Ich hatte versprochen zu erzählen.
Eine Mutter, die in sich die Erinnerung an den letzten Tag ihrer Tochter trägt, erwacht früh, so früh wie damals, als die kurze Nacht auf der unbequemen Liege neben dem Intensivplatz endete mit der blitzartigen Gewissheit, dass dies die Stunde des Abschiedes ist. Ein Mutterherz kann diesen Moment nicht vergessen, kann nicht ohne Ergriffenheit durch die Erinnerung gehen, muss aufstehen und Feuer machen und all die Dinge tun, die es im Leben zurück behalten haben.
Um halb sieben machte ich mich auf den Weg, in mir das leise Beben wie ein kleines Echo von der Erschütterung jener Dämmerstunde. Damals schneite es, ohne dass ich es bemerkt hatte. Diesmal begann ein wolkenloser Himmel mit einem hellen Saum zu erwachen. Meine Füsse grüssten all die Steine wie vertraute Bekannte, die tausendfach den Weg gezeichnet haben hinunter zu diesem kleinen Flecken Erde am alten Dorfrand. Es war morgenstill und kalt, die Erdschollen hart gefroren und von weissen Kristallen überzogen. Ich stellte die mitgebrachten Kerzen auf die Wegplatte, füllte aus der Flasche Wasser in die Vase, schälte die Blumen aus dem grünen Papier und stellte sie ins Wasser. Dann entzündete ich die Kerzen und freute mich seufzend über das Licht und den vertrauten Duft nach heissem Metall. Es war gar nicht so einfach, Stellen zu finden, auf denen die Kerzen stehen konnten ohne abzurutschen.
Frieden. Grösse. Stille. Die Dämmerung schien zu lächeln, mit jedem Atemzug ein Bisschen mehr. Die kleinen Lichter vor dem Stein antworteten mit friedlichem Leuchten.
Und dann begann die Amsel zu singen!
leise, ungeübt noch, aber so unendlich schön, und ihr Lied sank hinein in das Mutterherz und öffnete es und fand darin ein zitterndes Glück, tiefe, schüchterne Liebe und eine unfassbare Dankbarkeit.


