Bisher hatte ich wenig "Hochhaus"erfahrung. Ich habe mein Leben lang bodennah gewohnt, studiert, gearbeitet, Ferien verbracht. Das fällt mir erst jetzt auf, wo ich täglich aus dem vierten Stockwerk hinüber und hinunter blicke. Es ist eine Horizonterweiterung im Wortsinn, und manchmal verwirrt mich das. Ich stehe da am Fenster im leeren, stillen Schulzimmer und blicke hinunter auf den Schul-, Freizeit und Begegnungshof, auf die selten befahrene Strasse, auf die Baustelle vis à vis, sehe den Handwerkern zu, wie sie jetzt den Neubau verschalen, Eltern, die ihren kleinen Kindern die Hände reichen, wenn sie von einer Mauer springen wollen, solche, welche mit anderen ein zVieribuffet auf den Steinstufen ausbreiten, währenddem ihre Sprösslinge herum tollen. Jugendlich sitzen auf der Einfahrt zur untergeschossigen Garage und teilen Kraft, Kopfhörer und Worte.
Doch immer geschieht das so weit weg, so unwirklich, als wäre es ein Puppentheater, welches mich so rein gar nichts angeht.
Die junge Frau, die mit wehenden Haaren aufrecht auf ihrem Fahrrad sitzend vorbei fährt. Warum tut sie das? Warum steck sie sich Ziele? Warum wirkt sie so vorfreudig in ihrer Bewegung?
Und die Handwerker, die da auf dem Dach die Sonnenkollektoren montieren: Macht es Sinn, dass sie hier oben stehen und schrauben? Sinn für ihr Leben? Erleben die etwas wie Glück in ihrer Arbeit? Oder hat der Zufall ihnen dieses Rädchen zugeteilt und da drehen sie nun?
Und der Asylant, der mit einem langen Rechen frühes Herbstlaub aus dem Brunnen fischt... Was bewegt ihn? Wartete er noch oder ist er angekommen?
Warum bewegt sich alles dort unten, unsichtbar gesteuert?
Nur der Blick zum Wald und zu den Wolken wiegt mich in vertrauter Sicherheit.
Im Treppenhaus riecht es nach Sauberkeit, sosehr, dass meine Augen brennen. Kurz darauf gehe ich selber über den Hof, mir seltsam fremd. Ich blicke hoch zum Fenster. Da steht keine, die meine Choreographie beobachtet. Leise segelt ein Blatt in den sauberen Brunnen. Der grosse Zeiger an der Schulhausuhr rückt einen Minutenstrich weiter vor, in seiner Richtung festgelegt, ohne Spielraum.
Werde ich vielleicht gleich aus diesem Traum erwachen? Oder schläft ein Lied in allen Dingen?




