Stell dir vor: Eine Nuss, eine Baumnuss in ihrer harten Schale. Du hälst sie in der Hand, seit langer Zeit, immer wieder. Du kennst sie blind, ihre Form, ihre Struktur, ihr Gewicht, ihren Klang. Und immer wieder wird dir gesagt: Da drin befindet sich ein Kern, ein wundersam geformter Kern, und der ist essbar, schmeckt wundervoll.
Du weisst es längst, trägst mit der Schale die Nuss mit, kannst sie dir vorstellen, hast sie jedoch nie geschmeckt. Und doch meinst du zu wissen, was eine Baumnuss ist. Bis zu dem Tag, an dem die Schale aufbricht und du erkennst, was du gemeint hast zu wissen.
So ein Geschenk habe ich gestern erhalten, wenige Stunden nach der Zusage meiner neuen Stelle, diesem unendlich stärkenden Vertrauensbeweis.
Es ging um meine Frage nach dem Loslassen. Seit Mirjam den Stein ins Rollen gebracht hat, ist dies zentrales Thema in meinen Prozessen, oft unheilvoll verknüpft und verschlungen mit alten Dogmen von Schuld und Sühne, Pflicht und Schmerz.
Das Leben fordert das Loslassen, weil die Vergänglichkeit in seiner Natur liegt. Das Festhalten als Umkehrung in rückwärts gerichteter Starre raubt Atem und Kraft. Dies und vieles mehr meinte ich verstanden zu haben, trug ich in schützender Schale als kostbare Frucht.
Doch dann traf gestern meine Frage auf tiefes Wissen, und völlig anstrengungslos öffnete sich die Schale, und was da heraus leuchtete war von solcher Schönheit und Leichtigkeit, dass ich im selben Augenblick mich in ein einziges Staunen hineingetaucht fand.
Loslassen ist nur dann nötig, wenn es darum geht, Schweres, Hinderndes, Erdrückendes hinter sich zu lassen. Was leicht, hell und liebevoll fliesst, brauchen wir nicht loszulassen. Nie. Nicht nötig, nicht heilsam, nicht möglich. (weil wir es ja auch nicht festhalten, sondern empfangen, das ergänze ich heute).
Nicht: "ich muss loslassen", sondern "ich darf loslassen".
Ich spüre die Grenze der Worte. Es mag seltsam anmuten, aber dieses Bild vom letzten Samstag hat mich an ähnlichem Ort berührt. Es war mir, als ich davor stand, als würden mir die Steine in flüssiger Form begegnen, als würde sich in ihrem Wesen spiegeln, was in mir lebt. Zuneigung, Geborgenheit und gleichzeitig eine neue Dimension von Freiheit in der Verbundenheit, die Freiheit, mir zu vertrauen und meinem tiefen Wissen darum, was hindert und was fördert. Und wer. Danke, Leben.
