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Samstag, 9. März 2019

Begegnung

Ich bin am Räumen, die ganze Woche schon, immer wieder ein Stück weiter. Auf einem Stapel, der langsam über Wochen gewachsen ist, liegen Briefe, Geschenke, Bücher, Versicherungspolicen, Fotos und anderes mehr, was ich beantworten, zurückschicken, ausfüllen, kopieren oder sonst irgendwie "bearbeiten" möchte und muss. 
Eines davon habe ich in den Tagen nach Weihnachten bekommen von einer weit über achzigjährigen Frau, die mit ihrer Post danken wollte für eine Zufallsbegegnung am Tag zuvor. Allein dies machte mich sprachlos. Sie hat mir Kopien von Bildern und Texten geschenkt, welche im Laufe ihres langen Lebens entstanden sind und mich zutiefst berühren. Doch ganz unmittelbar fehlten mir die Worte, um angemessen zu reagieren, und dann begann wieder die Schule, und bald war das Mäppchen Stapelbestandteil. 
Heute nun war dieser Stapel Tagesaufgabe an mich. Zuerst jedoch reiste ich vier Dörfer weiter zur nächsten Apotheke. Und während ich wartete, trat neben mich an die Ladentheke die nächste Kundin: Diese Frau, deren Geschenk zu Hause auf meinem Schreibtisch liegt. Statt zu schreiben wartete ich nun mit ihr auf ihr Tram, und statt nach Worten zu suchen, durfte ich den ihren lauschen. Es ist mir so lange schon niemand mehr begegnet, der ohne Umschweif sofort die tiefsten Fragen und Wahrheiten im Fokus hat. Sie erzählt mir vom grünen Sofa ihrer Kindheit, wo ihre Eltern miteinander und mit Freunden die Gespräche führten, die sie geheim oder daneben sitzend als Mädchen staunend trank, von denen sie geprägt und genährt wurde für ihr ganzes Leben. Sie schildert die Stimmung, wenn Friedrich Dürrenmatt mit ihrem Vater nächtelang philosophierte, zitierte, Bücher entwarf. Sie erzählt von ihrer Mutter, welche mit den Pflanzen sprach und sich alles in ihrem Garten von ihnen zeigen liess. Es ist, als sässe ich mit im Raum, als über den russischen Photographen, dessen Namen ich mir nicht merken konnte, und seine neue Technik, mit der er Unsichtbares sichtbar machen konnte, gesprochen wird. Statt dessen aber stehen wir an der Haltestelle, das kleine Mädchen mit den funkelnden Augen ist über 86 Jahre alt und meint dann, sie würde sich trotzdem über einen Brief von mir freuen.
Aber das traue ich mich nun nicht mehr. Mein Staunen möge Dank genug sein.