Seiten

Mittwoch, 20. September 2017

von oben herab

Bisher hatte ich wenig "Hochhaus"erfahrung. Ich habe mein Leben lang bodennah gewohnt, studiert, gearbeitet, Ferien verbracht. Das fällt mir erst jetzt auf, wo ich täglich aus dem vierten Stockwerk hinüber und hinunter blicke. Es ist eine Horizonterweiterung im Wortsinn, und manchmal verwirrt mich das. Ich stehe da am Fenster im leeren, stillen Schulzimmer und blicke hinunter auf den Schul-, Freizeit und Begegnungshof, auf die selten befahrene Strasse, auf die Baustelle vis à vis, sehe den Handwerkern zu, wie sie jetzt den Neubau verschalen, Eltern, die ihren kleinen Kindern die Hände reichen, wenn sie von einer Mauer springen wollen, solche, welche mit anderen ein zVieribuffet auf den Steinstufen ausbreiten, währenddem ihre Sprösslinge herum tollen. Jugendlich sitzen auf der Einfahrt zur untergeschossigen Garage und teilen Kraft, Kopfhörer und Worte. 

Doch immer geschieht das so weit weg, so unwirklich, als wäre es ein Puppentheater, welches mich so rein gar nichts angeht.
Die junge Frau, die mit wehenden Haaren aufrecht auf ihrem Fahrrad sitzend vorbei fährt. Warum tut sie das? Warum steck sie sich Ziele? Warum wirkt sie so vorfreudig in ihrer Bewegung?
Und die Handwerker, die da auf dem Dach die Sonnenkollektoren montieren: Macht es Sinn, dass sie hier oben stehen und schrauben? Sinn für ihr Leben? Erleben die etwas wie Glück in ihrer Arbeit? Oder hat der Zufall ihnen dieses Rädchen zugeteilt und da drehen sie nun?
Und der Asylant, der mit einem langen Rechen frühes Herbstlaub aus dem Brunnen fischt... Was bewegt ihn? Wartete er noch oder ist er angekommen?
Warum bewegt sich alles dort unten, unsichtbar gesteuert?

Nur der Blick zum Wald und zu den Wolken wiegt mich in vertrauter Sicherheit. 
Im Treppenhaus riecht es nach Sauberkeit, sosehr, dass meine Augen brennen. Kurz darauf gehe ich selber über den Hof, mir seltsam fremd. Ich blicke hoch zum Fenster. Da steht keine, die meine Choreographie beobachtet. Leise segelt ein Blatt in den sauberen Brunnen. Der grosse Zeiger an der Schulhausuhr rückt einen Minutenstrich weiter vor, in seiner Richtung festgelegt, ohne Spielraum.

Werde ich vielleicht gleich aus diesem Traum erwachen? Oder schläft ein Lied in allen Dingen?

Montag, 18. September 2017

irgendwie hilflos

Irgendwo ist wohl immer irgend ein Leck. Würde sonst ja irgendwann langweilig. Ich glaube, ich beginne nun auch, den Hoch- und Tiefdruckgebieten Namen zu geben. Dabei weiss ich gar nicht so genau, ob es einfacher ist, mitten im Sturm zu stehen oder in den Nachwehen des Rückzuges zurückzubleiben. – Hilflosigkeit ist wohl nie einfach.

Samstag, 16. September 2017

rechtzeitig

Da haben überall Primeln und Osterglocken geblüht, am nächsten Tag hat es geregnet, dann war an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Hochsommer und heute hockt der Herbst spürbar in allen erdenklichen Startlöchern. Diese Ausbildungstage wirken wie  Zeitbeschleuniger. Zwar liegen zwischen den einzelnen Tagen jeweils etwa vier Wochen, letztes mal gar acht, wenn ich dann aber die Wege wieder gehe, in das Gebäude eintrete, die Menschen begrüsse, dann ist es wie gestern.
So sinnend spazierte ich heute den Hügel hinauf und fühlte mich umgeben von Zeitsprachspielereien. Sie wird uns gegeben, sie wird uns genommen, sie läuft davon, wird verpasst, ist erfüllt, lässt sich nicht zurückdrehen, man kann mit ihr gehen, doch manchmal muss man sie stehlen oder sie wird tot geschlagen, sie hat Rat im Gepäck, heilt Wunden, sie ist gezählt und wenn sie mein ist, dann kommt sie. Leicht melancholisch schritt ich durch diese zerrinnenden Illusionen und hätte die Augen gerne verschlossen, als ich die Endlichkeit neben mir herschreiten sah. "Ich mag dein Vokabular nicht." versuchte ich sie abzuwimmeln. "Nie wieder, zum letzten Mal, endgültig... Lass mich damit doch in Ruhe. Der Herbst hat eben erst angefangen zu beginnen."
Oben angekommen, packte ich meine Sachen aus: Buch, Notizheft, Schreibzeug, und weil ich die Salbe nicht gleich finden konnte auch das momentane Unterwegs-Begleitbuch. "JETZT", stand da gross und schlicht auf hellem Grund. Erleichtert tat ich einen tiefen Atmenzug und wandte mich schmunzelnd meiner Begleiterin zu. Doch sie war verschwunden.

Donnerstag, 14. September 2017

gültig

Nachdem der Tag zwar stürmisch, aber mit warmem, hellem Überraschungssonnenschein begonnen hatte, zog kurz vor Unterrichtsbeginn eine beeindruckende Front auf, und als wir wenig später im Kreis versammelt waren, überliessen wir für eine ganze Weile das Singen dem Wind, der mit seinem Heulen das ganze Schulhaus erfüllte.



Am Abend dann, als der Schulungsleiter seinen Laptop zuklappte und den Bildungsnachmittag für abgeschlossen erklärte, just in dem Moment, übernahm er, masslos verschwenderisch.


Mittwoch, 13. September 2017

...

Da ist heute die Tochter ausgezogen, hinaus in ihr neues Studentenleben in der französischen Schweiz, hinaus aus dem Haus, in dem sie Kind war, Jugendliche, Zeugin gewaltiger Stürme und Gewitter. Nun breitet sie ihre Flügel – und ich war nicht mal zu Hause, als sie losflog. Sie reiste halt, als wäre es das Selbtstverständlichste der Welt. Ist es ja auch. Das Leben verändert sich im Stillen mit ständiger Wachstumskraft. 
Da sind es also nur noch vier, und statt Heimkommen heisst es jetzt Besuch.


... Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit, 
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.
Kalil Gibran, 1883-1931

Dienstag, 12. September 2017

Platzwechsel

Nach weit über 200 Elternabenden in der Mutterrolle heute nun die Rollentauschpremiere.
Vorgestellt hätte ich mir diesen Abend gerne ohne verquollene, geschwollene, gerötete, schuppige Augen. Ändern kann ich es nicht. Eigentlich bin ich gespannt auf die Menschen, die Eltern von so wunderbaren Kindern sein dürfen. Hoffentlich reagierern sie nicht nur auf den ersten Blick, sonst kann ich einpacken. Daumen erwünscht!




Danke! 
Alles gut gegangen, bloss dass ich meinen Schlüssel nicht mehr finden konnte/ kann. Gut zu spüren, dass ich hinter und in dem stehe, was ich tue und die Eltern dadurch Vertrauen schenken. Traumjob. 

13.9.
was für eine beruhigende Mail am frühen morgen: "Dein Schlüssel ist in meiner Tasche gelandet." – Na dann, auf ins neue Abenteuer. Heute wird improvisiert.

Sonntag, 10. September 2017

Sehnsucht

Dieses Fliessen, diese Kraft darin, diese Tiefe im Erinnern.
Nie werde ich wissen, ob es eine Grenze gibt zwischen dem was war und dem was ist.
Nie werde ich Gewissheit haben, ob meine Wünsche ankommen.
Nie wird das Wasser über die Steine am Ufer sprechen. Es umspült sie und drängt weiter. 
"Sehnsucht" heisst vielleicht bloss der Versuch, einem Geheimnis einen Namen zu geben, einem Geheimnis, welches hilft, den Boden des Himmel nie ganz zu verlieren.
Nichtwissen ist die Schwester der Sehnsucht, und Liebe die Luft, die sie atmen, und Loslassen die Kraft, die in die Teife befreit.