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Donnerstag, 11. Oktober 2018

Gartengast

Der schmale Weg zwischen Nordwand des Hauses und Grenzzaun zum Nachbarsgarten ist schattig und kaum zu erkennen. Efeu hat sich ausgebreitet und verwurzelt, der Tuja des Nachbarn ist zu einem Dach herübergewachsen. 
Ich bin mit Händen und Schere am Roden und Räumen, Zentimeter um Zentimeter hole ich den Weg zurück. Und da springt er plötzlich heraus aus dem schattigen Dunkelgrün. Ich habe keine Ahnung, woher der plötzich kommt, und warum. Ich möchte ihn nicht ansehen, ich möchte ihn nicht hören. Er ist sinnlos, absurd, führt ins dunkle Nichts. Und das einzige, was er vermag, ist meine Schuldgefühle zu wecken und mich damit zu quälen. Gedanken wie ihn habe ich geübt wegzuschicken, weit weg, zum Schweigen zu bringen. Doch dieser eine, der da im Efeu herumzwuckelt wie ein Kobold, der ist mir bisher noch nie begegnet oder ich habe mich vor ihm geschützt.
"Was wäre wohl, wenn du damals nicht so schüchtern gewesen wärest, wenn du den Mut gehabt hättest, das Angebot des Arztes anzunehmen und ihm die hustende Mirjam zu zeigen, mitten am Sonntagnachmittag? Was wäre, wenn du die Verantwortung für die Störung eines Sonntags abgegeben hättest und zuerst an dein krankes Kind gedacht hättest? Was? Vielleicht hätte er rechtzeitig erkannt, wie es um Mirjam steht! Vielleicht hätte er helfen können. Vielleicht würde Mirjam leben. Was, wenn du die letzte Chance auf Leben damit vertan hast. Du? Mit deiner Entscheidung, höflich zu sein!?"
Ich möchte ihn abschütteln, wegwerfen, in den Sack zwischen das Grünzeug stopfen. Aber er lässt nicht los, hüpft ständig von neuem mitten hinein in mein Handwerk. Es sitzt zwischen den Rosen, unter den dürren Schafgarben, lässt sich nicht abschrecken, als ein harter, langer Schwarzdornspiess sich durch den Handschuh in meinen Finger bohrt. 
Ich versuche ihm zu erklären, dass solche hypothetischen Vergangenheitsanalysen zwecklos sind. Interessiert ihn nicht. Ich versuche mich ganz und gar auf das verfaulte Fallobst im hohen Gras zu konzentrieren. Er hockt grinsend mit seinem bohrenden Blick dazwischen. Ich versuche mich abzulenken durch die Melodie, die mich bei der Holzarbeit am Vormittag endlos begleitet hat. Er schmuggelt sich in den Refrain. 

"Ok, angenommen, ich hätte den Mut damals gehabt", überlege ich schliesslich, als ich mich mit der Efeu-Rosen-Tuja-Schafgarben-Hasel-Schwarzdorn-Sägemehl-Fallobst-Ladung auf den Weg ans untere Dorfende mache, "ich wäre wirklich mit Mirjam in die Praxis gefahren – und sie wäre dann trotzdem gestorben..." 
Da ist er weg, verschwunden, aufgelöst.