Sie wecken in mir keine Frühlingsgefühle, die Tulpen, die sich ab Neujahr in den Kübeln neben den Supermarktkassen zum Verkauf anbieten müssen. Und wenn ein paar Wochen später die Schokoladenhasen mit ihrem ganzen Zuckereiergefolge Einzug halten, mache ich einen grossen Bogen um die Osterinseln. Die Erdbeeren in den ZNüniboxen der Schulkinder riechen für mich jetzt genauso falsch wie Mandarinen im September, und wenn nach der Herbstmesse die Weihnachtsbeleuchtung installiert wird, tut es einfach nur weh. Darauf warten, bis es Zeit ist, das hat seine Kraft verloren. Dabei ist die Vorfreude eines der stärksten Warmgefühle für mich, und ihre Untergrabung macht traurig und rührt in einem immer fader werdenden Einheitsbrei.
So ging es mir auch in den letzten Wochen, als der Januar sich aufspielte wie einer seiner Frühlingsbrüder. Die blauen Krokusteppiche unter dem alten Baum im Schlosspark, das Schneeglöckchengeläute ringsum, das saftige Grün des wachsenden Grases, vor allem aber der Amselgesang in der dafür viel zu späten Morgendämmerung, all das weckte in mir Widerstand in Trauerform. Die Bilder der erfrorenen Reben und Nussbäume im letzten April waren ständig präsent, die hunderten von Kirsch- und Apfelbäume ohne Früchte letzten Sommer. Ich fühlte mich irgendwie betrogen um die Wintersprache, seine Geschichten, seine Bewegungslosigkeit, um seine Vollmacht über den Schlaf. Die Amseln liessen zwar mit ihrem Morgenlied diese wohlbekannte, wundersam süsse Herzstillstandsglücksfarbe in mein Herz fliessen, aber dort verwandelte sie sich in bittere Verwirrung.
Und nun beginnt heute der Februar, den ich noch immer und nun zum neunten Mal! mit Seufzen begrüsse – und bringt Biswind mit sich, verzuckerte Hügelkämme, Morgenstille und Wollschalberechtigung. Als mir auf dem Rückweg von der Mittagspause der Wind eine einzelne, eisige Schneeflocke ins Gesicht bläst, bringt diese die ganze Widerstandskraft zum Einsturz. Es schüttelt mich und eine Träne bergrüsst den Februar und seinen Klang, den er von Mirjam bekommen hat. Heute ist es eine Glücksträne. Eine Winterglücksträne. Eine Februarwinterglücksträne.