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Samstag, 29. Juni 2019

Gefühlssalat

Das ist er nun, der erste Ferientag. Noch warte ich auf das herrliche Gefühl der Erleichterung und Vorfreude. Es ist alles so normal, nüchtern – allenfalls schmerzhaft, obwohl ich voller Geistesgegenwärtigkeit und Vernunft versuche, den Schmerz in seine Schranke zu weisen und mir von ihm den Weg in die neuen Chancen zeigen zu lassen, mit mässigem Erfolg.
Es wird mir an einem solchen Tag sosehr bewusst, wie jedes Jahr deutlicher und definitiver aus der Familienzeit herausführt. Es gibt keine Zeugnisrituale mehr, kein gemeinsames Durchblättern der gesammelten Kunstwerke am Ende des Schuljahres, keine glücklichen Kinder, welche sich barufuss auf der gemähten Wiese tummeln, bis es dunkel wird, kein aufgeregtes Packen für das erste Lager. Der Abschied vorhin war kurz und pragmatisch. Nach wohl etwa 70 Lagern vermag keine Sentimentalität mehr aufkommen. 
Es gibt auch keine Familientage, auf die man sich gemeinsam freuen mag. Die Einzige, die mit mir in die Berge kommen muss, findet das ziemlich öde. Ich versuche mein Recht einzufordern, als Familinemanagerin wenigstens die verschiedenen ungefähren Reisezeiten und -ziele erfahren zu dürfen. Vor mir liegt die Steuererklärung, Berge und Listen von unerledigter Korrespondenz. Die Hecke muss geschnitten, die Stauwinkel der vergangenen Monate entrümpelt, das WG-Zimmer der Tochter geräumt und die Kisten irgendwo untergebracht werden. In einem Paralleluniversum gibt es diesen Klinikalltag, der nun seit bald drei Monaten der Prüfungsort von Lebenskräften ist und auf intensive Weise das Nebeneinander von Bodenhaftung und Offenheit für das Unfassbare fordert, auch von denen, die begleiten. Und der Vater der Kinder reist heute mit seiner neuen Familie auf die Insel, die sich die eigenen Kinder immer gewünscht hätten. (Bitte keine Gefühle jetzt!!!) 

Es ist ein Tag, der daran erinnert, dass alles sich immer verändert, dass Festhalten unfrei macht und dass die Sehnsucht nichts anderes ist als ein Wegweiser zu den eigenen Wunden. Es gab eine Zeit, da erlebte ich Heilung als Geschenk, das sich aus der Verbindung der wirkenden Bezügen entwickelte. Diese Zeit ist vorbei. 

Was ist schon Zeit?
Was sind drei Jahre?
Was sind 18 Jahre?
Vor 18 Jahren habe ich den ältesten Sohn zu seinem ersten Schultag durch dieses Tor begleitet. Vorgestern bin ich zum letzten mal als Schülerinnenmutter da durch geschritten – zum Abschiedsfest der 9. Klasse.
Und jedem Ende wohnt ein Zauber inne. ;)

Montag, 24. Juni 2019

Hitzewoche

Da steht eine Herausforderung bevor. Letzte Schulwoche unter Extrembedingungen. Als ich Schulkind war, hatten wir ab 25° hitzefrei.
Noch ist der Morgen angenehm kühl. Die Tochter ist krank und ich erlaube mir zum ersten Mal in den ganzen 5 Jahren, seitdem ich wieder berufstätig bin, wegen einem kranken Kind zwei Schulstunden ausfallen zu lassen. Ich bin stolz auf mich, aber ich hoffe auch sehr, dass es der Jüngsten, die mittlerweilen die Grösste ist, bald wieder gut geht.
Meine Entscheidung erlaubt einen Webcam-Rundgang, ich möchte ein paar Blicke teilen.
Die Morgensonne spiegelt sich indirekt im Rhein. Hier werden die nächsten Tage Tausende Abkühlung suchen und wohl auch finden.
Der Rigischatten auf dem Umland von Luzern. Irgendwo hier haben die Veloreisenden die letzte Nacht verbracht, nachdem sie den Gotthard überquert hatten, und werden heute die zweitletzte Etappe erfahren, den Abschiedstag sozusagen. Um in der kühleren Morgenluft heimzukommen, werden sie heute Abend noch einmal campieren und dann die letzten Meter ausgeschlafen und ohne Publikum geniessen.
Nachtrag am Abend: Was schrieb ich für einen Blödsinn heute morgen! Das ist weder der Rigischatten noch Luzern. Dieses wäre hinten im Bild zu suchen. Die Webcam steht auf dem Fronalpstock und das Bild von heute Abend stelle ich gleich noch mit ein.
Und hier, in meiner Sehnsuchtsheimat, liegt das Mirjamsteintal noch im Schatten. Zum ersten Mal meine ich Kühe auf der Alp zu erkennen. Vor zwei Wochen war hier oben noch alles weiss. In einem Monat brauche ich für diesen Blick keine Webcam mehr.
Guten Start den Vorbeikommenden hier in diese heisse Woche!

Mittwoch, 19. Juni 2019

ein guter Tag

Das war ein guter Tag heute. Er begann mit einem herzlichen, wertschätzenden, verständnisvollen Telefongespräch mit meiner Schulleiterin. In einer Trambegegnung erfuhr ich dann, dass der Tumor, der einem Freund vor kurzem notfallmässig aus dem Kopf hatte operiert werden müssen, gutartig war, und dann fand ich dieses Gedicht im Wartebereich des Dermatologen. Der hat begonnen, dort jede Woche ein neues Gedicht aufzuhängen.
Es tat dann auch gut, in der Sprechstunde ernst genommen zu werden, echtes Interesse zu spüren.
Anschliessend war ich zwei Stunden unterwegs als Amtsinhaberin des Geschenkeamtes in unserem Team. Kommende Woche werden einige Lehrkräfte verabschiedet, welche die Schule verlassen. Für solche und ähnliche Anlässe sind wir zu dritt für die Geschenke verantwortlich. Ich las mich in einer Buchhandlung für eine gefühlte Ewigkeit fest und erwachte danach wie aus einem wohltuenden Traum. Ich sollte mir mehr Zeit gönnen zum Lesen. 
Die Fortbildung am Nachmittag war um ein Vielfaches wertvoller und inspirierender als ihr erster Teil vor einigen Wochen, und für den sonst einstündigen Rückweg an die Schule ergab sich eine Mitfahrgelegenheit. Und als ich zwei Stunden später ins Abendtram einstieg, rief mir eine Baknnte aus den Kindergartentagen unserer Grossen zu, ich setzte mich zu ihr und es ergab sich ein frohes, positives Gespräch. Es ist immer spannend und berührend für mich, mich an mich aus früheren Tagen zu erinnern, wenn ich Menschen treffe, welche mich die letzten fünf oder gar zehn Jahre nicht erebt haben, wie sie anknüpfen an jene FrauWind von damals.
Und dann lag zu Hause auch noch eine liebevolle, handgeschriebene Karte mit Meergrüssen in der Post.

Dienstag, 18. Juni 2019

nächster Schritt

Der Wunsch nach der Scheidung liegt im Mailpostfach.
Ich schaue hinaus in den Kirschbaum, auf die Rosen, in das Stück bleigrauen Himmel. – Dann ist dies vielleicht der letzte Sommer hier. Ich darf nicht daran denken, nicht an alles, was diesem Schritt zu folgen hat, nicht jetzt, nicht zwischen Krankenkassenbriefen und Krisengesprächen an der Schule, nicht an diesem Tag, an dem ich früher nach Hause gekommen bin, um vielleicht etwas Ruhe zu finden. Wenn ich diesen Rucksack bloss mal abstellen könnte statt ihn immer noch mehr zu beladen, wenn es mir bloss gelingen würde, freundschaftliche Kontakte, die Arbeit mit der Farbe im Schulzimmer, die wachsenden Tomatenpflanzen im Garten und die Freude auf eine Begegnung am Wochenende gleichermassen abzuwiegen.
Wenn es bloss Inseln gäbe in diesem Wellenmeer.

Freitag, 14. Juni 2019

Freitag

Das war eine Woche! Das war ein Tag!
Es gibt zur Zeit keinen Ort, wo ich schwach sein darf. Ausser hier. Da sieht es keine. ;)
Durchs offene Fenster strömt milde Abendluft, die Vögel singen, ein paar wunderschöne Rosenköpfchen gucken zu mir herein. Aber ich kann es nicht richtig sehen, hören, spüren. Alles, was sich vor meinen inneren Augen abspielt, was nach aussen drängt, was Fragen aufwirft, was ansteht, alles unterliegt dem Persönlichkeitsschutz, der Schweigepflicht. Dieses Schützen legt einen Panzer um mich, damit ich nicht berste. 
Wohin das wohl führt? flüstert der Wind. 
...

Montag, 10. Juni 2019

...

Es bewegen sich die Schritte an der Grenze der Kraft. Während ich als Mitglied der Geschenkegruppe an der Schule immer neuen KollegInnen mit Erschöpfungs-Krankschreibungen Geschenke und Karten organisiere, torkle ich auf schmalem Grat dem Schuljahresende entgegen. Und wenn ich dort nicht bin, reise ich zwischen den unterschiedlichen Aufenthaltsorten (geografisch und mental) der Familienmitglieder hin und her. Nur zur Erklärung, warum es hier so still ist. Es wäre mir anders lieber.


Dienstag, 4. Juni 2019

Übergang

Was heute auch anders ist, vielleicht auch deshalb, weil die Gruppe diesmal einen Weg gewählt hat, welcher die ersten paar Tage durch die Schweiz geführt hat und nicht bereits nach wenigen Kilometern das Land verliess: Man weiss, wo sie sind, lebt mit und hofft, es sei nicht ganz so heiss wie hier unten, wo schon am frühen Morgen alles klebt.
Heute haben sie in Andeer übernachtet, ein Name, der für mich so geheimnisvoll klingt, warum vermag ich nicht zu sagen.
Und heute dann verlassen sie die Schweiz,
gelangen über diese Serpentinen hinüber nach Italien und werden dann für den Rest des Tages wohl gegen die 2000 Höhenmeter meerwärts rollen.

(Es war früher einfacher. Da waren sie einfach weg.)

Bildquelle: hier