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Samstag, 23. Juni 2018

rehcordare

Heute habe ich einen Brief geschrieben an eine Person, welche mir sehr nahe steht. Obwohl ich ständig mit ihr im Gespräch bin, ist dies doch das erste Mal, dass ich schreibe, und entsprechend ungewohnt hat es sich angefühlt. Vor dem Papier machen die Worte meist einen Halt, den sie beim Sprechen nicht machen, und dieses Zögern und Abwägen hat die Sichte verändert. Ich habe Dinge geschrieben, die ich nicht sagen könnte, habe Dinge nicht gesagt, die sich sonst ständig in den Raum drängen. Und als ich da sass, Herz und Ohren offen, hörte ich vom Wald her wieder das Reh rufen. Diesmal war es kein klagender Ruf, es tönte eher wie ein singendes Bellen. Mir klang es wie ein Diktat, ein unerwartetes, und ich folgte dem Klang durch den Wald und setzte die Worte in die gelegte Spur.
Als ich das Papier in den Umschlag steckte, entfernte sich das Rufen in grossen Sprüngen und wurde immer leiser, bis ich nicht mehr folgen konnte.
Ich bin gespannt, ob und wie dieser Mensch reagieren wird, wenn er auf die ungewohnten Worte trifft.

Donnerstag, 21. Juni 2018

Sommer

Keine Ahnung, wann diese Linde zum letzten Mal in dieser Intensität ihre Blütezeit gefeiert hat. Die Bilder sind gestern abend entstanden, und wenn ich sie jetzt betrachte, weiss ich nicht, liegt dieser helle, weiche, strömende Duft noch immer in der Luft oder hat er sich mit diesem Anblick sosehr verbunden. 


Und ich weiss nicht, wann er letztmals so voller Bienensummen war. Ein einziges nicht endendes Klingen nach Sommer und Süsse und Wärme.

Wenn jede Blüte ein Gedicht wäre, so würde hier eine Sommerbibliothek den Himmel besingen.


Die Bilder lassen sich vergrssern. Man kann so noch besser in dieses Wesen eintreten (oder sich vorstelen, es zu tun)

Mittwoch, 20. Juni 2018

Siebenjährige

Es war mir fast unheimlich heute kurz vor Mittag, als ich der Klasse die Hausaufgabe erklärte. Fast alle hatten den ganzen Morgen fleissig und mit einer fröhlichen Grundstimmung gearbeitet, kamen immer wieder zu mir, um von ihren Entdekungen zu erzählen, hielten sich bei Spielen an die Lautstärkenregel.
Und dann eben die Aufgabe: "Sucht aus diesen Seiten eine aus, welche ihr zu hause lösen könnt." – Dürfen wir auch zwei?" – "Dürfen wir auch alle?" – "Kann ich die angefangen auch noch fertig machen?" – Kann ich auch bei der Mathe noch weiter arbeiten?" – "Echt, dürfen wir?"
Wahrscheinlich sah diese Begeisterung am Nachmittag inmitten all der Freizeitkurse und -termine wieder anders aus. Doch dieser Moment war so voller Entdeckungsfreue und Lerneifer, dass ich einfach nur froh, verdutzt, dankbar und etwas ungläubig dastand und ihnen beim Aufräumen und Packen zuschaute.
Heute ist das letzte Kind sieben geworden. Nun sind sie für zwei Wochen alle gleich alt, meine BaldZweitKlässlerInnen.

Traumjob, manchmal.

Montag, 18. Juni 2018

sie

und dann sind da noch sie...

Der ganzen Verwilderung meines Garten zum Trotz duften sie in feinster Vollkommenheit. Ihnen kann ich erzählen, ohne nach Worten zu suchen. Sie verstehen ohne Fragen mehr, als dass ich zu sagen vermag. Sie bauen Brücken, die ich ohne Furcht vor Misslingen betrete. Sie wachen über meine Träume vor dem Fenster und trinken vom Licht der Nacht, um sein Geheimnis am Tag zu verströmen. 


und hier noch einmal im abendlichen Dämmerlicht


Sonntag, 17. Juni 2018

Raum

Was für ein Glück, unter einem Lindenbaum schlafen zu dürfen, besonders wenn er blüht, duftet und summt.


Was für ein Geschenk, geschützt von einer lebendigen Wand schlafen zu dürfen.


Was für eine Ruhe, an die er mich erinnert, wenn die Wogen des Alltags mich erschöpft an das Feierabendufer gespült haben.


Samstag, 16. Juni 2018

Am Wegrand

In der Fussgängerzone spielt ein Junge Cello. Vor ihm auf dem Boden sitzt ein etwa zweijähriges Mädchen. Seine blonden, glatten Haare sind zu einem dünnen Schwänzchen oben auf dem Kopf zusammengebunden. Im Schneidersitz sitzt es da und schaut gebannt auf den Musikanten. Der kleine Oberkörper wippt leise im Takt vor und zurück. Der staunende Mund steht halb offen und eine süsse Zunge scheint mitgucken zu wollen, was da draussen so faszinierend tönt. Hinter dem Kind stehen die strahlenden Eltern. Es steht ihnen ins Gesicht geschrieben, wie sehr sie in ihre Tochter verliebt sind. Immer wieder schlendern Passanten zwischen den beiden Kindern durch. Alle schauen zum Mädchen, die meisten lächeln, manche drehen sich noch einmal zurück. Das Mädchen beachtet sie nicht. Es ist ganz beim Cello, beim Klang, beim Jungen. 
Dann ist das Stück zu Ende. Starke Vaterarme heben das Kind in die Höhe und setzten es in den Kinderwagen.
Ich wende mich ab, komme zu mir und merke, dass ich weine.

Freitag, 15. Juni 2018

...

Ich könnte davon berichten, dass ich heute erstmals seit drei Wochen wieder in meinem Bett schlafen werde, nachdem ich meine Matratze jede Nacht dorthin gelegt hatte, wo es gerade Platz gab, oft auch mitten in die Baustelle – auf eine Unterlage natürlich. Tue ich nicht. Ich könnte davon schreiben, wie ich die Abkühlung der letzten Tage genossen habe oder davon, wie sich das Schuljahr an allen Fronten mit intensiven Ausnahmezuständen dem Ende zuneigt. Lasse ich. Dann wäre da noch das Reh, welches vorhin, als ich das Bett frisch bezog, vom Wald herunter die längste Zeit – für meine Ohren – verzweifelt geschrien hat. 
Doch da ist dieser Satz, den ich heute früh aus einem Text herauskopiert habe, der sich von den Geschichten löst und alles in ruhiges Fliessen taucht. Er soll in die Nacht führen. 
Das wahre Glück ist eine Atmung der Seele.