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Donnerstag, 8. Juli 2021

189/365 Trauer

Wie oft hatte ich mit Bangen an diese Zeit gedacht, daran, wie es sein würde, wenn mein Vater einmal sterben würde. Ich habe viele Menschen erlebt, die ihre Eltern verloren haben, habe ihren Schmerz gesehen, ihre Trauer, ihr Verlassenheitsgefühl und die Lücke, die sie beweinten. Mein Bangen bezog sich jedoch nicht auf den Schmerz, sondern darauf, dass ich ihn nicht fühlen würde, nicht tief genug, nicht angemessen genug. 
Und manchmal bezog es sich auf die Vorstellung, ich könnte bereuen, dass es so gewesen war wie es war, ich könnte mir Vorwürfe machen, dass ich nicht alles unternommen hatte, um das zu ändern. 
Nun lebe ich diese Zeit und das Bangen ist verflogen. Die drei Monate, in denen wir uns meist wortlos begegnet sind, haben etwas aufweichen können, haben das Richtigmachen und Rechthaben unwichtiger werden lassen. Es gab Momente, in denen ich einfach im Stillen erklärte, was ich nie hatte ausprechen können. Aus der eloquenten Persönlichkeit war ein nach Worte ringender, hilfsbedürftiger, schwacher Mensch geworden, und plötzlich umwehte ihn etwas Feines, Zartes, das den Widerstandsgeist in mir zur Ruhe kommen liess.
Dafür bin ich dankbar, und diesen Menschen auf seinem allerlestzten Weg werde ich in meinem Herzen bewahren.
Es gibt wohl einfach nicht die Trauer und ich muss und darf sehr üben, dass der oder die oder das, was mir sagen möchte, wie es sein sollte, in mir drin sitzt und dass ich die Freiheit habe, darauf zu hören oder nicht. 
Es ist wie es ist.