Wenn der achtjährige Junge sich beim Putzen seines Arbeitstisches mehr windet, als er es mit dem Lappen zu tun vermag, da kommt mir unweigerlich die Frage, ob Respekt vor seiner Kultur mir gebietet, ihn von dieser "Frauenarbeit" zu entbinden. Nie würde er sich weigern, aber in seinen Augen steht eine Mischung von Angewidertsein und Entsetzen und wie er da so hilf- und kraftlos den grünen Lappen über die Tischplatte schiebt, ahne ich etwas von der Komplexität der Entwurzelung.
Seiten
Donnerstag, 18. Oktober 2018
Abendgruss
von der Grünmulde
gestern
und heute
Ich bringe nun den Lindenbaum oder besser: sein Sommerkleid Stück um Stück nach unten. Das könnte ein Ritual werden für die nächsten Tage.
.tut.gut.
Mittwoch, 17. Oktober 2018
Sonntag, 14. Oktober 2018
Rollen
Nun sind sie vorbei, die Herbstferien. Ich freue mich auf meine Klasse, auf dieses lebendige, junge, neugieriege, bewegte Wesen, mit dem ich auf dem Weg sein darf. Ich freue mich auf die Vielfalt, auf die Entdeckungsreisen, auf das, was entsteht, wenn Impulse gesetzt sind. Ich freue mich auf meine Rolle als Impulsgeberin. Ich freue mich darauf, dass meine Tage wieder ihre klare Struktur haben. Ja, auch das.
Es waren keine einfachen Ferien für mich. Ringsum schrie soviel Arbeit nach mir. Ich habe mir nur zwei Tage gönnen können, an denen ich weniger, einmal sogar nichts getan habe ausser mit mir selber unterwegs zu sein. Und ich bin nicht fertig, noch immer sehen so viele Baustellen bedürftig aus und das, was ich erledigt habe, fällt gar nicht auf. Heute früh erschrak ich, als ich realisierte, dass ich kaum zu mir selber geschaut habe in diesen zwei Wochen. Ich bin müde. Ohne es wirklich zu merken, bin ich diesem ruhelosen Antreiber gefolgt. Ständig bekam ich Bilder gezeigt von Stränden und Bergen, Weitsichten, Seen, schmackhaft gefüllten Tellern, Museen, Flughäfen... Warum erlaube ich mir das nicht? Wann machen andere all die Arbeit in ihren Häusern und Gärten? Wann bereiten sich diese Kolleginnen auf die Schule vor? Und da gbt es noch eine Frage, die man als Schweizerin nicht stellt.
Vergleichen ist unheilvoll, das weiss ich. Ich tue es nicht mit Neid, aber mit Trauer über mein Unvermögen, mir selber wirklich gut zu sein.
Danke der einen, welche es geschafft hat, mich für einen Tag herauszuholen. Und danke mir selber, dass ich heute aus dieser Einsicht heraus endlich mal wieder in den Wald gegangen bin, eine Stunde auf meiner Bank verbracht habe, dort, unter den Eichen, wo schon soviel Wichtiges und Gutes geschenkt war.
Und danke denen, welche hier meine Selbstgespräche still begleitet haben. Das ist wohl mein Strand, wo die Wellen angespült kommen und wieder zurück ins Meer rollen.
Samstag, 13. Oktober 2018
Metapher
Der
schmale Weg zwischen bewusst angeschauten Lebensthemen und unbewusst wirkenden Mustern und Kräften ist überwuchert und kaum zu erkennen. Erschöpfung hat sich
ausgebreitet und verwurzelt, der Schatten einer früheren Wirklichkeit legt alles in ein diffuses Halbdunkel..
Donnerstag, 11. Oktober 2018
Gartengast
Ich bin mit Händen und Schere am Roden und Räumen, Zentimeter um Zentimeter hole ich den Weg zurück. Und da springt er plötzlich heraus aus dem schattigen Dunkelgrün. Ich habe keine Ahnung, woher der plötzich kommt, und warum. Ich möchte ihn nicht ansehen, ich möchte ihn nicht hören. Er ist sinnlos, absurd, führt ins dunkle Nichts. Und das einzige, was er vermag, ist meine Schuldgefühle zu wecken und mich damit zu quälen. Gedanken wie ihn habe ich geübt wegzuschicken, weit weg, zum Schweigen zu bringen. Doch dieser eine, der da im Efeu herumzwuckelt wie ein Kobold, der ist mir bisher noch nie begegnet oder ich habe mich vor ihm geschützt.
"Was wäre wohl, wenn du damals nicht so schüchtern gewesen wärest, wenn du den Mut gehabt hättest, das Angebot des Arztes anzunehmen und ihm die hustende Mirjam zu zeigen, mitten am Sonntagnachmittag? Was wäre, wenn du die Verantwortung für die Störung eines Sonntags abgegeben hättest und zuerst an dein krankes Kind gedacht hättest? Was? Vielleicht hätte er rechtzeitig erkannt, wie es um Mirjam steht! Vielleicht hätte er helfen können. Vielleicht würde Mirjam leben. Was, wenn du die letzte Chance auf Leben damit vertan hast. Du? Mit deiner Entscheidung, höflich zu sein!?"
Ich möchte ihn abschütteln, wegwerfen, in den Sack zwischen das Grünzeug stopfen. Aber er lässt nicht los, hüpft ständig von neuem mitten hinein in mein Handwerk. Es sitzt zwischen den Rosen, unter den dürren Schafgarben, lässt sich nicht abschrecken, als ein harter, langer Schwarzdornspiess sich durch den Handschuh in meinen Finger bohrt.
Ich versuche ihm zu erklären, dass solche hypothetischen Vergangenheitsanalysen zwecklos sind. Interessiert ihn nicht. Ich versuche mich ganz und gar auf das verfaulte Fallobst im hohen Gras zu konzentrieren. Er hockt grinsend mit seinem bohrenden Blick dazwischen. Ich versuche mich abzulenken durch die Melodie, die mich bei der Holzarbeit am Vormittag endlos begleitet hat. Er schmuggelt sich in den Refrain.
"Ok, angenommen, ich hätte den Mut damals gehabt", überlege ich schliesslich, als ich mich mit der Efeu-Rosen-Tuja-Schafgarben-Hasel-Schwarzdorn-Sägemehl-Fallobst-Ladung auf den Weg ans untere Dorfende mache, "ich wäre wirklich mit Mirjam in die Praxis gefahren – und sie wäre dann trotzdem gestorben..."
Da ist er weg, verschwunden, aufgelöst.
Mittwoch, 10. Oktober 2018
Tagwerk
Am gegenüberliegenden Dorfende steht während 9 Monaten im Jahr eine riesige Mulde, in welcher wir Dorfbewohner den Grünabfall aus unseren Gärten deponieren dürfen. Da ich kein Auto habe, bedeutet für mich die Nutzung dieses Angebotes eine Viertelstunde Fussweg hin und gleichviel auch wieder zurück, mit dem schwer beladenen ehemaligen Veloanhänger bergab, mit dem leeren dann wieder hoch.
Ich liebe diesen Weg, und ich liebe vor allem den Ort dort unten am Dorfrand, wo das weite Feld hinüber führt nach Frankreich,
wo die letzten Hügelketten des Jura meist im Abendlicht leuchten, wenn ich da bin.
Heute war die Mulde randvoll und duftete nach Herbst, nach Mostabfällen, Geranien, Rasen- und Heckernschnitt.
Und in die andere Richtung kann man, wenn man es kennt, oben am Wald den Giebel unseres Hauses erkennen.
Ich spüre Holz, Schere und Leiter, Wagen und Weg in allen Gliedern. Eigentlich ein gutes Gefühl, wenn ich es nicht mit den zwiespältigen Gedanken ans Älterwerden verkoppeln würde. Morgen kommt die zweite Ladung Holz und eine weitere Ladung Grüngut verbringt die letzte Nacht als Teil eines Miniurwaldes im Garten.
Abonnieren
Posts (Atom)








