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Samstag, 7. Dezember 2019

7

Es ist spät geworden. Nach dem Essen hat eines der "Kinder" Videos abzuspielen begonnen, die der Älteste vor acht, neun und zehn Jahren gedreht und vor kurzem geteilt hat. Verborgen und offensichtlich hatte er damals Kameras aufgestellt und den Alltag gefilmt und hat damit Zeugnisse geschaffen aus einer Zeit, die ich fast nur durch den Schmerzschleier erinnern kann. 
Es ist unmöglich, Emotionen von zwei Stunden Rückblick zusammenzufassen. Es ist fast nichts mehr, wie es war, nur einzelne Bewegungsmuster und Eigenarten der ProtagonistInnen sind wiederzuerkennen. Aber wir tragen diese Zeiten in uns, dieses Grossfamilienmiteinander mit allem, was dazu gehörte. 
Dass der Sohn beim Zuklappen des Laptops den Arm um mich legt und danke sagt, rührt mich, deckt sich aber nur sehr peripher mit dem, was ich selber empfinde.
Das Danken muss (muss?- will ich es denn gar nicht?) ich wohl erst wieder lernen.

Freitag, 6. Dezember 2019

6

Plötzlich stehen wir nur noch zu dritt im Lehrerinnenzimmer. Eine kurze Bemerkung der einen, eine Ergänzung der zweiten und bald schauen wir uns erschrocken und erstaunt an. Du auch? Wirklich? Alle kennen wir diese Nächte, in denen wir wach liegen, in denen die Angst durch die Adern kriecht, diese Erschöpfung, diese Ahnung, dass man sich ganz nahe am Abgrund bewegt, dass es nur noch einen Tropfen braucht und dann passiert es einem auch, diese vergebliche Suche nach der Bremse, die Nähe zum Wahnsinn, das Realisieren, dass man es nie allen recht machen kann, den SchülerInnen, den Eltern, dem Auftrag, der eigenen Familie, die Überzeugung, dass es immer irgendwie geht, an die man sich klammert wie an einen Strohhalm, um dessen Brüchigkeit man weiss!!?! Du auch? Ja, genauso! 
Wie gut es tut, diese Last zu teilen, gemeinsam nach dem zu suchen, was gesund halten könnte, den Wunsch auszusprechen, das Feuer, welches in uns allen für den Beruf brennt, möge wärmen und leuchten und uns nicht aushölen.
Dann eilen wir weiter, an den Computer die eine, in ein Elterngespräch die zweite, zu einem Arzttermin mit dem Sohn die dritte.

Donnerstag, 5. Dezember 2019

5

Habe heute zwei Dinge getan, die ich seit Ewigkeiten nicht mehr getan hatte: Ich habe mich alleine in ein Café gesetzt und mir eine süsse Kaffeepause gegönnt und bin anschliessend in einen anderen Stadtteil gefahren. Auf dem Weg zu meinem Termin kam ich an der Kirche vorbei, in der ich als Studentin unzählige Stunden übenderweise verbracht hatte. Seit Jahren habe ich nun den Raum wie alles Erinnern an dieses Leben "davor" gemieden. Heute trat ich einfach ein, setzte mich auf einen der Stühle und lauschte dem Üben einer jungen Studentin. Für einen Moment berührten sich da zwei Lebenswege wie flüchtige Seifenblasen.

Mittwoch, 4. Dezember 2019

4

"Heute in einem Monat beginnt meine Zeit in England", sagt die Jüngste eben beim Essen und die Vorfreude und Spannung steckt mitten in ihrem Lachen. 
Mein kleines grosse Mädchen, eben erst geschlüpft, und nun auch bereits flügge auf Probe. Ein Monat bleibt mir noch, um zu realisieren und Taschentücher einzukaufen.

Dienstag, 3. Dezember 2019

3

Als ich nach Hause komme, tönt aus dem Zimmer des Sohnes Cellomusik. Passt eigentlich nicht zusammen, und die Cellotocher spielt seit einem Jahr keinen Ton mehr. Da sitzt die Freundin des Sohnes und übt, ist ganz alleine im Haus.
Und jetzt, während ich schreibe, spielt über mit der Freund der Tochter Klavier, improvisiert endlose Klangfolgen, verspielt, warm....
Ich liebe es, wenn die wachsende Familie das Haus füllt, sich zu Hause fühlt, mitmacht beim Essen, Diskutieren, Streiten, Aufräumen, wenn abends kurz vor Mitternacht vier, fünf oder mehr junge Menschen zähneputzend, lachend und erzählend im engen Gang stehen und kurz darauf in die Zimmer verschwinden.
Alltag ist es nicht. Immer öfter kommt es vor, dass ich an Abenden ganz alleine bin, was ich zwischendurch geniesse, was mir aber Kältschauer über den Rücken jagt, wenn ich daran denken, dass dies in wenigen Jahren Dauerzustand sein könnte.

Montag, 2. Dezember 2019

2

Das Wunder der Menschwerdung noch einmal zu erleben, so nah und geheimnisvoll, damit hätte ich nicht so bald gerechnet. Tür an Türe arbeiten wir, und seit Wochen darf ich miterleben. wie sich die Sorge immer mehr in Freude und die Angst in Zuversicht verwandeln. Heute schien es mir, als wäre ein Bäuchlein zu sehen, immer noch viel kleiner als meines, aber so wunder-voll.

Sonntag, 1. Dezember 2019

1

Eigentlich hatte ich es mir sosehr vorgenommen:
Täglich bis Weihnachten einen Gruss an den Tag.
Nun lassen sich die Bilder nicht laden. 
Ein kleines, liebevoll eingepacktes Adventsgeschenkchen mit einer ausgeschnittenen, golden glänzenden Eins drauf, das erste Päckchen des Adventskalenders, welchen mir die Kinder geschenkt haben.