Nach der Pause. Von allen Seiten strömen kleine und grosse Menschen Treppen hoch und Gänge entlang. Mitten drin hüpfgt beschwingt ein kleines Mädchen in Begleitung von Mutter und Logopädin. Ich sehe es nur von hinten und freue mich über den Anmut dieses kleinen Wesens. Plötzlich bemerke ich eine gleichsam magnetische Anziehung. Ein Mädchen aus der 5. Klasse breitet die Arme aus und eilt der Kleinen entgegen, welche der Grossen in die Arme fliegt und herumgewirbelt wird. Und da erkenne ich sie alle beide, die eine, weil sie zur Klasse ein Stockwerk unter uns gehört und ihre kleine Schwester, weil ich von ihr seit ihrer Geburt weiss und sie auch schon einige Male gesehen habe. Ich gehe nochmal die paar Treppenstufen zurück, gehe zur Mutter, welche unterdessen ihre Jüngste auf dem Arm hat, begrüsse sie und versinke dann im Blick des Kindes, dieserm unendlich vertrauten, ruhigen, tiefen Blick, der in meinem ruht. Es kommt mir vor, als würden wir uns kennen seit Ewigkeit. Es ist da dieses Verstehen auf einer Ebene, die keine Worte braucht. Es ist der Zauber, den ich nur mit Mirjam erlebt habe. In dem Moment hört alles ringsum auf zu existieren.
Ich weiss nicht, wie ich die Treppe hoch gekommen bin. Irgendwann stand ich vor der geschlossenen Klassenzimmertüre, die Tränen liefen mir übers Gesicht, tropften zu Boden und ich ging den unendlich langen Weg zurück in meine Aufgabe als Klassenlehrerin um zehn Uhr dreissig an diesem elften März.