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Sonntag, 21. März 2021

80/365 Überschwemmung

Nein, es ist alles trocken wie es sein soll. Nur emotional hat es mir heute den Boden unter den Füssen weggespült. Das sind Momente, in denen Schreiben zwar gut tu, es hier jedoch nicht möglich ist. Irgendwo habe ich vor kurzem gelesen (dem Sinn nach): "Wenn die Wellen über mir zusammenbrechen, tauche ich nach Perlen."

Samstag, 20. März 2021

79/365 Entspannung

Der Frühling stellte sich heute früh mit einem Versprechen vor: Er könne auch kühl und nass, meinte er und hüllte sich in einen weissen Hauch von Schleier.
Gleichzeitig ist hier die erste Corona-Hauptprobe zu Ende gegangen. Nachdem die vier WG-MitbewohnerInnen sich innerhalb von sechs Tagen total siebenmal haben testen lassen, beginne ich zu entspannen. Für diese Runde hatten wir wohl einfach Glück – und viele gute Gespräche. 

Freitag, 19. März 2021

78/365 vom Schützen

Wir experimentieren seit drei Wochen mit unseren Sinnen. Ausgangspunkt ist die Geschichte eines blinden Jungen.

Diese Woche versuchten wir uns vorzustellen, wie es sich anfühlt, wenn wir nicht richtig hören können. Dabei kam es zu einer spannenden Sequenz.

Jedes Kind trug einen Ohrschutz, wie ihn die meisten kennen von Fasnacht und lauten Festen. Wir sassen im Kreis, und ich erzählte die ersten Sätze einer Geschichte. Ich fragte dann – die Ohrschütze waren wieder  weg vom Kopf – was sie verstanden hätten, und sie erzählten irgendwelche Phantasiedinge, die überhaupt nichts zu tun hatten mit dem, was in meiner Geschichte vorgekommen war.

Danach bat ich ein Kind, die Erzählrunde mit ein paar alltäglichen Schulzimmergeräuschen zu stören: Metallgeräusche der Schülerpulte, Klettverschlüsse der Hausschuhe, das Wühlen in der Stifteschachtel. Wieder waren die Ohren geschützt und ich las dieselben Sätze.

"Nichts", war die einstimmige und etwas frustrierte Antwort auf meine Frage danach.

Nun wiederholte ich die Geschichte, diesmal unterstrich ich sie mit Gesten. Die Aufmerksamkeit war hoch und tatsächlich entstand bereits die Stimmung, welche zur Geschichte gehört.

Daraus entwickelte sich ein Gespräch über die Gebärdensprache, welche alle vom Fernsehen her kennen. Ein Kind wusste, dass taube Menschen auch die Lippenbewegung des Sprechenden lesen können.

Da schloss ich den vierten Durchgang an, gleicher Text, gleiche Lautstärke, Ohrschütze wieder auf. Nur nahm ich für diese paar Sekunden die Maske vom Gesicht. Die Klasse hing mir förmlich an den Lippen. 

Und diesmal verstanden sie alles, jedes Wort.

Donnerstag, 18. März 2021

77/365

War ich ein Schisser vor diesem Test heute. Was habe ich meinen Kindern schon gepredigt, sie sollen sich einfach entspannen, an etwas Schönes denken, mit ihren Zehen wackeln oder langsam von 10 rückwärts zählen. Sie haben mich denn auch mit grinsenden Smileys zitiert, als ich um Beistand flehte.
Zum Glück waren alle total nett und entspannt. Der Raum hatte grosse Fenster mit Blick in einen blühenden Garten und die langen Schlangen von Warteplätzen waren leer. 
Nun warte ich auf die erlösende SMS.

Bis dahin gebe ich das Wort meinem Suppenschüssel-Michel, welcher heute den hintersten Hügelzug im Morgenlicht erblickte und rief: "Schaut mal, die Welt hat sich selber weiss angemalt!"

Mittwoch, 17. März 2021

76/365 Physiotherapie

Ich stehe mit beiden Füssen auf einer wackligen Unterlage und versuche, ein stabiles Gleichgewicht zu finden. Es gelingt mir schon viel besser als vor einem Monat. Ziemlich ruhig kann ich stehen, das Gewicht gleichmässig auf die Füsse verteilt. Zufrieden atme ich aus. 

"Und jetzt den Kopf nach links drehen!" kommt der nächste Impuls von der Therapeutin. Ups. Plötzlich wackelt mein Untergrund wieder sehr bedenklich. Mühsam fange ich mich auf und suche erfolgreich wieder die Mitte. "Und jetzt nach rechts!" Diesmal verliere ich das ganze Gleichgewicht und kann mich mit einem Sprung auf den Boden auffangen. 

Was so ein kleiner Perspektivenwechsel, eine Drehung, die ich schon als Ungeborene geübt habe, vermag.

Dienstag, 16. März 2021

75/365 Wellen

Meine Müdigkeit ist bestimmt ein Symptom von diesem ständigen Hin und Her und Auf und Ab. Ich bereite minutiös vor, damit werauchimmer ohne Aufwand unterrichten kann, dann kommt die Meldung, die mich doch arbeiten lässt, und das jetzt schon den dritten Tag in Folge. Aber geht schon. Immerhin habe ich Arbeit.

Montag, 15. März 2021

74/365 Gast

Auf den Tag genau ein Jahr, nachdem die Schulschliessung damals beschlossen wurde, steht das Virus direkt vor der Hautüre – oder hat es vielleicht bereits hinein geschafft. Das Contakt-Tracing ruft an, schickt SMS, verordnet Testen und Quarantäne.  Ich versuche, Unterricht so vorzubereiten, dass jederzeit eine Vertretung übernehmen könnte und habe das Gefühl, ich müsste 100 Details aufschreiben, zurecht legen, erklären.

Loslassen ist schwer, erfahre ich mal wieder.

Als wäre ich nicht ersetzbar.  

Doch der zerkritzelte Tisch meines Michels erzählte heute Nachmittag (ich durfte am Vormittag wegen ausstehender Testresultate des Sohnes nicht arbeiten) von der Suppenschüssel.

Vielleicht habe ich einen heissen Kopf? ein Kratzen im Hals? Gliederschmerzen? Unwohl ist mir auf alle Fälle, doch das wundert mich nicht.

Wir gehen uns nun im Haus aus dem Weg. Die Einsamkeit klopft an uns zitiert den Satz von Tolle, den ich gestern eigestellt habe.