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Freitag, 31. Dezember 2021

365/365 Erfüllung

Es ist wohl der erste Neujahrsvorsatz meines Lebens, dem ich treu geblieben bin. Zwei Faktoren haben mir dabei gehofen, nicht aufzugeben: Die Zahlen und die Menschen, die vorbei gekommen sind, um diesen Hauch eines jeden Tages flüsterleise wehen zu lassen. Eigentlich sind auch die allermeisten dieser Menschen Zahlen, aber das ist ok. 

Ich danke beiden, denn für mich hat diese selbstgewählte Verpflichtung einen Halt gegeben, der mich selber erstaunt hat. Jedem Tag eine klitzekleine Essenz abzuringen, welche keine Persönlichkeitesrechte verletzt, war Herausforderung und gesunde Distanzhalterin zugleich, Distanz zu den Alltagsverwicklungen, die oft in den Details von blonden Locken, Parfüms, Turnhallenstundenplänen und allem, was ich mir selber öffentlich zu diskutieren in diesem Pandemiejahr verbot, verwickelt waren.

Eine neue Herausforderung steht bereits vor der Türe. Ich weiss aber noch nicht, ob ich sie herein lassen werde. Mit der Entscheidung warte ich bis nächstes Jahr und wünsche allen, welche es noch vor Mitternacht hierher schaffen, einen versöhnlichen Jahresabschluss – und wie gesagt: Danke!

Donnerstag, 30. Dezember 2021

364/365 Planen

Es tat gut, heute einen Teil des Kollegiums zu tteffen, wenn auch nur virtuell. Es tat gut, die Fragen zu stellen und zu hören, dass andere ähnliche Fragen haben, dass einige sogar weinen, weil immer mehr von dem, was uns den Beruf lieb macht, verboten wird, versteckt wird, als Gefahr eingestuft wird. Heute bekamen wir eine Liste, an welchem Wochentag wir in der Pause noch ins Lehrerinnenzimmer gehen dürfen: Jede Person einmal pro Woche, immer in denselben Kleingruppen. Sport mit Maske, auch die Erstklasskinder, und so, dass der Abstand gewahrt werden kann. Fernunterricht (ab drei kranken Kindern in einer Klasse) so organisieren, dass alle Kinder etwa gleich lange zu tun haben. Das bedeutet für das privilegierteste Kind etwa 20 mal soviel Material wie für das Benachteiligste, weil dort niemand ist, der Kraft und Sinn hat, einen Rahmen zu schaffen, in dem gearbeitet werden kann. 

"Irgendwann werden wir das Virus laufen lassen müssen", wurde heute eine Expertin zitiert. Ich freue mich auf irgendwann, auch wenn man das ja nicht laut sagen darf. Ich habe bloss geflüstert, Ehrenwort!

Mittwoch, 29. Dezember 2021

363/365 Reise in die Vergangenheit

In der Mediathek des Schweizer Fernsehens bin ich auf die Sissi-Filme gestossen. Ich hatte die zuvor nie gesehen und mich nicht mit Monarchien auseinandergesetzt, ausser als wir es damals im Geschichtunterricht tun mussten.

Gestern nun zappte ich druch den zweiten und dritten Film und begann danach, die Biographien der Protagonisten und Protagonistinnen zu studieren, las von Exil, psychischen Krankheiten, Verbannung, Intrigen, Macht, Elend. Heute führten mich die verschlungenen Pfade ins englische Königshaus mit den Geschehnissen im 16. Jahrhundert, als der König die Macht hatte, seinem ganzen Volk die Religion aufzuzwingen, weil es seine Geliebte nur heiraten konnte, wenn er Rom nicht unterstand und als Oberhaupt der eigenen Kirche seine erste Ehe für ungültig erklären konnte.

Als ihm diese Frau nach drei Jahren noch immer keinen Thronfolger "schenkte", sondern bloss ein Mädchen und danach zwei Todgeburten hatte, inszenierte er einen Intrigenprozess, der zur Enthauptung seiner Gemahlin führte. 

Entsetzt, verwirrt und schaudernd denke ich an das Leben damals, das Leben als Frau oder als Untertan allgemin, an die narzistische Willkür der Monarchen, der alle ausgeliefert waren. Und ich denke an Länder und Kulturen, in denen jetzt in dieser Stunde Frauen ähnlich leiden, fürchten um ihr Leben, kein Recht aben, keine Freiheit, sondern der Willkür und dem Fanatismus von Anführern ausgeliefert sind. 

Und ich denke an die Freiheit, in der ich hier leben darf, deren Einschränkung ich beklage, obwohl ich alle Chancen habe, jedem Augenblick mit meinem Leben zu antworten.


Dienstag, 28. Dezember 2021

362/365 Nacht

Dieser Tag startete verplant, mündete dann jedoch bald in ein Plätschern von Nichtstun. Offenbar brauche ich das einfach auch. Draussen stürmte und regnete es. Geplätscher also auch in der Dachrinne.

Montag, 27. Dezember 2021

361/365 ...

Und wieder ist es spät geworden. Ich war heute bei meiner Mutter, zusammen mit einer Schwester und deren Familie. Dadurch waren fünf Stunden meines Tages mit Reisen gefüllt. Die Züge und Buse sind fast leer. Auf eine Reisende entfallen etwa 4 Abteile à je 4 Plätze. Es ist zwar eine angenehme, aber auch eine gespenstische Stille in den Fahrzeugen. Man schaut sich nicht an. Aus dünnen Schlitzen zwischen Masken und Mützen starren die Augen auf die Handys. Was geschieht da mit uns Menschen? Wohin treibt uns dieses Misstrauen, die Angst vor Nähe?

Nur am Bahnhof, da gehen zwei aufeinander los, brüllen sich an, dass der ganze Platz erstarrt in ihrem Geschrei. Wie wilde Tiere wirken sie, voll bebender Wut und Verzweiflung.

Ich denke oft an die Mütter dieser Welt, welche jetzt und je ihre Familien in Not und ihre Söhne im Krieg wissen. Ich weiss nicht genau warum. Vielleicht weil mir der Gedanke hilft, dankbar zu sein, vielleicht weil ich in diesen zeiten ahne, wie das Leben sich anfühlen kann in dieser ständig lauernden Bedrohung durch Hass und Unmenschlichkeit. 

Ich wähle die Dankbarkeit für den Weg in den Schlaf.

Sonntag, 26. Dezember 2021

360/365 frohes Fest

Nun sind sie bis auf eine alle wieder weg. Im Abstand von etwa drei Stunden ist einer nach der andern gegangen: Zum Freund, nach Hause, Zum Kollegen, zu einem Abendessen und schliesslich der letzte in die Berge. Da ist soviel Staunen, Dankbarkeit, Glück, Müdigkeit und Wehmut nebeneinander in mir.

Samstag, 25. Dezember 2021