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Dienstag, 12. März 2019

Nachlese

Da liegt auch dieser grüne Umschlag auf dem Stapel, der bald keiner mehr ist. Seit letztem Sommer lege ich ihn immer und immer wieder ungeöffnet zurück. Dabei erinnere ich mich so gut an den Moment, als ich ihn aus dem Briefkasten holte. Mein Herz machte einen kleinen Freudensprung, als ich ihn zwischen all den Rechnungen und Katalogen entdeckte: Ein handgeschriebener Brief mit einer schönen Briefmarke, das kommt nur noch sehr, sehr selten vor. Die Schrift kam mir vertraut vor, doch als ich ein paar Schritte später realisierte, war ich enttäuscht, beschämt und auch ein wenig belustigt.
Wenige Tage zuvor war mir der Impuls begegnet, dem wichtigsten Menschen in meinem Leben einen Brief zu schreiben. Ich sollte mir vorstellen, was ich ihm schon lange einmal sagen wollte, es aber immer unterlassen hatte, aus welchen Gründen auch immer. Ich sollte mir überlegen, wofür ich ihm dankbar bin und was ihn für mich so besonders und einmalig macht. Ich wurde so geführt in diese Vorstellung, dass ich warm und offen wurde und die Worte sich startklar schmückten. 
Und dann war da der letzte Satz: "Stell dir nun vor, dass dieser wichtigste Mensch du selber bist und schreibe dir diesen Brief."

Es war eine schwierige Übung. Irgendwo zwischen dem verdrückten Mädchen, welches oft genug gehört hatte: "Nimm dich doch nicht so wichtig!" und der halbwegs erwachsenen Frau, welche mit grosser Sicherheit die eigenen Fehlerregister rezitieren kann, versuchte ich einen Freiraum zu schaffen für diesen Versöhnugsakt.
Den steckte ich dann in einen grünen Umschlag, klebte eine besondere Marke darauf und schickte ihn auf die Reise.
Erkannt habe ich den Brief nach einigen Sekunden, gelesen erst fast neun Monate später. Heute. Was ich lese ist leider bloss ein Versuch. Ich stehe zu der Schreiberin in einer derart ambivalenten Beziehung, dass ich ihr die scheinbar liebevollen, ermutigenden Worte nicht abnehmen kann.
Wir beide haben noch viel zu lernen.