die Fragen an uns: Wie haben sie sich während dieser Unterbrechungen gefühlt? Was haben sie den Sprecherinnen gegenüber empfungen? Haben Sie sich solidarisiert mit dem Referenten? Wie hätten sie reagiert? 
"Ich werde nicht gerne ertappt", notierte ich an dieser Stelle. Vor mir stand das Chaos vom Freitagnachmittag, mein Chaos, weil ich mit der Komplexität an Unerwartetem nicht kreativ umgehen konnte, meine Gefühle dann und jetzt.

Hören Sie nie auf, Fragen zu stellen, infrage zu stellen, ermunterte er uns abschliessend.
"Es gehen mehr Fragen verloren, als Antworten gefunden werden."

Samstag, 4. November 2017

sinnlicht

Auch wenn du es momentan schwer hast, 
wünsche ich..... 
deinen Füssen Leichtigkeit 
deinen Händen Zärtlichkeit 
deinen Ohren Musik 
deinen Augen Schönheit 
deiner Nase Rosenduft 
deinem Mund ein Lächeln 
deinem Herzen Liebe 
deiner Seele Frieden. 

Damit mögest du gesegnet sein. 

Buddhistischer Segensgruss






Als Fundstück empfangen und das Bedürfnis zu teilen gespürt. Über den heutigen Tag werde ich erst die Nacht sich senken lassen.

Freitag, 3. November 2017

Mondtag am Freitag

Schon tröstlich, wenn man die Unruhe einer Klasse auf den Mond schieben darf. Heute war definitiv mein erster Chaostag.
Ich brauche ein Bett, und wehe, du da oben am Himmel lässt mich nicht schlafen!


Donnerstag, 2. November 2017

Schul....

Beim Einkaufen begegne ich einem früheren Studienkollegen mit seiner jüngsten Tochter. Nach einer freudigen Begrüssung frage ich das Mädchen, wie es ihr* denn gehe. Sie zieht die Augbrauen hoch, rollt die Augen und pustet laut hörbar die Luft aus ihrem ganzen angespannten Körper. Der Vater übernimmt das verbale Antworten und ergänzt: "Das ist echt hart. Mit der fünften Klasse ist die Kindheit vorbei, Ende schönes Leben!" Details folgen, hier nicht.
Mir wird elend. Er beschreibt die Institution, in der ich arbeite, schildert die Elternsicht, den Blick auf ein Kind, welches noch so verspielt ist und es kaum erträgt, zu Hause nach sieben vollen Schulstunden noch 60 Minute Hausaufgaben dran zu hängen. 
Darf sich die Schule wirklich die Verantwortung für einen solch brutalen Eingriff in die natürliche Menschenentwicklung aufladen? Darf es sein, dass ein zehn- oder elfjähriges Kind nur noch dafür lebt, die Erwartungen einer Lehrperson und allzuoft auch die der ehrgeizigen Eltern zu erfüllen? Dürfen wir unter dem Vorwand der Lebensvorbereitung (wann genau fängt das Leben eigentlich an?) die lernzielorientierte Arbeit über das freie Spiel stellen, jenen Ort, wo das Kind sich, seine Stärken und seine Freude entdecken und erleben kann? Wollen wir und brauchen wir wirklich Erwachsene, welche zwar genau gelernt haben, die Erwartungen, welche an sie gestellt werden, um jeden Preis zu erfüllen, jedoch erschrocken leer nach Ablenkung suchen, wenn sich ihnen die Frage stellt: "Und du, was willst du? Was tut dir gut?"
Es geht darum, die Fragen zu lieben. Ich möchte keinen Tag als Lehrerin arbeiten, an dem ich mir dieser Herausforderung nicht bewusst stelle.

* Es fällt mir so schwer, grammatikalisch korrekt mit "es" fortzufahren.





Dienstag, 31. Oktober 2017

ohne mich

Schattenspringen war noch nie meine Stärke. Und ich ahne, dass ich es an Halloween nie schaffen werde. Klar verpacke ich Süssigkeiten für die Kinder, die an der Türe Sturm läuten, ich höre freundlich ihren Versen zu und staune über die Mütter, die auf der Strasse warten und ihre Gruppe dann zur nächsten Haustüre begleiten.
Aber dass ich je eine solche Gruselmaskierung schön finden oder Kotzkürbisse schnitzen oder ein Kostüm ehrlich bewundern werde, das bezweifle ich sehr, geschweige denn, dass ich Garten oder Haus mit Skeletten, Gespenstern und Gummispinnen schmücken würde. 
Ist einfach nicht meins. Dabei ist es nicht der Tod, den ich verbannen möchte. An den denke ich wohl täglich. Vermutlich ist es irgendein Gefühl, dem ich mich nicht stellen möchte. Süss oder sauer.