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Sonntag, 14. Mai 2017

unterwegs

Heute morgen sass im Zug mir schräg gegenüber ein Vater mit seinen beiden kleinen Kindern. Der Sohn, vier Jahre alt, plauderte die ganze Zeit, stellte Fragen, kommentierte das Essen, studierte Etiketten, stellte sich die Tiere vor, die im Zoo auf ihn warten, erklärte dem Mitreisenden vor mir, was an dessen Bart anders sei als an dem seines Vaters, fragte die Fahrgäste in den benachbarten Abteilen, ob sie gerne einen Kaffee hätten, um ihnen dann mit Bedauern mitzuteilen, dass das heute leider nicht möglich sei und sein Papa den seinen bereits ausgetrunken habe.
Es war wunderbare Unterhaltung pur. Die kleine, vielleicht 18 Monate alte Schwester sass während dem auf dem Schoss des Vaters, völlig entspannt an ihn geschmiegt, und beobachtete mit ihren dunkeln Mandelaugen das Geschehen zwischen ihren beiden vertrauten Menschen, ruhig, sanft, vertieft in die Klänge und Bilder, welche zwischen den beiden in ihren Dialogen entstanden. Hie und da strich der Vater mit seiner grossen Hand liebvoll durch die feinen Haare. 
Ich sass da wie gebannt, spürte an mir die entspannte Wärme, die Schwere des Kopfes, seine Rundung und den Haarflaum in meiner Hand, die Weichheit der Haut an meiner Wange, das offene Händchen, durch welches mein Daumen streicht...
Zerst war es nur dieses starke, körperliche Empfinden, als trüge jede Zelle meines Körpers bis ans Ende ihres Lebens Erinnerung. Ich merkte, wie Tränen über mein Gesicht rannen und wurde von ihnen geweckt. Und in diesem Moment spürte ich in mir eine Wärme, eine helle, liebevolle Wärme und wusste, dass diese innere Berührung, diese Nähe nicht Erinnerung ist, sondern Lebensrealität, die ich in mir trage, unauslöschlich, geschenkt wohl über Zeitliches hinaus.