Sanfter und liebevoller könnte ich heute wohl nicht geweckt werden als durch das Rauschen und Tropfen über meinem Kopf, als durch diesen Frühlingsmorgenregen, den ich seit Tagen herbeisehne. Es ist noch früh, die Vögel jubilieren wohl ein Trinklied. Ich bleibe lange lauschend liegen, noch zielmlich müde und zufrieden.
Irgendwann stehe ich auf, füttere die Katzen und verlasse das schlafende Haus Richtung nächste Bank, von der aus ich über das Tal blicken kann. Sie ist jedoch so nass, dass ich statt mich zu setzen an ihr vorbei gehe, weiter, immer weiter. Ich betrete einen Pfad, der in das Hellgrün des Waldes hineinführt, folge ihm bergaufwärts. Weiter oben knackts es. Eine Gruppe von drei Rehen scheint mich gesehen oder gewittert zu haben und springt plötzlich laut rufend in grossen Sprüngen davon. Wie lange mag es her sein, dass ich zum letzten mal einem Reh begegnet bin? Der kaum erkennbare Weg führt der Landesgrenze entlang. Ich wechsle bestimmt 30 Mal das Land, immer aufmerksam auf den nächsten Schritt achtend auf der Suche nach einer rutschfesten Unterlage und einer gut verwurzelten Pflanze in Griffnähe. Es geht steil aufwärts. Meine Konzentration ist ganz und gar beim Gehen und alle Gedanken, welche mich sonst im Wald begleiten, sind weg, wohltuend weit weg. Das realisiere ich jedoch erst, als sie kurz unter dem Scheitelpunkt des "Berges" auf dem vertrauten Weg auf mich warten.
Der breite, sonst steinige Waldweg ist über lange Strecken braun von den heruntergefallenen Knospenhüllen der Buchen. Weich wie ein Teppich fühlt er sich unter den Füssen an und lässt sich geräuschlos beschreiten. Die Stille des Waldes wird dadurch noch grösser, noch berührender. Wunschlos glücklich? fragt die Beobachterin, weil Wünsche ja mit diesem Tag irgendwie verbandelt sind. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich nicht alleine wäre. Wenn da soviel Vertrauen und Weite zwischen uns wäre, dass wir schweigend verbunden dieses Staunen teilen könnten, wenn keine Erklärung und Rechtfertigung und Analyse und Geschichte sich vordrängeln würde, wortreich die Stille verdrängen würde. Es fühlt sich hell und warm an.
Der kleinen Kobold krallt sich an meiner rechten Schulter fest: "Typisch, wie egoistisch du wieder bist. Denkst nur an dich und willst dann doch jemanden dabei haben. Wie willst du Freunde haben, wenn du sie fliehst, wenn du Schweigen dem Austausch vorziehst? Freundschaft heisst Bereitschaft, sich auf den andern einzulassen, nicht Erwartungen an ihn zu stellen..." Wie gut ich die krächzende Flüsterstimme kenne, wie vertraut sie mir ist. Ich versuche, den ungerufenen Begleiter abzuschütteln, ihm nicht zuzuhören, mich wieder dem Gehen, der Wärme zuzuwenden.
Als ich nach Hause komme, haben die "Kinder" das Frühstück vorbereitet. Es berührt mich, sie singen zu hören, in ihre blauen und braunen Augen zu blicken und zu verstehen, dass ich keine Angst zu haben brauche. Und als es an der Türe klingelt und eine Freundin mit Blumen davor steht, weiss ich, dass ich keine Rolle spielen muss.
Dass das Leben antwortet, immer wieder, so sanft, so heilsam, dafür bin ich heute dankbar, und es ist eine tiefe Dankbarkeit, die nichts mit Pflicht und Erwartung zu tu hat. Sie ist einfach Ja, ohne Wenn und Aber.
PS: und jetzt, am späten Abend, das erste Gewitter! 😃
PS: und jetzt, am späten Abend, das erste Gewitter! 😃