"Duftend" wie eine wandelnde Rauchwurst komme ich am Abend nach hause. Die Dusche ist besetzt. Der eine Sohn ist am Packen. Mit der Zahbürste im Mund (er nennt das Zähne putzen) sucht er in Eile zusammen, was noch fehlt. Ich befreie mich von meinen Schuhen und dem verrauchten Rucksack und entsorge eingesammelten Abfall. "Tschühüss! Ich komme dann am Sonntagabend irgendwann wieder!" ruft er davon eilend. Der frisch Geduschte steht nun vor dem Spiegel, probiert verschiedene Farben und skizziert nebenbei seine Pläne für die nächsten 48 Stunden. "Vielleicht komme ich morgen Nachmittag kurz zurück, sonst bis Sonntagmorgen!" Blau-weiss-gelb eilt auch er davon, seine Musik oben im Zimmer verstummt wie immer, wenn er etwa 50 Meter vom Haus entfernt ist.
Ich bleibe zurück im plötzlich sehr stillen Haus. Nur in meinem Bauch knurrt es hungrig. An solchen Tagen vergesse ich meist selber zu essen. Unentschlossen stehe ich in der Küche, als eine Nachricht klingelt. Ein Lebenszeichen aus Hamburg, endlich: kommen morgen abend zurück
Und eines der grossen Tochter liegt auch im Postfach: Ich esse bei N, wird wohl spät. Ich brate ein paar Kartoffeln, löse das Sudoku in der Gratiszeitung, hänge die nasse Wäsche nicht auf, spüre den Tag mit Wind und Wandern und Sonne im ganzen Körper, müde zum Umfallen. Doch schlafen gehen, bevor die Jüngste da ist, geht nicht. Da steht noch eine Entscheidung an, die heute gefällt werden muss. Ich setze mich vor den Bildschirm, schaue einen Film. Ihre Nachricht kommt um 21 Uhr. "Bin noch in der Stadt, hat länger gedauert, Tram abgefahren. Komme um 22 Uhr." Weinend kommt, sie, erschöpft, verzweifelt. Ein Ja komme ihr vor wie ein Urteil. Ein Nein würde sie ewig bereuen. Sie sitzt vor dem Teller, stochert hier ein bisschen und dort. Ich versuche auszuhalten, zu verstehen, ihr Mut zu machen, zu ihrem Empfinden zu stehen. Die Wanderung durch die Schlucht mit den 60 Erstklasskindern war ein Tanz dagegen. Kurz vor 23 Uhr ruft sie noch einmal eine Freundin an, ich schreibe der Leiterin eine Mail und erkläre ihr, warum eine Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich ist. Unterdessen ist die Grosse gekommen, muss dringend noch etwas ausdrucken, bittet um Zugang zu meinem Computer, weil sie ihr Ladekabel in der Studien-WG vergessen hat.
Ich glaube, als ich kurz vor Mitternacht ins Bett sinke, schlafe ich ein, bevor ich mich richtig zugedeckt habe.
