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Sonntag, 17. Februar 2019

Geburtstagsmorgen

Ich hatte versprochen zu erzählen.
Eine Mutter, die in sich die Erinnerung an den letzten Tag ihrer Tochter trägt, erwacht früh, so früh wie damals, als die kurze Nacht auf der unbequemen Liege neben dem Intensivplatz endete mit der blitzartigen Gewissheit, dass dies die Stunde des Abschiedes ist. Ein Mutterherz kann diesen Moment nicht vergessen, kann nicht ohne Ergriffenheit durch die Erinnerung gehen, muss aufstehen und Feuer machen und all die Dinge tun, die es im Leben zurück behalten haben.

Um halb sieben machte ich mich auf den Weg, in mir das leise Beben wie ein kleines Echo von der Erschütterung jener Dämmerstunde. Damals schneite es, ohne dass ich es bemerkt hatte. Diesmal begann ein wolkenloser Himmel mit einem hellen Saum zu erwachen. Meine Füsse grüssten all die Steine wie vertraute Bekannte, die tausendfach den Weg gezeichnet haben hinunter zu diesem kleinen Flecken Erde am alten Dorfrand. Es war morgenstill und kalt, die Erdschollen hart gefroren und von weissen Kristallen überzogen. Ich stellte die mitgebrachten Kerzen auf die Wegplatte, füllte aus der Flasche Wasser in die Vase, schälte die Blumen aus dem grünen Papier und stellte sie ins Wasser. Dann entzündete ich die Kerzen und freute mich seufzend über das Licht und den vertrauten Duft nach heissem Metall. Es war gar nicht so einfach, Stellen zu finden, auf denen die Kerzen stehen konnten ohne abzurutschen.


Frieden. Grösse. Stille. Die Dämmerung schien zu lächeln, mit jedem Atemzug ein Bisschen mehr. Die kleinen Lichter vor dem Stein antworteten mit friedlichem Leuchten. 

Und dann begann die Amsel zu singen! 

leise, ungeübt noch, aber so unendlich schön, und ihr Lied sank hinein in das Mutterherz und öffnete es und fand darin ein zitterndes Glück, tiefe, schüchterne Liebe und eine unfassbare Dankbarkeit.

Samstag, 16. Februar 2019

701

Eben sehe ich beim Blick auf die Bearbeitungsseite, dass der Geburtstagspost der 700. war in diesem Blog. Eine schöne Zahl! Immerhin war der 14.2. auch der 3. "Geburtstag" von Windworte. Danke für euer Hiersein. Danke für eure Kommentare. Danke dafür, dass ihr es aushält, dass Mirjam immer noch genannt wird. Ich möchte später noch berichten von vorgestern. 
Mit einer Art Sehnsucht denke ich heute an diesen Tag vor 10 Jahren mit all seinen Wundern an Mirjams stillen Bettchen, die so trostvoll den Schmez betteten. Es ist die Sehnsucht nach intensiv gelebtem Leben, nach dem Verbindung zur Bedingungslosigkeit, nach der unglaublichen Intensität, die geboren wurde aus dem einzigen, was damals möglich war: Moment um Moment zu leben, nur den nächsten Atemzug zu schaffen. 
Heute könnte ich aus Freiheit tun, was damals alternativlose Überlebensstrategie war. Warum gelingt es nicht? Warum ist Alltag so träge und feige? Oder ich?

Donnerstag, 14. Februar 2019

Mittwoch, 13. Februar 2019

...

Bei allem Schrecken und aller Verzweiflung, welche mein Leben aufrissen in diesen letzten Stunden, wurden doch auch unglaubliche Geschenke gesät, als würde Mirjam dafür sorgen, dass ich überleben kann, wenn sie gegangen ist, als würde der Tod auch gebären. Bewusst erkennen konnte ich diese Wunder erst im Nachhinein, denn in jenen Tagen lebte ich "bewusstlos".
Es war wohl aus einer Strohhalmhoffnung heraus, dass wir den Hausarzt anriefen an diesem 13. früh, oder es war tatsächlich ein tieferes Wissen um die Kreise, die das Leben legte. Da sassen wir jedenfalls im ersten Morgenlicht in dieser Praxis, die schon bald mein Rettungsanker werden sollte. Ich kann mich nur an den einen Satz erinnern, den ich geschrien (?) hatte, und an dieses unendlich stärkende Gefühl, wahrgenommen zu sein in allem abgrundtiefen Entsetzen. Das ganze Konstrukt von Schuld und Verantwortung löste sich auf und liess die Energie einströmen, mit der ich mein Kind bedingungslos begleiten konnte auf seinem Weg, egal wohin er führen sollte. Sosehr heilsam gestärkt und gesegnet für das, was kommt, verliess ich diesen Ort an jenem Morgen.
Ich habe in all den Jahren danach, in denen ich von diesem Menschen zurück ins Leben begleitet wurde, nicht verstanden, was genau geschieht. Ich nannte es Gnade, ich stanunte, ich überlebte. Ich weiss nicht, ob ich es geschafft hätte ohne diese Insel, wo alles Platz hatte, wo ich kein Urteil spürte, wo in einer zutiefst heilsamen, wunderblauben Energie Atmen wieder möglich wurde, wo ich Mut hatte, hinzuschauen, wo ich mir selber begegnete auf eine völlig neue Weise, wo Begegngnung stattfand auf einer Ebene, in der Mirjam präsent sein konnte wie nirgendwo sonst.
Als diese Insel vor bald drei Jahren verschwand, schien auch Mirjams Präsenz sich zu wandeln. Als hätte sie die Aufgabe des ersten Jahrsiebts erfüllt. Was bleibt ist eine Dankbarkeit, die bisweilen fast schmerzt, weil sie keine Form mehr findet, ist ein Wissen oder Ahnen um die Verbindung jenseits von Leben, Tod, Verstand, Beweis und Gefühl. 
Ich weiss, dass sie in ihrer zeitlosen Formlosigkeit jetzt da ist, diesen Moment ermöglicht, erfüllt mit Klang, Wärme, Duft und Stille. Und darin ist alles enthalten, was die Essenz ihres Weges mit all seinen Geschenken ist, auch jenes von dieser segensvollen Insel. Dieses ganz besonders.

Dienstag, 12. Februar 2019

heute

Natürlich ist es äusserlich ein Tag wie ein anderer auch. Wir feiern einen Geburtstag, untersuchen Malrechnungen, üben die Grossschreibung nach dem Punkt, turnen, ich rede mit Kolleginnen über Pensenfragen, Haarfarben der Schüler, die Einrichtung eines neuen Mailaccounts, mit einer Mutter über Streptokokken, mit der Tochter über deren ach so schreckliche Klasse und überhaupt alles, ich leere die Altpapierkiste, kaufe ein, beruhige einen Vater, dessen Tochter ihre Uhr im Turnen hat liegen lassen....

Und doch liegt da über dem Tag der Schleier des Zwölften, dieses Donnerstaglicht, die Intensivstation, der letzte Blick in die geliebten Augen, die bangen Stunden im kleinen Warteraum, während nebenan drei Ärzte um das junge Leben kämpfen. Am liebsten würde ich mich ganz dort hinein lehnen in diesen Teil meines Lebens, der die Kraft hatte, alles zu verändern, möchte ihn mit meinen Tränen zum Leuchten bringen, möchte hinüberlauschen zu ihr und sie bitten zu antworten. 

Der Schlagzeuger in der Vortragsstunde, in der auch eine Tochter spielt, trommelt alle Stille hinweg. Sein ganzes junges Leben legt er hinein in sein leidenschaftliches Spiel. Ich lasse es geschehen.

Samstag, 9. Februar 2019

Der Neunte

Das Erinnerungskraussell beginnt zu drehen, ich kann nichts dagegen tun. Heute Abend sind 20 Jugendliche zum Geburtstagnachfeiern hier. Das wird ablenken. Doch da ist dieses Licht, der Lichteinfall, die Zeit der Dämmerung, die Geräusche vom Wald, ..., da ist so vieles, was sich in meinem Körper untrennbar verbunden hat mit dem Geschehen damals – vor 10!!!!!! Jahren.

Freitag, 8. Februar 2019

bühnenreif

Heute die letzten drei Elterngespräche und wieder eine neue Pensenidee. Eigentlich erstaunt es mich, mit welch erschöfpender Hoffnung ich mich nach Sicherheit sehne. Mein "spirituelles Ich" suffliert mir nämlich Heilsames zur Unsicherheit. Regie und Beleuchtung gehen pragmatischer mit dem Drehbuch um.