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Freitag, 19. März 2021

78/365 vom Schützen

Wir experimentieren seit drei Wochen mit unseren Sinnen. Ausgangspunkt ist die Geschichte eines blinden Jungen.

Diese Woche versuchten wir uns vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn wir nicht richtig hören können. Dabei kam es zu einer spannenden Sequenz.

Jedes Kind trug einen Ohrschutz, wie ihn die meisten kennen von Fasnacht und lauten Festen. Wir sassen im Kreis, und ich erzählte die ersten Sätze einer Geschichte. Ich fragte dann – die Ohrschütze waren wieder  weg vom Kopf – was sie verstanden hätten, und sie erzählten irgendwelche Phantasiedinge, die überhaupt nichts zu tun hatten mit dem, was in meiner Geschichte vorgekommen war.

Danach bat ich ein Kind, die Erzählrunde mit ein paar alltäglichen Schulzimmergeräuschen zu stören: Metallgeräusche der Schülerpulte, Klettverschlüsse der Hausschuhe, das Wühlen in der Stifteschachtel. Wieder waren die Ohren geschützt und ich las dieselben Sätze.

"Nichts", war die einstimmige und etwas frustrierte Antwort auf meine Frage danach.

Nun wiederholte ich die Geschichte, diesmal unterstrich ich sie mit Gesten. Die Aufmerksamkeit war hoch und tatsächlich entstand bereits die Stimmung, welche zur Geschichte gehört.

Daraus entwickelte sich ein Gespräch über die Gebärdensprache, welche alle vom Fernsehen her kennen. Ein Kind wusste, dass taube Menschen auch die Lippenbewegung des Sprechenden lesen können.

Da schloss ich den vierten Durchgang an, gleicher Text, gleiche Lautstärke, Ohrschütze wieder auf. Nur nahm ich für diese paar Sekunden die Maske vom Gesicht. Die Klasse hing mir förmlich an den Lippen. 

Und diesmal verstanden sie alles, jedes Wort.