Sie sitzt am Sonntagstisch und scannt sich durch die Gedankengefühle. Denken ohne Fühlen fällt ihr schwer. Fühlen ohne zu denken scheitert an ihrer Kontrollsucht. Ständig insisitiert diese Stimme aus dem rechten Hinterhalt, teilt in gute und schlechte Gefühle ein, in solche, welche unangebracht und daher wegzudenken sind und setzt statt dessen Gedanken in den Führersitz, welche zu den richtigen Gefühlen führen sollten. Da ist kein Fliessen, denn dieses Hin und Her wirkt wie bremsende Schleusen, in denen man zwischen engen, starken, öden, nassen Wänden wartet, bis Ausgeglichenheit wiederhergestellt ist und sich das schwere Tor langsam öffnet. Da ist keine Leichtigkeit, denn diese gehört der Flatterhaftigkeit der Vögel, der zu entsagen ihr beigebracht worden ist. Da ist keine Intuition, denn diese wählt zielsicher immer genau jene Richtung, welche der Verstand mit seinem Gedankenbollwerk blockiert.
Vor ihr liegt ein Gummiband, ein weisses, langes. Sie spannt es zwischen die Daumen und dehnt und entspannt es im Rhythmus des Atems. Irgendwann wird es zu Ende sein. Irgendein Atemzug wird der Letzte sein. Todsicher. Sie fürchtet sich nicht davor. Aber sie fürchtet sich vor der Möglichkeit, dann der Frage gegenüberzustehen: Warum hast du dein Leben nicht mutig in den Fluss gesetzt und der Strömung vertraut? Die Stimme aus dem Hinterhalt wird schweigen. Und sie wird die nicht gegangenen Wege vor sich sehen, die nicht ausgesprochenen Worte hören, den nicht gefühlten Schmerz fühlen. Die nicht geöffneten Geschenke werden sich auflösen wie Träume im Moment des Erwachens. Und dann?