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Mittwoch, 2. November 2016

Allerheiligen



Gestern abend, es war längst dunkel, spazierte ich mit einer Kerze hinunter zum Grab. Wenigstens ein Licht in diesen Tagen, wenigstens ein kleines Zeichen dafür, dass ich nicht vergesse, auch wenn es mal wieder das einzige Grab ist, welches "nicht gemacht ist". 
Beim Näherkommen erkannte ich einen Schatten, den Umriss eines Menschen dort, wo ich sonst stehe. "Entschuldigung", sagte der Schatten mit einer jungen Stimme, "ich – ich komme immer gerne hierher, aber ich gehe gleich." – "Bleiben Sie. Kennen wir uns?" fragte ich und forschte in den durch die flackernden, roten Lichter schwach beleuchteten Gesichtszügen. "Von früher," sagte sie und nannte ihren Namen, den einer Kindergartenfreundin eines meiner grossen Kinder, eine junge Frau also. "Es ist so schön hier, dieses weisse Blütendach über allem, es sieht so geborgen aus." Ich zündete meine Kerze an, stellte sie unter das "Dach", welches laut Konvention in die Grünmulde jenseits der Hecke gehörte und fragte sie nach ihrem Weg, den sie seither gegangen war, seit ich sie aus den Augen verloren hatte. Und sie erzählte und erzählte und öffnete sich hier in der Dunkelheit, erzählte geschützt vom grossen Schatten der Nacht von den ihren in ihrem Leben, begletete mich später bis vor meine Haustüre und verabschiedete sich so dankbar, als hätte sie ein Geschenk bekommen. "Ich weiss nicht, ob du das glaubst, aber ich bin sicher, man begegnet Menschen nicht zufälligerweise", meinte sie. Ich gab den Dank still weiter an den Sternenhimmel.