Hätte mir jemand dieses Szenario vor zwei Jahren als Zukunftsmusik abgespielt, ich hätte ihn oder sie für verrückt erklärt, hätte Schweissausbrüche gekriegt und die Situation als unvereinbar mit unseren kulturellen Werten gehalten. Niemals, schrecklich, undenkbar, aus einem Horrorfilm, hätte ich gesagt, und vermutlich noch andere Dinge wie: dass ich eher kündigen würde...
Heute so:
Eine Lehrerin, die aussieht wie ich, im Gesicht eine Atemschutzmaske mit ovalem, durchsichtigen Plastikfenster trägt, steht am Morgen zusammen mit 10 siebenjährigen Kindern im Schutz eines Veloständers vor dem Schulhaus. Alle Kinder tragen Masken im Gesicht und in den Händen ein farbiges Kistchen mit einem Plastikröhrchen und einer Ampulle Kochsalzlösung. In gebührendem Abstand von einander kauern nun alle auf den Boden, ziehen die Maske unter das Kinn, öffnen das Röhrchen und danach die Ampulle, spritzen deren Inhalt unter die Zunge, zählen unter seltsamen Mundbewegungen still mit der Lehrerin auf 10, spucken in das Röhrchen und zählen ein weiteres mal, um das Röhrchen danach noch etwas mehr zu befüllen. Völlig unaufgeregt und selbstverständlich legen sie dann das fest verschlossene Röhrchen der Lehrerin in die Hand und verabschieden sich mit einer Art Knicks und einem C4-Briefumschlag nach hause. Vielleicht lächeln sie, es lässt sich nicht erkennen.
So kann man sich täuschen.