Gestern abend hängt mir nach.
Der Knabenchor, in welchem mein Jüngster mitsingt, bekommt im Herbst einen neuen Dirigenten und verreist zudem in einer Woche nach Tschechien. Gestern nun waren Eltern und Sänger zu einem Info- und Vorstellungsabend eingeladen.
Der Saal war eigentlich zu klein für die vielen Menschen. Viele Knaben sassen auf und unter den Tischen an der Wand oder quetschten sich in die Fensterluken des alten Münstergebäudes, die Stühle reichten auch nicht für alle Erwachsenen. Und natürlich trafen sich da Eltern, welche sich lange nicht mehr gesehen hatten oder aber sich ständig sehen und daher immer Gespräche am Laufen haben. Einige Mütter hatten ihre jungen Söhne neben sich sitzen. Vermutlich verreisen diese zum ersten Mal mit dem Chor, was nicht nur für die Knaben ein aufregender Schritt ist. Ich sass mit viel Verständnis für diese Situation mitten im entsprechenden Lärm, begrüsste und beobachtete...
Doch dann beginnt die Veranstaltung.
Hallo! Es fängt an!
Gleich zu Beginn der Hinweis, dass für jeden Sänger ein Umschlag mit allen Infos bereit liege, den man doch bitte im Anschluss an den Infoabend beim Hinausgehen mitnehmen soll. Zudem gebe es eine Kiste mit alten Tonträgern, welche man dann auch gratis mitnehmen könne.
Was ich in der folgenden Stunde erlebe, lässt mich beinahe durchdrehen. Während sich da vorne ein junges Team mit tollen, innovativen Ideen und auf originelle Weise vorstellt, und später der Ablauf der Reise skizziert wird, ist es wohl keine Sekunde lang still im Raum. Umschläge mit Infos werden abgeholt (Stühlerücken inklusive) geräuschvoll geöffnet, gelesen, andere schlängeln sich zu der besagten Kiste durch und wühlen mit einer Ausverkauf-Energie im Gratis-Fundus, hinter mir sitzen drei Jungs und kommentieren immer wieder mit halblauten Ausrufen das Spiel, welches der Mittlere auf seinem Smartphone spielt, neben mir zwei Mütter, welche sich ihre spontanen Eindrücke und Assoziationen sofort mitteilen müssen, dann sind da junge Mütter, die ihren unerfahrenen Söhnen das Gehörte in Mamadeutsch übersetzen. Bekommt jemand aus dem "Publikum" das Wort für eine Frage, beginnt automatisch der halbe Saal zu flüstern, besonders dann, wenn die fragende Person im vorderen Drittel sitzt und daher ihre Frage entsprechend leise stellt. Es kommt mir vor, als wäre ich umgeben von Menschen, welche die Meisterschaft beherrschen, ihre Zeit doppelt zu nutzen, einmal dafür, das Wichtigste von dem, was mitgeteilt wird, zu erfassen, gleichzeitig aber die spannenden Gespräche mit dem Nachbarn weiter zu führen.
In der Schule arbeiten wir intensiv mit den Kindern am Thema Impulskontrolle, daran, dass nicht jeder Gedanke sofort ausgesprchen wird, dass ein Kind warten lernt, bis es an der Reihe ist, dass Rätsellösungen nicht einfach herausposaunt werden, dass die Augen geschlossen bleiben, wenn ein unbekannter Gegenstand in die tastende Hand gelegt wird, dass man sich im Klassengespräch gegenseitig aussprechen lässt..... Die Fähigkeit zur Impulskontrolle löst heute sogar hergebrachte Schulreifekriterien ab.
Und hier? Stichwort "gratis" – nichts wie los. Stichwort "mitnehmen" – nachher gibt es nicht. Stichwort "Gastfamilie" – die aufkommende Erinnerung muss sofort ausgetauscht werden. Stichwort "Flüssigkeiten im Handgepäck" – ...
Man könnte jetzt hier auch noch über die Intoleranz multitaskingunfähiger und realitätsferner Sensibelchen sprechen.
Ich jedenfalls vergass, dass mich eine Bekannte gebeten hatte, mich im Anschluss an den Abend noch kurz zu sprechen, floh mit meinem Umschlag erschöpft an die frische Luft, holte mir beim Mc D eine Portion Pommes und legte in der einbrechenden Dämmerung den ersten Teil des Heimweges statt mit der Tram zu Fuss zurück, um wieder atmen zu können.
Werde ich wohl einfach alt?