Es regnet, obwohl dies in keinem Wetterbericht stand.
Heute nehme ich das persönlich.
"Tschüss, und schönen Tag morgen!" ruft der Sohn, der bei der Freundin übernachtet. Sein ganzer Kopf ist voll von Mathe und Physik. Die Noten zählen im Maturzeugnis. Und vor der Prüfung morgen früh hat er noch Fahrstunde.
"Habe ich etwas Falsches gesagt?" fragt er, wahrscheinlich, weil ich ihm nicht postwendend alles Gute für die Prüfungen gewünscht habe.
"Nein, nein. Dir auch einen schönen Tag", antworte ich bloss. Und weg ist er, mitten in seinem Leben, und das ist gut so.
Ich ahne, dass es besser wäre, an einem solchen Tag nicht allein zu sein. Ich weiss, dass es niemals die Aufgabe der Kinder ist, dafür zu sorgen. Und ich realisiere, dass ich für mich selber nicht wirklich zu sorgen verstehe.
Vielleicht ist diese Einsicht die erste Muskelzuckung zum ersten Schritt auf dem neuen Weg.
Ich hätte nicht gedacht, dass hinter all der Wut und Enttäuschung, hinter den Verletzungen und Abweisungen der letzte Jahre soviel Trauer steckt. Ein ganzer Stausee hat sich da gebildet, ein tiefer, stiller, dunkler See, in dem sich kein Mond spiegelt heute Nacht, weil Neumond ist.
Neu-Mond.
Und wieder und wieder ....
... flammen heute winzige Erinnerungsfetzchen auf, huschen wie Sternschnuppen vorbei und sind weg, hinterlassen bloss eine Sehnsucht danach, hinter den Schleider des Unterbewusstseins schauen zu können.
Ich muss geträumt haben heute früh, es war eine Begegnung, aber sonst weiss ich nichts. Nur jedes Mal, wenn wieder eines dieser hellen Sternschnüppchen aufleuchtet – stets unvermittelt und in den seltsamsten Zusammenhängen – ahne ich, dass es eine gute Begegnung war, eine helle, leichte, gesunde.
So wie heute ist mir das Älterwerden noch nie bewusst geworden. Eine Weiterbildung im Sport bei einem Fachmann "im besten Alter", sämtliche Teilnehmerinnen sind geschätzt zwichen 5 und 15 Jahren jünger als er, ich als einzige etwas mehr als 10 Jahre älter.
Man kann sich das einfach ein bisschen fantasievoll ausmalen und wird damit nicht sehr daneben liegen. Es ging alles mit völlig korrekten und pandemiekonformen Dingen zu und her. Es liegt einfach in der Natur der Sache. Aber das Gefühl dazu lerne ich erst jetzt kennen.