Seiten

Montag, 11. März 2019

sprachlos

Ich weiss nicht, ob dies ein Fastnachtsbeitrag ist oder ein vorgezogener Aprilscherz. Wenn es ernst gemeint ist, dann – ich fass es einfach nicht.

Samstag, 9. März 2019

Begegnung

Ich bin am Räumen, die ganze Woche schon, immer wieder ein Stück weiter. Auf einem Stapel, der langsam über Wochen gewachsen ist, liegen Briefe, Geschenke, Bücher, Versicherungspolicen, Fotos und anderes mehr, was ich beantworten, zurückschicken, ausfüllen, kopieren oder sonst irgendwie "bearbeiten" möchte und muss. 
Eines davon habe ich in den Tagen nach Weihnachten bekommen von einer weit über achzigjährigen Frau, die mit ihrer Post danken wollte für eine Zufallsbegegnung am Tag zuvor. Allein dies machte mich sprachlos. Sie hat mir Kopien von Bildern und Texten geschenkt, welche im Laufe ihres langen Lebens entstanden sind und mich zutiefst berühren. Doch ganz unmittelbar fehlten mir die Worte, um angemessen zu reagieren, und dann begann wieder die Schule, und bald war das Mäppchen Stapelbestandteil. 
Heute nun war dieser Stapel Tagesaufgabe an mich. Zuerst jedoch reiste ich vier Dörfer weiter zur nächsten Apotheke. Und während ich wartete, trat neben mich an die Ladentheke die nächste Kundin: Diese Frau, deren Geschenk zu Hause auf meinem Schreibtisch liegt. Statt zu schreiben wartete ich nun mit ihr auf ihr Tram, und statt nach Worten zu suchen, durfte ich den ihren lauschen. Es ist mir so lange schon niemand mehr begegnet, der ohne Umschweif sofort die tiefsten Fragen und Wahrheiten im Fokus hat. Sie erzählt mir vom grünen Sofa ihrer Kindheit, wo ihre Eltern miteinander und mit Freunden die Gespräche führten, die sie geheim oder daneben sitzend als Mädchen staunend trank, von denen sie geprägt und genährt wurde für ihr ganzes Leben. Sie schildert die Stimmung, wenn Friedrich Dürrenmatt mit ihrem Vater nächtelang philosophierte, zitierte, Bücher entwarf. Sie erzählt von ihrer Mutter, welche mit den Pflanzen sprach und sich alles in ihrem Garten von ihnen zeigen liess. Es ist, als sässe ich mit im Raum, als über den russischen Photographen, dessen Namen ich mir nicht merken konnte, und seine neue Technik, mit der er Unsichtbares sichtbar machen konnte, gesprochen wird. Statt dessen aber stehen wir an der Haltestelle, das kleine Mädchen mit den funkelnden Augen ist über 86 Jahre alt und meint dann, sie würde sich trotzdem über einen Brief von mir freuen.
Aber das traue ich mich nun nicht mehr. Mein Staunen möge Dank genug sein.

Freitag, 8. März 2019

Zeit

Auch das können Ferienperspektiven sein! 
Und während ich warte und umherschaue – die Sessel vor den Umkleidekabinen sind von anderen Eltern besetzt – bestaune ich die Balken über meinem Kopf. 
Es muss ein uraltes Gebäude sein, in dem wir stehen, und es schert sich gewiss einen Deut um die Mode, die hier im Halbjahresrhythmus wechselt.

Donnerstag, 7. März 2019

räumen – Raum

Fast zwei Jahre lang hat es mir der Zustand meiner Haut verunmöglicht, im Garten zu arbeiten. Gestern habe ich mir einen Flecken vorgenommen und begonnen, ihn von dürren und alten Verwachsungen zu befreien, einen Teil des Laubes zu entfernen, welches sich darin verfangen hatte und die Erde zu lockern. Es tat uns gut.
Vor allem aber staune ich über den unerwarteten Blütenreichtum, welcher da zur Geltung kommt. Wie selbstbewusst sich diese Blumen auf einmal dem Licht entgegen recken jetzt, da sie nicht mehr versteckt sind unter all den Altlasten.
Eine Nachbarin hatte mir zum ersten Himmelsgeburtstag einen Stock Christrosen geschenkt. Das Grab war damals so übervoll von Blumen, dass ich der Pflanze im Garten einen Platz gab. Unterdessen hat sie sich auf bestimmt einen Quadratmeter ausgebreitet. 
Dieses Jahr trägt sie zum ersten Mal auch weisse Blüten. 
Ich hoffe, noch andere Winkel rund ums Haus frühlingsfrei zu räumen in den kommenden Tagen. Heute ist der Schreibtisch dran (für dessen Zustand ich keine echte Ausrede habe).

Dienstag, 5. März 2019

Fermate

Der vierte unterrichtsfreie Tag ist Geschichte. Die Geschichte handelt von Schlafen, Spazieren, Nichtstun, Tochtergesprächen und ein paar Dingen rund ums Kochen und Waschen. Ich wusste nicht, dass in mir soviel Müdigkeit steckt.
Manchmal denke ich nach über das, was in den letzten Tagen durch Lesen und Schreiben in Bewegung geraten ist. Vielleicht, denke ich, vielleicht ist das ja die Narbe, von der im Anschluss an den Trauerprozess manchmal gesprochen wird, dieser immer leicht wunde, gezeichnete Ort in mir, der diese Kontinentenferne erschafft. Zumindest fühlt sich dieser Gedanke entlastend an.

Montag, 4. März 2019

Kontrapunkt

Die Welt ist Energie. Das Leben ist es auch, Energien, die sich manifestieren, manipulieren, beeinflussen, bedingen. Und es liegt in der Natur dieses komplexen Geschehens, dass die Oberfläche immer bewegt ist, dass Unruhe das Kontinuum ist, dass in Wellen gesendet und empfangen wird. Irgendwo spielt mitten drin der freie Wille des Individuums mit, sagt man, erlebe ich zeitweise, frage ich mich oft. 
Wenn dem so wäre, so liesse sich Schwere durch innere Gedankenschöpferkraft überwinden.

Eindringlich und hell beschreibt das heute eine Frau, die viel jünger ist als ich und doch an einem Punkt zu stehen scheint, den ich in ganz besonderen Momenten erfahren habe, der in meinem Leben jedoch Gipfelglück und nicht Alltagsweg bedeutet.
Es kommt mir vor, als hätte sie den Text hier gestern gelesen und sich herausgefordert gefühlt, die Negativität dieser Sichtweise umzukehren. Natürlich ist dem nicht so. Sie ist eine professionelle Bloggerin, ich eine versteckte Notizenschreiberin, und doch glaube ich, dass auch hier ein Energiegesetz wirkt. Man findet, was man sendet und sieht, was man sucht und bekommt, was man tragen kann...
Ich bewundere Menschen wie sie. Es entsteht in diesem Kraftfeld in mir jedoch nicht Mut. Ich bleibe in der staunenden, weit entfernten Betrachterrolle, als würde ich das Geschehen auf einem anderen Kontinent beobachten. Vielleicht würde sie meine Welt miesepetrig nennen. Doch das ist sie nicht. Sie ist bloss sehr verletzlich, hellhörig, zerbrechlich.

Es stürmt draussen. Der, welcher als Kirschbaum in diesem Geschehen steht, strahlt Kraft und beinahe Ruhe aus. Andere Pflanzen neigen sich bis fast auf den Boden. Ich gehöre wohl eher zu denen. 

Du redest dich heraus, weil du die Arbeit scheust! raunt es von hinten rechts. Ich gehe jetzt hinaus und lasse mich durchwehen. Dann schauen wir weiter.

unterwegs: Flatterfahne in Licht und Sturm!

Sonntag, 3. März 2019

Zwischenspiel

Sie sitzt am Sonntagstisch und scannt sich durch die Gedankengefühle. Denken ohne Fühlen fällt ihr schwer. Fühlen ohne zu denken scheitert an ihrer Kontrollsucht. Ständig insisitiert diese Stimme aus dem rechten Hinterhalt, teilt in gute und schlechte Gefühle ein, in solche, welche unangebracht und daher wegzudenken sind und setzt statt dessen Gedanken in den Führersitz, welche zu den richtigen Gefühlen führen sollten. Da ist kein Fliessen, denn dieses Hin und Her wirkt wie bremsende Schleusen, in denen man zwischen engen, starken, öden, nassen Wänden wartet, bis Ausgeglichenheit wiederhergestellt ist und sich das schwere Tor langsam öffnet. Da ist keine Leichtigkeit, denn diese gehört der Flatterhaftigkeit der Vögel, der zu entsagen ihr beigebracht worden ist. Da ist keine Intuition, denn diese wählt zielsicher immer genau jene Richtung, welche der Verstand mit seinem Gedankenbollwerk blockiert.
Vor ihr liegt ein Gummiband, ein weisses, langes. Sie spannt es zwischen die Daumen und dehnt und entspannt es im Rhythmus des Atems. Irgendwann wird es zu Ende sein. Irgendein Atemzug wird der Letzte sein. Todsicher. Sie fürchtet sich nicht davor. Aber sie fürchtet sich vor der Möglichkeit, dann der Frage gegenüberzustehen: Warum hast du dein Leben nicht mutig in den Fluss gesetzt und der Strömung vertraut? Die Stimme aus dem Hinterhalt wird schweigen. Und sie wird die nicht gegangenen Wege vor sich sehen, die nicht ausgesprochenen Worte hören, den nicht gefühlten Schmerz fühlen. Die nicht geöffneten Geschenke werden sich auflösen wie Träume im Moment des Erwachens. Und dann?